Die ja­pa­ni­sche Her­aus­for­de­rung

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - AL­FONS CORTES

Der Ti­tel der heu­ti­gen Kolumne ist iden­tisch mit dem ei­nes Bu­ches von Ha­kan Hed­berg, das 1970 er­schien. Die The­se des da­ma­li­gen To­kio­ter Kor­re­spon­den­ten von «Da­gens Ny­he­ter» war, dass Ja­pan al­le an­de­ren Volks­wirt­schaf­ten über­ho­len wer­de, ein­schliess­lich der USA. Der Nik­kei no­tier­te um 2200.

Auf dem Weg zur Ver­sieb­zehn­fa­chung auf 38 915.87 bis De­zem­ber 1989 ver­brei­te­te sich im­mer mehr der Glau­be, Ha­kans The­se sei rich­tig. Ein KGV von 60 und dar­über, zins­lo­se Wan­del­an­lei­hen mit ho­hen Wan­del­prä­mi­en und Buh­ru­fe für Re­fe­ren­ten, die vor ei­ner Bla­se warn­ten, wa­ren an der Ta­ges­ord­nung, nach­dem der Nik­kei im Crash 1987 we­ni­ger ver­lo­ren hat­te als al­le an­de­ren In­di­zes, und sei­ne frü­he­re Höchst­mar­ke in bloss drei Mo­na­ten ega­li­siert hat­te. Der S&P 500 brauch­te da­für 19 und der Dax 18 Mo­na­te.

Als der Nik­kei-In­dex sei­nen Höchst­punkt er­reicht hat­te, no­tier­te der MSCI Welt­in­dex 567 Punk­te. Der­zeit liegt er auf et­was über 1900. Der Nik­kei-In­dex schloss am Di­ens­tag auf 20 230 nach dem im Ok­to­ber 2008 er­reich­ten Tief von 6994.

Re­ve­renz an Wil­helm Busch

Ein­mal mehr hat sich Wil­helm Busch als un­schlag­ba­rer Pro­gnos­ti­ker er­wie­sen: «Ers­tens kommt es an­ders und zwei­tens als man denkt.» Wer Hed­berg glaub­te, wur­de Op­fer des gröss­ten Ri­si­kos an der Bör­se, das der le­gen­dä­re ma­the­ma­ti­sche Psy­cho­lo­ge und For­schungs­part­ner von Da­ni­el Kah­ne­man, Amos Tver­s­ky, in sei­ner be­rühmt-hu­mo­ris­ti­schen Art be­spöt­tel­te: Men- schen wür­den da­zu nei­gen, die be­ob­ach­te­ten Fak­ten wich­tig zu neh­men, und die vie­len, die sie nicht ge­se­hen ha­ben oder nicht hat­ten se­hen kön­nen, zu ver­nach­läs­si­gen.

Die heu­ti­ge ja­pa­ni­sche Her­aus­for­de­rung prä­sen­tiert sich ziem­lich kon­trär zu je­ner, die Hed­berg zu er­ken­nen ge­meint hat­te: Sie for­dert die ein­hei­mi­sche Eli­te her­aus und nicht die aus­län­di­sche Kon­kur­renz. Wir Bör­sia­ner ste­hen in ei­ner be­nei­dens­wer­ten Po­si­ti­on: Wir wis­sen ge­nau, dass es sehr vie­le kurs­re­le­van­te Fak­ten gibt, von de­ren Exis­tenz wir nichts wis­sen, und sehr vie­le, die wir zwar se­hen, nicht aber ver­ste­hen kön­nen. Des­halb mei­den wir Pro­gno­sen wie der Teu­fel das Weih­was­ser und be­schrän­ken uns dar­auf, an den Bör­sen zu na­vi­gie­ren.

Trü­ge­ri­sche In­di­zes

Wir se­hen auch prin­zi­pi­ell die stets glei­che Her­aus­for­de­rung zu je­der Zeit an je­der Bör­se: mit Un­ge­wiss­heit so um­zu­ge­hen, dass meis­tens Ge­win­ne und sel­ten Ver­lus­te ent­ste­hen. Da­bei mer­ken wir, dass es ge­gen­wär­tig ei­ne um­wer­fend kla­re Über­ein­stim­mung mit dem Ge­sche­hen an den Ak­ti­en­märk­ten vor al­lem in den USA in den Sieb­zi­ger­jah­ren gibt: Die In­di­zes, ob ka­pi­tal- oder preis­ge­wich­tet wie der Nik­kei, sa­gen herz­lich we­nig über den je­wei­li­gen Markt aus.

Der Nik­kei ist in den letz­ten 12 Mo­na­ten rund 25% ge­stie­gen, der S&P 500 16%, der DJ Sto­xx Eu­ro­pe 13%. Die 20 stärks­ten Nik­kei-Kon­sti­tu­en­ten leg­ten 90% zu, die 20 stärks­ten S&P-Ti­tel eben­falls 90%, wäh­rend die bes­ten Wer­te des schwächs­ten In­dex, des Sto­xx 600, 125% stie­gen.

In Ja­pan über den preis­ge­wich­te­ten Nik­kei oder den ka­pi­tal­ge­wich­te­ten To­pix, der in den letz­ten 12 Mo­na­ten ex­akt gleich ver­lief wie der Nik­kei, die Bör­se ver­ste­hen zu wol­len, greift viel zu kurz. Wer wirk­lich pro­fes­sio­nell un­ter­wegs ist, merkt sich das Re­gime des Mark­tes und passt sich ihm an. Und das heisst jetzt – ob an den Uni­ver­si­tä­ten an­de­res ge­lehrt wird oder nicht – auf neu­deutsch Stock Pi­cking. Die Mei­nung des Au­tors muss nicht mit je­ner der Re­dak­ti­on über­ein­stim­men.

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