Der Schreck der Lon­do­ner Ban­ker

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - PAS­CAL MEISSER,

Die­ser Mann ist im­mer wie­der für Über­ra­schun­gen gut. Mit dem für Fran­zo­sen ty­pi­schen Ak­zent gab Mi­chel Bar­nier am Mon­tag den Me­di­en in Eng­lisch Aus­kunft über die Er­geb­nis­se des ers­ten Br­ex­it-Ver­hand­lungs­tags. Just je­ner Funk­tio­när, der sich zu­vor be­reits zwi­schen 2010 und 2014 als Brüs­se­ler Bü­ro­krat par ex­cel­lence ge­zeigt hat­te und stets dar­auf be­dacht ge­we­sen war, mit al­len Ver­hand­lungs­part­nern aus­schliess­lich in Fran­zö­sisch zu par­lie­ren.

Mi­chel Bar­nier, 66-jäh­rig, das sil­ber­graue Haar sau­ber zum Sei­ten­schei­tel ge­kämmt, ver­steht es, die Kla­via­tur der Di­plo­ma­tie in al­len Va­ria­tio­nen zu spie­len. So bis­sig und kämp­fe­risch er sich vor den Br­ex­it-Ge­sprä­chen ge­zeigt hat­te, so kon­zi­li­ant und zahm zeig­te er sich nach dem Tref­fen mit Ge­gen­über Da­vid Da­vis – zu­min­dest ge­gen aus­sen. So sag­te Bar­nier: «Wir wol­len nichts ma­chen, was dem Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich scha­den könn­te.» Ab­seits der Ka­me­ras fie­len von ihm ge­gen­über ei­nem BBC-Re­por­ter aber auch Wor­te wie: «Die Bri­ten wol­len aus­tre­ten. Die Fol­gen wer­den spür­bar sein.» Der Schock der Bri­ten muss gross ge­we­sen sein, als Bar­nier zum Chef­un­ter­händ­ler in der Br­ex­it-Fra­ge er­nannt wur­de. Den Ent­scheid hat­te Kom­mis­si­ons­chef Je­an-Clau­de Juncker ge­fällt – im Wis­sen dar­um, wel­chen Ruf der Fran­zo­se in Lon­don ge­niesst. Als «Scour­ge» ist Mi­chel Bar­ner in der Ci­ty be­kannt, als ei­ne Geis­sel. Hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand wird er von Lon­do­ner Ban­kern auch schon mal als «meist­ge­hass­te Per­son» be­zeich­net.

Tat­säch­lich ist Bar­nier bei man­chen Bri­ten äuss­serst un­be­liebt, wo­bei der gross­ge­wach­se­ne Fran­zo­se da­mit ger­ne ko­ket­tiert. Es war zur Zeit der ers­ten gros­sen Re­gu­lie­rungs­wel­le nach der Fi­nanz­kri­se – erst­mals für Auf­ruhr sorg­te Bar­nier 2011 mit sei­ner For­de­rung, Leer­ver­käu­fe von Wert­schrif­ten zu ver­bie­ten. Rich­ti­gen Är­ger ver­ur­sach­te er zwei Jah­re spä­ter: Sein Vor­stoss, Ma­na­ger­bo­ni zu de­ckeln, wur­de um­ge­setzt, auch wenn sich u.a. die ge­sam­te Ci­ty da­ge­gen ge­wehrt hat­te. Be­zeich­nen­der­wei­se hat­te von den EU-Fi­nanz­mi­nis­tern nur Ge­or­ge Os­bor­ne Ein­spruch er­ho­ben, doch auch er konn­te die Mass­nah­me nicht ver­hin­dern. Seit­her darf im EU-Raum der Bo­nus die Hö­he ei­nes Jah­res­sa­lärs nicht über­stei­gen. Sein Rüst­zeug hat Bar­nier in jahr­zehn­te­lan­gem Di­enst im Sold des Staats er­wor­ben. Bar­nier, in der Nä­he von Al­bert­vil­le in den Sa­voy­en auf­ge­wach­sen, stieg be­reits mit 22 Jah­ren in die Re­gio­nal­po­li­tik ein. Für die neo­gaul­lis­ti­sche RPR zog er fünf Jah­re dar­auf in die Na­tio­nal­ver­samm­lung ein. Spä­ter über­nahm er ver­schie­de­ne Mi­nis­ter­pos­ten, be­vor er 1997 von Frank­reich als Mit­glied der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on no­mi­niert wur­de. Wäh­rend sei­ne po­li­ti­sche Kar­rie­re um­fang­reich do­ku­men­tiert ist, gibt es we­nig De­tails über sein Pri­vat­le­ben. Be­kannt ist nur, dass er seit über dreis­sig Jah­ren mit ei­ner An­wäl­tin ver­hei­ra­tet ist. Das Paar hat drei Kin­der.

Dem Zu­fall ist es zu­zu­schrei­ben, dass sich die Po­lit­kar­rie­ren von Bar­nier und Da­vid Da­vis be­reits ein­mal ge­kreuzt ha­ben. 1994 war Bar­nier fran­zö­si­scher und Da­vis bri­ti­scher Aus­sen­mi­nis­ter. Ob das hel­fen wird, das Ge­spräch trotz ent­ge­gen­ge­setz­ter Po­si­tio­nen kon­struk­tiv zu hal­ten, wird sich in den nächs­ten Mo­na­ten zei­gen.

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