Vor­lie­ben für Eu­ro­pa

Finanz und Wirtschaft - - MONITOR - STE­PHA­NIE LIN­DE CK,

Das Rück­schlags­ri­si­ko liegt jetzt bei Chi­na und auch im Öl­preis.

Die po­li­ti­schen Un­si­cher­hei­ten sind mit dem Wahl­sieg von Em­ma­nu­el Ma­cron in den Hin­ter­grund ge­rückt. Am Sonn­tag über­rasch­te dann noch Deutsch­land mit ei­nem Wahl­sieg der CDU im be­völ­ke­rungs­reichs­ten Bun­des­land, Nord­rhein-West­fa­len. Es gilt als Zei­chen da­für, dass die Kanz­le­rin durch die Flücht­lings­kri­se deut­lich we­ni­ger po­li­ti­sches Ka­pi­tal ver­braucht hat, als vie­le dach­ten. Für die Ka­pi­tal­märk­te be­deu­tet dies Ent­span­nung: Die Po­li­tik wird im wei­te­ren Jah­res­ver­lauf nicht mehr Haupt­trei­ber sein.

Viel­mehr neh­men nun die gu­te Wirt­schafts­la­ge und stei­gen­de Ge­win­ne die zen­tra­le Rol­le ein. Ob­wohl der Kon­flikt zwi­schen dem Weis­sen Haus und dem FBI in den USA schon das The­ma Amts­ent­he­bungs­ver­fah­ren auf den Tisch bringt, leg­te der S&P 500 ge­tra­gen von gu­ten Un­ter­neh­mens­zah­len zu Be­ginn der Wo­che wei­ter zu.

Ge­winn­dy­na­mik

In den USA neigt sich die Be­richt­sai­son dem En­de zu und hat mit 15% Ge­winn­wachs­tum ge­gen­über dem Vor­jahr die Er­war­tun­gen von 8% weit über­trof­fen. Beim Sto­xx 600 hat bis­her zwar nur rund die Hälf­te der Un­ter­neh­men Zah­len vor­ge­legt, die po­si­ti­ven Über­ra­schun­gen sind hier aber um­so deut­li­cher. Mit 17% Ge­winn­wachs­tum ge­gen­über dem Vor­jahr (statt dem er­war­te­ten 1%) gibt es al­le­mal gu­te Ar­gu­men­te für Kurs­stei­ge­run­gen. Die Be­trach­tung der Ge­winn­erwar­tun­gen in der Eu­ro­zo­ne für 2017 zeigt, wie Ana­lys­ten ih­re Schät­zun­gen zu­letzt ra­sant nach oben an­ge­passt ha­ben (vgl. Grafik). In den Jah­ren zu­vor muss­ten die Schät­zun­gen im­mer wie­der nach un­ten kor­ri­giert wer­den.

Auch beim Um­satz sind die po­si­ti­ven Über­ra­schun­gen in Eu­ro­pa mit ei­nem Wachs­tum von 11% stär­ker aus­ge­prägt, wäh­rend er in den USA mit 9% die Er­war­tun­gen nur leicht über­trifft. Ei­ne zu­neh­men­de Prä­fe­renz der An­le­ger für Eu­ro­pa wird auch bei der spe­ku­la­ti­ven Po­si­tio­nie­rung im Eu­ro-Dol­lar-Wech­sel­kurs er­kenn­bar. Sie dreht erst­mals seit Mai 2014 ins Po­si­ti­ve, was ei­ne be­mer­kens­wer­te Ver­bes­se­rung der Stim­mung be­deu­tet. Ei­ne op­ti­mis­ti­sche­re Ein­schät­zung der wirt­schaft­li­chen La­ge durch die EZB macht die Run­de und hat den Eu­ro auf 1.11 $/€ auf­ge­wer­tet.

Was kann schief­ge­hen?

Die po­li­ti­schen Ri­si­ken schei­nen über­wun­den, der Kon­junk­tur­auf­schwung in vol­lem Gan­ge. An­ge­sichts his­to­risch tie­fer Ak­ti­en­vo­la- ti­li­tät und nied­ri­ger Ma­kro­ri­si­ken bei re­la­tiv ho­hen Be­wer­tun­gen stellt sich den­noch die Fra­ge, ob es nicht all­mäh­lich Zeit für ei­ne Kor­rek­tur ist. Doch wel­che Ur­sa­chen könn­ten die Aus­lö­ser sein? Wäh­rend die Kon­junk­tur in den USA und Eu­ro­pa äus­serst sta­bil er­scheint und die Po­li­tik an Durch­schlags­kraft ver­liert, bli­cken wir auf die Schwel­len­län­der. So­wohl An­lei­hen als auch die Ak­ti­en und die Wäh­run­gen die­ser Län­der ha­ben in den meis­ten Fäl­len in den letz­ten Mo­na­ten ei­ne gu­te Per­for­mance ge­lie­fert. Die Märk­te schei­nen zu gut­mü­tig ge­gen­über ei­ner fun­da­men­ta­len Ver­schlech­te­rung ge­wor­den zu sein. Das Ri­si­ko der An­le­ger mit Schwel­len­län­de­r­en­ga­ge­ments wird zu­dem kaum mehr an­ge­mes­sen ent­lohnt.

Der jüngs­te Opec-De­al zwi­schen Russ­land und Sau­di-Ara­bi­en bis 2018 dürf­te kaum rei­chen, um die Prei­se für Roh­öl mit­tel­fris­tig über 50 $/Fass an­zu­he­ben und die Si­tua­ti­on roh­stoff­ab­hän­gi­ger Schwel­len­län­der zu ver­bes­sern.

Hin­zu kommt, dass Chi­na sei­nen fis­ka­li­schen Sti­mu­lus her­un­ter­ge­fah­ren hat und die Li­qui­di­tät der Ban­ken ver­knappt. Dies könn­te ei­ni­gen Schwel­len­län­dern sehr zu­set­zen. Dar­über hin­aus sind auch ei­ni­ge In­dus­trie­län­der von der Kon­junk­tur­ver­lang­sa­mung in Chi­na be­trof­fen. Chi­ne­si­sche In­ves­to­ren ha­ben die ste­te Stei­ge­rung der Häu­ser­markt­prei­se in Ka­na­da und Aus­tra­li­en mit­ge­tra­gen. Soll­te die­se Ka­pi­tal­quel­le ver­sie­gen, könn­ten ka­na­di­sche Ban­ken in Schief­la­ge ge­ra­ten. Moo­dy’s hat be­reits re­agiert und die sechs wich­tigs­ten Ban­ken Ka­na­das her­ab­ge­stuft. Ein sol­ches Sze­na­rio könn­te zu emp­find­li­chen Rück­schlä­gen füh­ren. Die Ent­wick­lun­gen in Chi­na sind da­her der An­gel­punkt, wenn es um die Ein­schät­zung der Ri­si­ken für die kom­men­den Mo­na­te geht.

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