Wenn sich die Flut zu­rück­zieht

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG -

Mit ih­rem ent­schie­de­nen Ein­grei­fen ha­ben die west­li­chen Zen­tral­ban­ken vor bald zehn Jah­ren ei­ne Kern­schmel­ze des Fi­nanz­sys­tems ver­hin­dert. Und oh­ne das Be­kennt­nis der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank, zur Not auch Staats­an­lei­hen in gros­sem Stil zu kau­fen, wä­re die Eu­ro­zo­ne vi­el­leicht nicht mehr so, wie wir sie heu­te ken­nen.

Doch die Null­zins­po­li­tik und die mas­si­ven Wert­schrif­ten­käu­fe ha­ben an den Fi­nanz­märk­ten ei­ne be­droh­li­che Si­tua­ti­on ge­schaf­fen. Es gibt kaum ein Markt­seg­ment, wo die Prei­se nicht in ir­gend­ei­ner Form durch die jah­re­lan­ge ex­pan­si­ve Geld­po­li­tik ver­zerrt sind. Am au­gen­fäl­ligs­ten ist dies am An­lei­hen­markt. Dort ha­ben die Ren­di­ten schon längst nichts mehr mit den Wachs­tums- und In­fla­ti­ons­er­war­tun­gen der An­le­ger zu tun.

Die Bank of Ja­pan et­wa be­sitzt be­reits 40% al­ler aus­ste­hen­den ja­pa­ni­schen Staats­an­lei­hen. Die im­mer mick­ri­ge­ren Ren­di­ten drän­gen die An­le­ger in höher ver­zins­li­che – sprich ris­kan­te­re – Seg­men­te. Des­halb sind auch Un­ter­neh­mens- und Schwel­len­län­der­an­lei­hen glei­cher­mas­sen über­teu­ert. In­di­rekt ha­ben die Null­zins­po­li­tik und die Li­qui­di­täts­schwem­me auch die Ak­ti­en- und Im­mo­bi­li­en­prei­se künst­lich in die Hö­he ge­trie­ben. Die­ser Zu­stand kann noch lan­ge an­hal­ten. Doch die jüngs­te Kor­rek­tur am An­lei­hen­markt und die Äus­se­run­gen der Wäh­rungs­hü­ter in Frankfurt und Lon­don sind ein Weck­ruf. Das Fed hat sein An­lei­hen­kauf­pro­gramm 2014 ein­ge­stellt und seit­her mehr­mals den Leit­zins er­höht. Bald will es mit dem Ab­bau der Bi­lanz be­gin­nen.

Wenn die Kon­junk­tur so wei­ter­läuft, wer­den ihm an­de­re Zen­tral­ban­ken fol­gen. Dann wird sich zei­gen, wel­che Be­wer­tun­gen auch in nor­ma­len Zei­ten ge­recht­fer­tigt sind. Das wah­re Scha­dens­aus­mass sieht man erst, wenn sich die Flut zu­rück­zieht.

Re­dak­tor zum The­ma Markt­ver­zer­rung

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