Ei­gen-«To­ries»

Finanz und Wirtschaft - - MONITOR - JAN BOPP,

Die selbst ver­schul­de­te Wahl bringt The­re­sa May in Be­dräng­nis.

Das Vo­tum ih­rer Lands­leu­te trifft The­re­sa May als Bu­me­rang. Was wie ei­ne kla­re Sa­che für die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin aus­sah, wird zur Be­wäh­rungs­pro­be. Statt ih­re Mehr­heit aus­zu­bau­en, ha­ben die Kon­ser­va­ti­ven nicht ein­mal ih­re Un­ter­haus­man­da­te hal­ten kön­nen. Sie ver­lie­ren nach den vor­ge­zo­ge­nen Neu­wah­len die ab­so­lu­te Mehr­heit. Ein De­sas­ter für The­re­sa May.

Wel­che Aus­wir­kun­gen dies auf die Br­ex­it-Ver­hand­lun­gen ha­ben wird, kann man noch nicht ab­schät­zen. Ein­fa­cher wird es si­cher nicht. Die Re­ak­ti­on am De­vi­sen­markt war deut­lich. Das bri­ti­sche Pfund ver­lor in ei­ner ers­ten Re­ak­ti­on ge­gen­über al­len Haupt­han­dels­wäh­run­gen. Die Ver­lus­te ge­gen­über Eu­ro und Dol­lar be­lie­fen sich auf mehr als 2%. Der Eu­ro mar­kier­te bei 0.8859 $/€ den höchs­ten Stand seit No­vem­ber.

Ren­di­ten pau­sie­ren

Die jüngs­te Be­schleu­ni­gung der Kon­junk­tur in der Eu­ro­zo­ne in Ver­bin­dung mit stark an­zie­hen­den Ver­brau­cher­prei­sen hät­te sich ei­gent­lich auch in deut­lich stei­gen­den Ren­di­ten der Staats­an­lei­hen spie­geln müs­sen. Theo­re­tisch. Zehn­jäh­ri­ge deut­sche Staats­an­lei­hen ren­tier­ten je­doch nur kurz­fris­tig hö­her. In den ver­gan­ge­nen Han­dels­ta­gen fie­len sie wie­der un­ter 0,3%, nicht zu­letzt auch auf­grund der jüngs­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on der EZB.

Zwar be­zeich­ne­te EZB-Chef Ma­rio Draghi die der­zei­ti­gen Kon­junk­tur­ri­si­ken als «aus­ge­gli­chen», er schaff­te je­doch den Spa­gat, durch Ver­weis auf die nach wie vor nied­ri­ge In­fla­ti­on, die Not­wen­dig­keit ei­ner wei­ter­hin lo­cke­ren Geld­po­li­tik zu un­ter­strei­chen. Da­bei spielt die Öl­preis­schwä­che dem No­ten­ban­ker in die Kar­ten. Nach ei­nem Ein­bruch von knapp 4% am Mitt­woch konn­te sich Roh­öl zum Wo­chen­aus­klang kaum er­ho­len und no­tiert bei 48 $/Fass (Brent). Soll­te die­ses Ni­veau nach­hal­tig un­ter­schrit­ten wer­den, droht so­gar ein wei­te­rer Preis­rück­gang. An der ex­pan­si­ven Aus­rich­tung der EZB wird sich da­her vor­aus­sicht­lich in die­sem Jahr nichts än­dern. Hin­zu kom­men wei­ter­hin tief ver­an­ker­te US-Tre­a­su­ry-Ren­di­ten. Auch in den USA stellt sich kei­ne nach­hal­ti­ge Auf­wärts­be­we­gung ein. Nach ei­nem Ver­laufs­hoch Mit­te Mai bei 2,42% no­tier­ten zehn­jäh­ri­ge UST­re­a­su­ries in der ab­ge­lau­fe­nen Wo­che bei 2,13% – so tief wie seit der Wahl Do­nald Trumps im No­vem­ber 2016 nicht mehr.

Der Re­fla­ti­on-Tra­de wird mehr und mehr aus­ge­preist. Kein Wun­der, ba­siert der An­stieg der As­set­prei­se seit No­vem­ber in ers­ter Li- nie auf den Er­war­tun­gen ei­ner er­folg­rei­chen Steu­er­re­form und si­gni­fi­kan­ten In­fra­struk­tur-In­ves­ti­tio­nen. Die­se wür­den dann, so die Theo­rie, zu ei­nem Wachs­tums­schub, hö­he­rer In­fla­ti­on und letzt­lich stei­gen­den Ren­di­ten füh­ren. Die in­nen­po­li­ti­schen Pro­ble­me der Re­gie­rung Trump – sei es der Still­stand bei der Ge­sund­heits­und Steu­er­re­form, die Kri­tik am Haus­halts­ent­wurf oder die Er­mitt­lun­gen des FBI – ma­chen ei­ne bal­di­ge Rea­li­sie­rung die­ser Wahl­kampf­ver­spre­chen im­mer un­wahr­schein­li­cher. Zehn­jäh­ri­ge US-Tre­a­su­ry-Ren­di­ten dürf­ten sich wei­ter seit­wärts be­we­gen. Die Ab­wärts­ri­si­ken sind zu­letzt al­ler­dings deut­lich ge­stie­gen.

Über­be­wer­tet

Die er­neu­er­te Su­che nach Ren­di­te hat sich auch sehr deut­lich bei Eu­ro-Hoch­zins­an­lei­hen ge­zeigt. Hoch­ver­zins­li­che An­lei­hen aus dem BB-Seg­ment ren­tie­ren der­zeit we­ni­ger als eu­ro­päi­sche Ak­ti­en. Und auch die Spreads bei US-Hoch­zins­an­lei­hen ha­ben das 2014-Tief ge­tes­tet.

Wäh­rend die Ren­di­ten auf nied­ri­gem Ni­veau ver­har­ren, sind Ak­ti­en auf im­mer neue Re­kord­stän­de ge­klet­tert. In das Bild der all­ge­mei­nen Sorg­lo­sig­keit reiht sich das Er­geb­nis der mo­nat­li­chen Fonds­ma­na­gerum­fra­ge der Bank of Ame­ri­ca Mer­rill Lynch ein: Die Er­war­tung ei­nes ho­hen Wachs­tums bei gleich­zei­tig ver­hal­te­ner In­fla­ti­on ist der­zeit auf dem höchs­ten Stand seit zehn Jah­ren. Un­ter­des­sen hal­ten 82% der Be­frag­ten US-Ak­ti­en für über­be­wer­tet – das höchs­te Ni­veau seit Ja­nu­ar 2000. Kein Wun­der, ist der S&P 500 sei­nen Ge­win­nen be­reits um ei­ni­ge Zeit vor­aus. Die­se feh­len­de Wert­wahr­neh­mung dürf­te die grösste Her­aus­for­de­rung der kom­men­den Mo­na­te sein.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.