Öko­no­mi­sche Ide­en über Bord wer­fen

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE -

Die öko­no­mi­sche Leh­re ist un­ter Druck. Nach der Fi­nanz­kri­se wur­den die Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten mit Kri­tik über­schüt­tet, da sie den nur knapp ab­ge­wen­de­ten Zu­sam­men­bruch des Ban­ken­sys­tems nicht vor­her­ge­se­hen hat­ten. Der nai­ve Glau­be an Mo­del­le hat die Kri­se wohl gar erst mög­lich ge­macht.

Der Bas­ler Öko­nom Bru­no S. Frey will nun ei­ne «schöp­fe­ri­sche Zer­stö­rung» in den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten an­re­gen: «Die Öko­no­mie ist ei­ne gut eta­blier­te und selbst­si­che­re Wis­sen­schaft. Sie kann es sich leis­ten, kri­ti­siert zu wer­den und Leh­ren ab­zu­wer­fen», sagt er im Ge­spräch mit «Fi­nanz und Wirt­schaft». Zu­sam­men mit dem Mit­her­aus­ge­ber Da­vid Ise­lin lässt er in ei­nem neu­en Buch sieb­zig Au­to­ren kurz er­klä­ren, wel­che Ide­en aus den Wirt­schafts­lehr­bü­chern ver­bannt wer­den sol­len.

Die FuW hat fünf Ide­en aus dem Buch her­aus­ge­pickt und er­klärt, war­um man sie ver­ges­sen darf (vgl. Tex­te auf die­ser Sei­te). An­de­re Theo­ri­en, die in dem Buch aus­ein­an­der­ge­nom­men wer­den, sind et­wa die Ei­gen­ka­pi­tal­ren­di­te als Ziel­mar­ke von Ban­ken. Oder dass Staats­schul­den die künf­ti­gen Ge­ne­ra­tio­nen be­las­ten.

Bei der The­men­wahl wa­ren die Au­to­ren frei. Da­her rei­chen die Ide­en von ganz grund­sätz­li­chen Fra­gen des mensch­li­chen Seins bis zu tech­ni­schen De­tails volks­wirt­schaft­li­cher Mo­del­le. «Ich kann nicht je­de Aus­sa­ge in dem Buch un­ter­schrei­ben», sagt Frey. «Aber die Tex­te müs­sen ernst ge­nom­men wer­den.» Wer mit ei­nem Auf­satz nicht ein­ver­stan­den sei, der müs­se nun ar­gu­men­tie­ren. Ne­ben be­kann­ten Öko­no­men wie dem MIT-Pro­fes­sor Da­ron Ace­mog­lu wur­den Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler und For­scher aus an­de­ren Ge­bie­ten wie der Eth­no­lo­gie und der Psy­cho­lo­gie für das Buch ge­fun­den.

Wich­tig für Frey war, dass die Au­to­ren ein­zeln für ih­ren Text die Ver­ant­wor­tung tra­gen: «Heut­zu­ta­ge ver­fasst man oft zu dritt oder zu viert ei­nen Auf­satz», be­rich­tet er. «Doch so ver­steckt man sich hin­ter sei­nen Mi­t­au­to­ren.» Ab­sicht­lich woll­te er kei­nen Ein­fluss neh­men, wel­che Ide­en die Au­to­ren auf wel­che Wei­se an­grei­fen.

Ziel des Bu­ches war, «kla­re State­ments» zu be­kom­men. Das ist ge­lun­gen. Es ist für Le­ser in­ter­es­sant, die sich trau­en, die ei­ge­nen Glau­bens­sät­ze zu hin­ter­fra­gen. «Eco­no­mic Ide­as You Should For­get». Bru­no S. Frey und Da­vid Ise­lin (Hrsg.). Sprin­ger, 2017. 166 Sei­ten. 33 Fr. Ei­ner der gros­sen Angst­ma­cher der heu­ti­gen Zeit: Mensch­li­che Ar­beits­kraft wird über­flüs­sig, da Ro­bo­ter dank künst­li­cher In­tel­li­genz mehr und mehr Auf­ga­ben über­neh­men kön­nen. Im Jahr 2013 bei­spiels­wei­se hat ei­ne Stu­die von Carl Be­ne­dikt Frey von der Uni­ver­si­tät Ox­ford Wel­len ge­schla­gen. Ge­mäss der Un­ter­su­chung wa­ren un­ge­fähr 47% der Ar­beits­plät­ze in den USA in Ge­fahr, au­to­ma­ti­siert zu wer­den. Von ei­ner bal­di­gen Au­to­ma­ti­on be­trof­fen sei­en be­son­ders ein­fa­che ma­nu­el­le Auf­ga­ben und Rou­ti­ne­tä­tig­kei­ten im Bü­ro.

Droht der Mensch­heit we­gen der tech­ni­schen Ent­wick­lung Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit? Und könn­te sich da­durch die Un­gleich­heit zwi­schen Ge­win­nern und Ver­lie­rern noch wei­ter auf­tun? Um den so­zia­len Ver­wer­fun­gen ent­ge­gen­zu­hal­ten, hat et­wa der Mi­cro­soft-Grün­der Bill Ga­tes ei­ne Steu­er auf Ro­bo­ter ver­langt. Je mehr Gü­ter und Di­enst­leis­tun­gen ein Land pro­du­ziert, des­to bes­ser geht es den Men­schen dort. So den­ken vie­le Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler und Po­li­ti­ker. Da­her wird hef­tig dar­an ge­ar­bei­tet, wie man das Brut­to­in­land­pro­dukt (BIP) ei­nes Lan­des er­hö­hen kann. Denn das Wachs­tum der Wirt­schaft macht ja die Men­schen glück­lich.

Doch Richard Eas­ter­lin von der Uni­ver­si­ty of Sou­thern Ca­li­for­nia kri­ti­siert die­se Denk­wei­se in sei­nem Ka­pi­tel: «Zwar ist der ma­te­ri­el­le Le­bens­stan­dard wich­tig. Doch da­bei wer­den an­de­re ent­schei­den­de Be­stand­tei­le des Wohl­be­fin­dens aus­ge­blen­det, wie et­wa Fa­mi­li­en­le­ben, Ge­sund­heit, Ar­beit und Zie­le.» Da­zu kommt ei­ne ganz grund­sätz­li­che Kri­tik an der Pla­nung von oben: «Ein Be­ob­ach­ter ent­schei­det, was gut für die Men­schen ist. Nicht die Men­schen selbst.» Statt das BIP zu ver­wen­den, gin­gen

Die klas­si­sche Öko­no­mik ist sich si­cher: Gibt man ei­nem Kon­su­men­ten mehr Aus­wahl, dann tut ihm das nur Gu­tes. Ein mög­lichst gros­ses An­ge­bot an Wa­ren und Di­enst­leis­tun­gen zur Ver­fü­gung zu stel­len, wird da­her als ei­ner der gros­sen Er­fol­ge der Markt­wirt­schaft ge­fei­ert. Wäh­rend man im re­al exis­tie­ren­den So­zia­lis­mus von ei­ner Pro­dukt­aus­wahl nur träu­men konn­te, buh­len in un­se­ren Su­per­märk­ten Hun­der­te Sor­ten Kon­fi­tü­re oder Jo­ghurt dar­um, ge­kauft zu wer­den.

Nie­mand will in ei­ner Man­gel­wirt­schaft le­ben. Aber die sim­ple Arith­me­tik «mehr ist bes­ser» ver­kennt, dass der Mensch kei­ne un­be­grenz­te Re­chen­kraft hat. Es ist an­stren­gend, vie­le ver­schie­de­ne Op­tio­nen ver­glei­chen zu müs­sen. Chris­ti­ne Be­nesch von der Uni­ver­si­tät St. Gal­len re­fe­riert in ih­rem Ka­pi­tel das Er­geb­nis ei­nes Ex­pe­ri­ments: Kun­den wur­den in ei­nem Su­per- markt ent­we­der sechs oder 24 Kon­fi­tü­ren zum Tes­ten an­ge­bo­ten. Sie ha­ben ei­nen Ra­batt be­kom­men, wenn sie da­nach ei­ne Kon­fi­tü­re kauf­ten. Die Kun­den, die nur sechs Kon­fi­tü­ren zur Aus­wahl hat­ten, kauf­ten da­nach zehn­mal öf­ter tat­säch­lich ei­ne der Sor­ten.

Ein an­de­res Bei­spiel ist Fern­se­hen. In Län­dern mit ei­nem gros­sen An­ge­bot an Fern­seh­sen­dern wird auch mehr fern­ge­se­hen. Die Zu­schau­er mit ei­nem ho­hen Kon­sum sind aber we­ni­ger zu­frie­den mit ih­rem Le­ben. Be­nesch schliesst: Der Fern­seh­kon­sum ist kurz­fris­tig schlecht zu kon­trol­lie­ren, auch wenn man weiss, dass er lang­fris­tig ne­ga­ti­ve Aus­wir­kun­gen hat.

In sei­nem Ka­pi­tel zum The­ma ver­sucht Prin­ce­ton-Pro­fes­sor Alan Blin­der den Le­ser zu über­zeu­gen, dass «ei­ne wohl­wol­len­de Re­gie­rung, die die Aus­wahl ein­schränkt, Sie tat­säch­lich bes­ser­stel­len kann – nicht in der Theo­rie, aber in der Pra­xis».

Doch die Ge­schich­te lehrt uns et­was an­de­res. «Wir ver­ges­sen, dass Men­schen auf die neu­en Ma­schi­nen dies­mal re­agie­ren wer­den, wie sie es auch schon je­des Mal zu­vor ge­tan ha­ben», schreibt Re­to Cu­e­ni von Von­to­bel As­set Ma­nage­ment in sei­nem Ka­pi­tel. Er ar­gu­men­tiert für die An­pas­sungs­fä­hig­keit des Ge­hirns und die Schöp­fungs­kraft des Men­schen. «Neue Be­dürf­nis­se ent­ste­hen, wenn die neue Tech­no­lo­gie ver­stan­den wird», er­klärt er.

Ein wirt­schaft­li­cher Um­bruch ist im­mer durch Un­si­cher­heit ge­kenn­zeich­net. Ar­beit­neh­mer könn­ten ent­las­sen wer­den, wenn ih­re Tä­tig­kei­ten au­to­ma­ti­siert wer­den. Doch das ge­schah über das ver­gan­ge­ne Jahr­hun­dert stän­dig. Wie der USÖ­ko­nom De­an Ba­ker vor­rech­net, wür­de der er­war­te­te Ver­lust der be­sag­ten 47% der Ar­beits­plät­ze über zwan­zig Jah­re ei­nem Pro­duk­ti­vi­täts­ge­winn von 3,1% jähr­lich ent­spre­chen. «Das ist un­ge­fähr die Ra­te zwi­schen 1947 und 1973.»

da­her im­mer mehr Öko­no­men in die Rich­tung, die Men­schen di­rekt nach der Zuf­rie­den­heit mit ih­rem Le­ben zu be­fra­gen.

Sol­che Um­fra­gen zeig­ten zwar, dass die Zuf­rie­den­heit kurz­fris­tig mit dem BIP schwan­ke, er­klärt Eas­ter­lin. Wäh­rend der durch die Fi­nanz­kri­se aus­ge­lös­ten US-Re­zes­si­on sei das Glücks­emp­fin­den der Men­schen kol­la­biert. Da­her wür­den man­che Öko­no­men ei­ne en­ge Be­zie­hung zwi­schen Wirt­schafts­wachs­tum und Zuf­rie­den­heit fest­stel­len.

Doch da­mit wer­de der lang­fris­ti­ge Trend aus­ge­blen­det. Ein gestie­ge­nes Brut­to­in­land­pro­dukt be­deu­te über ei­nen lan­gen Zei­t­raum nicht mehr Glück. Ein Bei­spiel da­für sei der ex­tre­me Ent­wick­lungs­sprung der chi­ne­si­schen Volks­wirt­schaft. Von 1990 bis 2010 hat sich das BIP pro Kopf in der Volks­re­pu­blik ver­vier­facht. Doch das Glück der Chi­ne­sen sta­gniert ge­mäss Um­fra­gen seit den Neun­zi­ger­jah­ren.

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