Per­so­nal­che­fin von Frank­reich

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - MAR­TIN LÜSCHER

Die Auf­ga­be von Mu­ri­el Pé­ni­caud (62) ist schwie­rig und un­dank­bar. Sie muss den ver­krus­te­ten fran­zö­si­schen Ar­beits­markt auf­bre­chen, und das ge­gen mas­si­ven Wi­der­stand. Je­der zwei­te Fran­zo­se lehnt die ge­plan­te Ar­beits­markt­re­form ab. Wie stark, und ob die Re­form Chan­cen hat, wird sich am 12. Sep­tem­ber zei­gen. An die­sem Tag hat die zweit­gröss­te, ehe­mals kom­mu­nis­ti­sche Ge­werk­schaft CGT zu lan­des­wei­ten Streiks und Pro­tes­ten auf­ge­ru­fen.

Es wä­re nicht das ers­te Mal, dass der Druck der Stras­se ei­ne Ar­beits­markt­re­form ver­wäs­ser­te. Erst im Vor­jahr zwan­gen die Ge­werk­schaf­ten die Re­gie­rung von François Hol­lan­de in die Knie. Ge­schieht das wie­der, wä­re das ver­hee­rend. Denn Em­ma­nu­el Ma­cron wur­de mit dem Ver­spre­chen ei­nes Neu­an­fangs zum Prä­si­den­ten ge­wählt. Schei­tert er mit der ers­ten Re­form, wä­re sein Pro­jekt ge­stor­ben. Das zu ver­hin­dern, ist die Auf­ga­be von Pé­ni­caud. Und wenn das je­mand schaf­fen kann, dann sie. Als Kind will Pé­ni­caud Di­ri­gen­tin wer­den. An der ka­tho­li­schen Pri­vat­schu­le heisst es aber, dass das nichts für Mäd­chen sei. Seit­her setzt sie sich für Chan­cen­gleich­heit ein. Wäh­rend der Schul­zeit en­ga­giert sie sich in ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on, die Kin­der aus ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen hilft. Sie selbst wächst na­he Ver­sail­le, in ei­ner gut­bür­ger­li­chen Fa­mi­lie, auf. Sie geht aber nicht an ei­ne Eli­te­uni­ver­si­tät, son­dern stu­diert in Nan­terre Ge­schich­te und Bil­dungs­päd­ago­gik. Mit 21 star­tet sie im Öf­fent­li­chen Di­enst. Acht Jah­re spä­ter ist sie be­reits im Be­ra­ter­stab der so­zia­lis­ti­schen Ar­beits­mi­nis­te­rin Martine Au­bry.

Mit 31 Jah­ren wech­selt sie in die Pri­vat­wirt­schaft zur Vor­gän­ger­ge­sell­schaft von Da­no­ne. Die­se Zeit und be­son­ders der Un­ter­neh­mens­grün­der An­toi­ne Ri­boud prä­gen Pé­ni­caud. Sie be­zeich­net ihn als geis­ti­gen Va­ter, weil er so­zia­le und wirt­schaft­li­che Aspek­te ver­eint. Das will auch Pé­ni­caud. So führt sie als Per­so­nal­che­fin für die welt­weit mehr als 100 000 Mit­ar­bei­ter von Da­no­ne ei­ne So­zi­al­ver­si­che­rung ein. Lin­ke Kri­ti­ker hin­ge­gen se­hen in der Ar­beits­mi­nis­te­rin ei­ne Ab­zo­cke­rin. Sie er­in­nern dar­an, dass sie bei Da­no­ne einst 900 Mit­ar­bei­ter ent­liess und da­durch der Wert ih­rer Op­tio­nen um mehr als ei­ne Mil­li­on Eu­ro zu­leg­te. Il­le­gal war dar­an nichts. Pu­blik wur­de auch ei­ne Epi­so­de aus ih­rer Zeit als Che­fin von Bu­si­ness Fran­ce. Sie or­ga­ni­sier­te dem da­ma­li­gen Wirt­schafts­mi­nis­ter Ma­cron ei­ne Rei­se an ei­ne Mes­se nach Las Ve­gas, oh­ne sie aus­ge­schrie­ben zu ha­ben. Als sie über den Feh­ler in­for­miert wur­de, liess sie das Ge­schäft in­tern so­wie ex­tern über­prü­fen und ver­han­del­te die Rech­nung neu. Den­noch lei­te­te die Jus­tiz im Ju­ni Er­mitt­lun­gen we­gen Günst­lings­wirt­schaft ein.

Pé­ni­coud ist nicht oh­ne Ta­del. Die Ehe­frau und zwei­fa­che Mut­ter ver­fügt aber über Er­fah­rung und Biss. 300 St­un­den hat sie mit den Ge­werk­schaf­ten ver­han­delt, um ei­nen Kom­pro­miss zu er­rei­chen. Das ist ihr teil­wei­se ge­lun­gen. Die gros­sen Ge­werk­schaf­ten CFDT und Force Ou­vriè­re ste­hen nach an­fäng­li­chem Wi­der­stand hin­ter der Re­form und wer­den am 12. Sep­tem­ber nicht auf die Stras­se ge­hen. Das könn­te für das Ge­lin­gen der Re­form den Aus­schlag ge­ben. Aus­ru­hen darf sich Pé­ni­caud aber nicht. Ma­cron will noch fünf wei­te­re So­zi­al­re­for­men rea­li­sie­ren.

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