Aus der Traum vom Haus

Finanz und Wirtschaft - - IMMOBILIE - URS WÄLTERLIN,

Mi­ran­da M. hat die Su­che nach ei­nem Ei­gen­heim auf­ge­ge­ben. «Ich wer­de mein Le­ben lang Mie­te­rin blei­ben», sagt die 29-Jäh­ri­ge in Syd­ney. Der Ton in ih­rer Stim­me zeigt Ver­bit­te­rung, aber auch Scham. Die Bü­ro­ma­na­ge­rin, die an­onym blei­ben will, ist mit ih­rem Schick­sal nicht al­lein: Mil­lio­nen von jun­gen Aus­tra­li­ern wer­den kaum je Ge­le­gen­heit ha­ben, ih­ren Traum zu rea­li­sie­ren, ein Haus zu kau­fen.

Ob ein Zu­wachs von 10% in fünf Jah­ren in we­ni­ger ge­frag­ten Wohn­ge­bie­ten, oder von 10% in zwölf Mo­na­ten wie vie­ler­orts in Syd­ney. In der Me­tro­po­le liegt der Durch­schnitts­preis für ein Haus bei über 1 Mio. aus­tr. $. Al­ler­dings nicht an zen­tra­ler La­ge. Wer in der In­nen­stadt woh­nen will, zahlt schnell Mil­lio­nen. Der un­auf­halt­ba­re Preis­an­stieg für Wohn­ei­gen­tum hat Fol­gen für die Pri­vat­haus­hal­te. Im glo­ba­len Ver­gleich sind Aus­tra­li­er oh­ne­hin schon über­durch­schnitt­lich hoch ver­schul­det. Heu­te pum­pen sie 39% ih­res Ein­kom­mens in das Ab­zah­len ih­rer Hy­po­thek, dop­pelt so viel wie noch vor dreis­sig Jah­ren.

Die ho­hen Prei­se na­gen am Fun­da­ment der aus­tra­li­schen Ge­sell­schaft. Seit der Nach­kriegs­zeit hat­te das Land ei­nen der höchs­ten Ei­gen­heim­be­sitz­an­tei­le der west­li­chen Welt: 2011 be­sas­sen 67% al­ler Haus­hal­te ih­re vier Wän­de, 1966 wa­ren es noch 71,4%. Es war selbst­ver­ständ­lich, dass man im jun­gen Al­ter Wohn­ei­gen­tum er­warb, es ab­zahl­te, die Im­mo­bi­lie ver­kauf­te und sich da­mit den Le­bens­abend fi­nan­zier­te. Nicht mehr: Aus­tra­li­en wer­de wohl im Ver­lauf ei­ner Ge­ne­ra­ti­on zu ei­nem Land von Mie­tern, fürch­ten Kom­men­ta­to­ren wie der So­zio­lo­ge Ber­nard Salt. Nicht, dass Mie­ten ein­fa­cher wä­re. Vor al­lem in den Gross­städ­ten fehlt es chronisch an Woh­nun­gen, ent­spre­chend hoch sind die Prei­se.

«Ne­ga­ti­ve Gea­ring», so nennt sich das Ab­zie­hen al­ler mit ei­ner In­ves­ti­ti­on ver­bun­de­nen Kos­ten in der Steu­er­er­klä­rung. Kri­ti­ker se­hen die­ses vom Fis­kus ver­lie­he­ne Pri­vi­leg für In­ves­to­ren als ei­ne der Haupt­ur­sa­chen für die Kri­se. Kri­ti­ker vor al­lem aus dem lin­ken po­li­ti­schen Spek­trum for­dern seit Jah­ren die Ab­schaf­fung die­ser ih­rer Mei­nung nach «un­fai­ren» Ver­güns­ti­gun­gen. Doch die Ab­schaf­fung wä­re po­li­ti­scher Selbst­mord. Bei durch­schnitt­li­chen Ren­di­ten zwi­schen 4 und mehr als 10% sind Im­mo­bi­li­en in Aus­tra­li­en ei­ne be­lieb­te An­la­ge­form. Je­der sechs­te Steu­er­zah­ler be­sitzt ein Miet­ob­jekt.

Die An­hän­ger des Sta­tus quo wie der kon­ser­va­ti­ve Schatz­kanz­ler Scott Mor­ri­son ma­chen da­ge­gen die Bun­des­staa­ten für ei­ne Knapp­heit an Land ver­ant­wort­lich. Gera­de im Gross­raum Syd­ney fehlt es chronisch an Bau­land. Der Pla­nungs­un­wil­le, die Bü­ro­kra­tie, und ein Man­gel an öf­fent­li­chen Mit­teln er­hö­hen den Druck auf den be­ste­hen­den Be­stand.

Ein wei­te­rer Grund für die Ent­wick­lung in den Gross­städ­ten ist fast ta­bu: stei­gen­de Ein­wan­de­rungs­zah­len. Es wird kaum dis­ku­tiert, dass Aus­tra­li­en pro Jahr bis zu 200 000 Dau­er­auf­ent­hal­ter ins Land lässt, so­wie Tau­sen­de wei­te­re mit be­schränk­te­ren Auf­ent­halts­be­wil­li­gun­gen. Die­ser Zu­wachs hat Fol­gen. Der Druck auf den oh­ne­hin ma­ge­ren Woh­nungs­be­stand wächst, und vie­le der Zu­wan­de­rer kön­nen sich teu­rer Lie­gen­schaf­ten leis­ten als die aus­tra­li­sche Be­völ­ke­rung. Ein seit Jah­ren pro­gnos­ti­zier­tes Plat­zen der ver­meint­li­chen Im­mo­bi­li­en­bla­se wird wohl kaum ge­sche­hen, so­lan­ge die ho­he Ein­wan­de­rungs­ra­te an­hält. Selbst bei ei­ner mo­de­ra­ten Er­hö­hung der re­kord­tie­fen Hy­po­the­kar­sät­ze von der­zeit 4%, wür­de in den Städ­ten die Nach­fra­ge noch über Jah­re an­hal­ten, glau­ben Im­mo­bi­li­en­ver­käu­fer.

Mi­ran­da M. sieht sich «als Ver­lie­re­rin des Im­mo­bi­li­en­booms». Doch es gibt auch vie­le Ge­win­ner. Ar­me­en von Früh­rent­nern ha­ben ihr Haus in Syd­ney ver­kauft, sind aufs Land ge­zo­gen, und ha­ben für im­mer aus­ge­sorgt.

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