Chi­nas nächs­ter Pre­mier?

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - ERNST HERB,

Seit Wang Qis­han 2012 zum obers­ten Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fer von Chi­na auf­ge­stie­gen ist, sind ihm über 150 «Ti­ger» ins Netz ge­gan­gen – so wer­den kor­rup­te Spit­zen­funk­tio­nä­re ge­nannt. Der Se­kre­tär der Dis­zi­pli­nie­rungs­kom­mis­si­on der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei spielt aber nicht nur in der von Staats­prä­si­dent Xi Jin­ping vor­an­ge­trie­be­nen An­ti­kor­rup­ti­ons­kam­pa­gne ei­ne zen­tra­le Rol­le, son­dern auch im in­ter­nen Macht­kampf im Vor­feld des 19. Par­tei­kon­gres­ses, der am 18. Ok­to­ber be­ginnt. In ei­nem Land, das kei­ne un­ab­hän­gi­ge Jus­tiz kennt, bleibt da­bei oft un­klar, wo der Kampf ge­gen Kor­rup­ti­on auf­hört und wo es dar­um geht, un­be­que­me po­li­ti­sche Ri­va­len aus­zu­schal­ten.

Da­bei passt das Bild des «Man­nes mit dem ei­ser­nen Be­sen» schlecht zu Wang. Der ehe­ma­li­ge Bür­ger­meis­ter von Peking gilt als be­le­sen, und das ge­ra­de auch in west­li­cher Li­te­ra­tur. Es eilt ihm zu­dem der Ruf vor­aus, ein fä­hi­ger Or­ga­ni­sa­tor zu sein. Als Chi­na sich in den Acht­zi­ger­jah­ren wirt­schaft­lich zu öff­nen be­gann, war er von An­fang an mass­geb­lich bei der Um­set­zung der Re­for­men be­tei­ligt. Mit­te der Neun­zi­ger­jah­re zeich­ne­te er für den Auf­bau der Chi­na In­ter­na­tio­nal Cor­po­ra­ti­on ver­ant­wort­lich, der ers­ten In­vest­ment­bank des Lan­des. Und als 1999 die Guang­dong In­ter­na­tio­nal Trust and In­vest­ment Cor­po­ra­ti­on un­ter ei­ner 5 Mrd. $ schwe­ren Schul­den­last zu­sam­men­brach, sorg­te Wang für ein ge­ord­ne­tes Kon­kurs­ver­fah­ren. Da­nach war er un­ter an­de­rem für die Wirt­schafts­kon­tak­te mit den USA zu­stän­dig und half mit, dass Chi­na die glo­ba­le Fi­nanz­kri­se 2008/2009 heil über­stand. Doch seit 2012 hat Wang wohl die gröss­te Her­aus­for­de­rung sei­nes Be­rufs­le­bens zu be­wäl­ti­gen. Im­mer­hin wies Prä­si­dent Xi dar­auf hin, dass die Kor­rup­ti­on ei­ne exis­ten­zi­el­le Be­dro­hung für die seit 1949 re­gie­ren­de Par­tei sei. Mit um­so grös­se­rem In­ter­es­se re­gis­trie­ren die Be­ob­ach­ter denn auch je­de noch so klei­ne Be­we­gung von Wang.

Als er für meh­re­re Wo­chen aus der Öf­fent­lich­keit ver­schwand, mach­te schon bald das Ge­rücht die Run­de, Wang sei vom Jä­ger zum Ge­jag­ten ge­wor­den. Dem vor­aus­ge­gan­gen wa­ren bis­her nicht wei­ter be­leg­te An­schul­di­gun­gen ei­nes in die USA ge­flüch­te­ten chi­ne­si­schen Im­mo­bi­li­en­un­ter­neh­mers. Die­ser be­haup­tet, Wangs Fa­mi­lie sei die ge­hei­me Be­sit­ze­rin ei­ner gros­sen Be­tei­li­gung des Misch­kon­zerns HNA, der un­ter an­de­rem Ga­te­group ge­kauft hat und an Duf­ry be­tei­ligt ist. Die gros­se Fra­ge ist, ob der 69-Jäh­ri­ge am Par­tei­kon­gress we­gen Er­rei­chens der üb­li­chen Al­ters­gren­ze aus dem Po­lit­bü­ro aus­schei­det oder wie­der­ge­wählt wird. Soll­te für Wang ei­ne Aus­nah­me ge­macht wer­den, er­höht sich die Wahr­schein­lich­keit, dass der heu­te 64-jäh­ri­ge Prä­si­dent Xi, der auch Par­tei­ge­ne­ral­se­kre­tär ist, über das Jahr 2022 hin­aus im Amt blei­ben will.

Wang ist mit der Be­kämp­fung der Kor­rup­ti­on im Fi­nanz­sek­tor auch in den Auf­ga­ben­be­reich von Pre­mier Li vor­ge­drun­gen, der for­mal für das Wirt­schafts­dos­sier ver­ant­wort­lich ist. Am auf­fäl­ligs­ten wur­de dies an ei­ner Kon­fe­renz zur Fi­nanz­markt­sta­bi­li­tät im Ju­ni, an der Wang ei­ne pro­mi­nen­te Rol­le spiel­te. Das hat zu Spe­ku­la­tio­nen An­lass ge­ge­ben, er könn­te Li schon bald als Pre­mier­mi­nis­ter ab­lö­sen.

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