Zin­sen und In­fla­ti­on – was ist nor­mal?

Finanz und Wirtschaft - - OBLIGATIONEN - RALF AH­RENS,

Vor al­lem in der deut­schen Öf­fent­lich­keit wird die EZB ger­ne als Ver­ur­sa­cher der ak­tu­el­len Ne­ga­tiv­ver­zin­sung kri­ti­siert. Es ist un­strit­tig, dass sie den Ein­la­gen­zins 2014 erst­mals un­ter null ge­senkt hat und da­durch mit ei­ni­gen Mo­na­ten Zeit­ver­zö­ge­rung auch die Eu­ri­bor-Sät­ze in bis da­hin un­be­kann­te Tie­fen schick­te. Wenn­gleich Ren­di­ten für kurz­lau­fen­de deut­sche Bun­des­an­lei­hen schon ei­ni­ge Jah­re zu­vor zeit­wei­se ne­ga­tiv wa­ren, trägt die EZB da­mit die Haupt­ver­ant­wor­tung für die ak­tu­el­le Si­tua­ti­on.

So aus­ser­ge­wöhn­lich ne­ga­ti­ve No­mi­nal­zin­sen auch sind, re­la­ti­viert sich das Bild doch er­heb­lich, wenn man die Geld­mark­ter­trä­ge um die In­fla­ti­ons­ra­te be­rei­nigt. Die dar­aus re­sul­tie­ren­de Re­al­ver­zin­sung ist ja schliess­lich das, wor­auf es dem Spa­rer an­kommt: durch heu­ti­gen Kon­sum­ver­zicht künf­tig mehr oder bes­se­re Gü­ter und Di­enst­leis­tun­gen er­wer­ben zu kön­nen.

Ana­ly­siert man die Re­al­ver­zin­sung drei­mo­na­ti­ger Geld­markt­an­la­gen in Deutsch­land von 1960 bis heu­te, zeigt sich ein über­ra­schen­des Er­geb­nis: An­fang der 1960er Jah­re und die ge­sam­ten 1970er Jah­re wa­ren Pe­ri­oden mit Ne­ga­ti­ver­trä­gen nicht un­ge­wöhn­lich. Soll­ten wir die ak­tu­el­le Si­tua­ti­on nicht ge­las­se­ner hin­neh­men, wenn rea­ler Ver­mö­gens­ver­lust selbst von der stren­gen Bun­des­bank nicht ver­hin­dert wer­den konn­te?

Da­ge­gen spre­chen zwei Ar­gu­men­te. Zum ei­nen hält die ak­tu­el­le Pha­se un­ge­wöhn­lich lan­ge an, näm­lich seit dem Früh­jahr 2010 und da­mit nun schon sie­ben Jah­re. Zum an­de­ren soll­te der ra­san­te Ab­sturz der Re­al­ver­zin­sung auf –2% in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten An­lass zur Be­sorg­nis sein. Die­ser Ab­sturz geht näm­lich we­ni­ger auf den Zins­schritt der EZB im März 2016 zu­rück, son­dern auf den jüngs­ten An­stieg der In­fla­ti­ons­ra­te. Da die De­fla­ti­ons­ge­fahr jetzt auch aus Sicht der EZB of­fi­zi­ell ge­bannt ist, könn­te ei­gent­lich der Ein­la­gen­zins wie­der po­si­tiv wer­den.

Hier­mit ist aber so schnell nicht zu rech­nen, da zu­nächst das QE-Pro­gramm be­en­det wer­den soll, das der­zeit aber noch mit vol­ler Ge­schwin­dig­keit um­ge­setzt wird. Spa­rern und ri­si­ko­be­wuss­ten Ka­pi­tal­an­le­gern dro­hen al­so auch in den nächs­ten Jah­ren er­heb­li­che rea­le Ver­mö­gens­ver­lus­te.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.