Schwe­res Amt von Chi­nas Gna­den

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - ERNST HERB,

Manch Spit­zen­po­li­ti­ker ei­nes struk­tur­schwa­chen In­dus­trie­lan­des wür­de wohl all­zu ger­ne mit der am Sonn­tag ge­wähl­ten künf­ti­gen Hong­kon­ger Re­gie­rungs­che­fin tau­schen. Die wirt­schaft­li­che au­to­no­me chi­ne­si­sche Son­der­ver­wal­tungs­re­gi­on kennt prak­tisch kei­ne Ar­beits­lo­sig­keit. Das Fi­nanz­zen­trum pro­fi­tiert vom pul­sie­ren­den süd­chi­ne­si­schen Wirt­schafts­raum. Hong­kong hat kei­ne Schul­den, son­dern gar Fi­nanz­re­ser­ven in Hö­he von 3,5 Bio. HK-$ (450 Mrd. $). Trotz­dem über­nimmt die in ei­nem Erd­rutsch­sieg ins Amt ge­hiev­te Car­rie Lam vom un­po­pu­lä­ren Vor­gän­ger Le­ung Chun-ying ei­ne schwe­re Bür­de. Die 1997 an Chi­na zu­rück­ge­ge­be­ne ehe­ma­li­ge bri­ti­sche Ko­lo­nie steht trotz äus­ser­li­cher Stär­ke vor enor­men Her­aus­for­de­run­gen.

So ist der Im­mo­bi­li­en­markt aus­ser Rand und Band. Das hängt mit dem re­form­be­dürf­ti­gen Wech­sel­kurs­sys­tem zu­sam­men. Der Hong­kong-Dol­lar ist seit 1983 an den US-Dol­lar ge­kop­pelt. Die nun im Gleich­schritt mit dem Gre­en­back er­star­ken­de Wäh­rung ist vor al­lem für In­ves­to­ren aus Fest­land­chi­na ein si­che­rer Ha­fen ge­wor­den. Das miss­fällt nicht nur der chi­ne­si­schen Re­gie­rung, die sich mit al­ler Kraft ge­gen die Ka­pi­tal­flucht stemmt, son­dern treibt die Im­mo­bi­li­en­prei­se nach oben.

Das hat zur Ver­schär­fung so­zia­ler Span­nun­gen ge­führt. Und stei­gen­de Bü­ro- und Woh­nungs­mie­ten ha­ben den lo­ka­len Fi­nanz­platz ge­gen­über Kon­kur­ren­ten wie Sin­ga­pur oder Schang­hai we­ni­ger wett­be­werbs­fä­hig ge­macht. Die 59-jäh­ri­ge Lam, bis An­fang Jahr Num­mer zwei der lo­ka­len Re­gie­rung, muss jetzt da­für sor­gen, dass sich der Wech­sel­kurs des frei kon­ver­ti­blen Hong­kong-Dol­lar an den Yuan an­passt. Falls sie da­bei nicht mit Um­sicht vor­geht, kann leicht das Ver­trau­en aus­län­di­scher In­ves­to­ren ver­lo­ren ge­hen. Lam, die 1980 in den Di­enst der da­ma­li­gen Ko­lo­ni­al­ver­wal­tung ein­trat, wird auch am Aus­gleich in­nen­po­li­ti­scher Span­nun­gen ar­bei­ten müs­sen. Da­bei ist sie schon durch das Wahl­ver­fah­ren be­nach­tei­ligt. Die ers­te Frau an der Spit­ze der lo­ka­len Re­gie­rung wur­de nicht di­rekt von Volk oder Par­la­ment ge­wählt. Ge­kürt wur­de sie von ei­nem stän­de­staat­li­chen Wahl­gre­mi­um, de­ren 1194 Mit­glie­der in der Mehr­heit pe­king­freund­li­che Wirt­schafts­ver­tre­ter sind.

Der stu­dier­ten So­zi­al­ar­bei­te­rin geht da­mit in den Au­gen der Op­po­si­ti­on die de­mo­kra­ti­sche Le­gi­ti­ma­ti­on ab. Als von der Re­gie­rung in Pe­king be­vor­zug­ten Kan­di­da­tin se­hen ih­re Kri­ti­ker mit ih­rer Wahl das Prin­zip von «ein Land, zwei Sys­te­me» in Fra­ge ge­stellt. Ge­mäss ei­ner Ver­ein­ba­rung mit Grossbritannien ver­fügt das Ter­ri­to­ri­um bis ins Jahr 2047 über ein gros­ses Mass an Au­to­no­mie. Das Ab­kom­men hat­te po­li­ti­sche Re­for­men, ein­schliess­lich der Volks­wahl des Re­gie­rungs­chefs, vor­ge­se­hen.

Iro­ni­scher­wei­se hat­te Lam als Ver­wal­tungs­che­fin ge­ra­de die­se Re­form vor drei Jah­ren vor­an­ge­trie­ben. Doch schei­ter­te sie am Wi­der­stand der Op­po­si­ti­on, die über ei­ne Sperr­mi­no­ri­tät im Par­la­ment ver­fügt. Strit­tig war die For­de­rung Pe­kings, dass Kan­di­da­ten vom Wahl­gre­mi­um hät­ten er­nannt wer­den müs­sen. Das lös­te Mas­sen­pro­tes­te im Jahr 2014 aus, die zur Be­set­zung ei­nes Teils des Hong­kon­ger Ver­wal­tungs­zen­trums führ­ten. Ob Lam nun wie ver­spro­chen Brü­cken zur Op­po­si­ti­on bau­en kann, muss sie erst be­wei­sen.

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