Ernst Bal­ten­sper­ger

Ernst Bal­ten­sper­ger, Pro­fes­sor und frü­he­rer Be­ra­ter der Na­tio­nal­bank, sieht auch nach ei­ner Voll­geld­re­form die Ge­fahr von Bank- und Fi­nanz­kri­sen.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - IN­TER­VIEW: PE­TER MORF UND PHIL­IP­PE BÉGUELIN

Voll­geld ma­che das Fi­nanz­sys­tem nicht si­che­rer, sagt der Pro­fes­sor und frü­he­re Be­ra­ter der Na­tio­nal­bank.

Mit Voll­geld ge­be es kei­ne klas­si­schen Bank-Runs mehr mit­War­te­schlan­gen vor den Geld­au­to­ma­ten, sagt Ernst Bal­ten­sper­ger. Doch dar­über hin­aus wer­de das Fi­nanz­sys­tem nicht si­che­rer. Er er­ach­tet die Voll­geld-In­itia­ti­ve als «hoch­ris­kan­tes Ex­pe­ri­ment».

Herr Bal­ten­sper­ger, die Geld- und Kre­dit­schöp­fung durch die Ge­schäfts­ban­ken ist kein neu­es Phä­no­men. Wel­che Rol­le spielt sie für die Ge­samt­wirt­schaft?

Die Ams­ter­da­mer Wis­sel­bank hat schon 1609 als ers­te Bank Buch­geld ge­schaf­fen, in Form von Bank­ein­la­gen mit bar­geld­lo­sem Aus­gleich von For­de­run­gen zwi­schen Kun­den. Im Ver­lauf der ver­gan­ge­nen 150 Jah­re ist Buch­geld zum do­mi­nan­ten Zah­lungs­mit­tel ge­wor­den. Es hat für die Ent­wick­lung un­se­rer Volks­wirt­schaft ei­ne zen­tra­le Rol­le ge­spielt.

Die Voll­geld­in­itia­ti­ve will, dass nur noch der Staat Buch­geld schafft.

Die Voll­geld-Initi­an­ten ver­ste­hen nicht, dass das Na­tio­nal­bank­geld und das Giral­geld der Ban­ken zwar Sub­sti­tu­te sind, nicht aber ho­mo­ge­ne Pro­duk­te. Bei­de ha­ben Vor- und Nach­tei­le. Ein sol­ches Pro­dukt zu ver­bie­ten, wä­re ein gros­ser Feh­ler.

Es hat auch in den USA schon Ide­en in Rich­tung Voll­geld ge­ge­ben.

Ja, in den Dreis­si­ger­jah­ren wur­de die Ein­füh­rung von 100% Re­ser­ven pro­pa­giert. Das ist im Kern die­sel­be Idee. Sie wur­de da­mals von pro­mi­nen­ten Öko­no­men ver­tre­ten, et­wa von Ir­ving Fis­her. Sie ver­lang­ten 100% Re­ser­ven für Sicht­ein­la­gen. Die Voll­geld-Initi­an­ten ge­hen in­so­fern noch ei­nen Schritt wei­ter, als dass sie den Ban­ken grund­sätz­lich ver­bie­ten wol­len, ei­ge­nes Geld aus­zu­ge­ben. Das soll nur noch der Na­tio­nal­bank er­laubt sein. Die Idee hat sich in den USA aber nie durch­ge­setzt.

Was wä­re die Aus­wir­kung auf die Kre­dit­ver­ga­be?

Sie wür­de auch in ei­nem Voll­geld-Sys­tem grund­sätz­lich funk­tio­nie­ren. Die Rol­le der Ban­ken im Kre­dit­sys­tem wä­re aber stark ver­än­dert. Die Sicht­ein­la­gen als Ba­sis für die Kre­dit­fi­nan­zie­rung wür­den feh­len. Die Kre­dit­ver­ga­be müss­te ver­mehrt über an­de­re Ka­nä­le lau­fen. Den Initi­an­ten fehlt das Ver­ständ­nis für die volks­wirt­schaft­li­chen Leis­tun­gen, wel­che die Ban­ken im Zu­sam­men­hang mit Li­qui­di­täts­schöp­fung, Zah­lungs­ver­kehr und Kre­dit­ver­ga­be er­brin­gen. Bank­dienst­leis­tun­gen wür­den we­ni­ger ef­fi­zi­ent er­bracht und teu­rer.

Müss­te die SNB im Vor­aus fi­xie­ren, wie vie­le Kre­di­te ver­ge­ben wer­den kön­nen?

Das mei­nen die Initi­an­ten wohl nicht. Aber die In­itia­ti­ve ver­langt von der SNB, dass sie die Ver­sor­gung der Wirt­schaft mit Kre­di­ten durch die Fi­nanz­dienst­leis­ter ge­währ­leis­tet. Sie be­schreibt dies als Teil ei­nes Ser­vice Pu­blic. Die Rol­le der Na­tio­nal­bank in der Kre­dit­ver­ga­be wür­de da­mit un­ter den von der In­itia­ti­ve ge­schaf­fe­nen Be­din­gun­gen fast zwangs­läu­fig grös­ser. Die Initi­an­ten möch­ten ei­ne Geld­men­gen­ent­wick­lung, die zu Preis­sta­bi­li­tät führt. Die SNB könn­te die Geld­men­ge mit dem Voll­geld-Sys­tem ex­akt steu­ern. Die Zen­tral­ban­ken ver­fü­gen aber schon heu­te über ge­nü­gend Mit­tel, die Geld­schöp­fung der Ban­ken zu be­gren­zen, wenn sie dies wol­len. Die ak­tu­el­le Li­qui­di­täts­schwem­me ha­ben die Zen­tral­ban­ken ver­ur­sacht, nicht die Ge­schäfts­ban­ken.

Wie könn­te dann die Geld­men­ge re­du­ziert wer­den, um die In­fla­ti­on zu brem­sen?

Die No­ten­bank könn­te um­lau­fen­des Geld über ei­ne Son­der­steu­er zu­rück­neh­men. Das wä­re für die Be­völ­ke­rung nicht at­trak­tiv. An­dern­falls muss sie auf die tra­di­tio- nel­len Mit­tel der Ab­schöp­fung zu­rück­grei­fen, al­so den Ver­kauf von An­la­gen, oder die Aus­ga­be von Schuld­ti­teln wie SNB-Bills. Das kann sie aber nicht, wenn sie zu­vor aus­schliess­lich Geld oh­ne Ge­gen­leis­tung ab­ge­ge­ben – al­so ver­schenkt – hat. Die Initi­an­ten sind denn auch ge­zwun­gen, ih­re Po­si­ti­on in die­sem für sie zen­tra­len Punkt zu re­la­ti­vie­ren.

Was ist vom «schuld­frei­en Geld» zu hal­ten?

Die Initi­an­ten schü­ren die Il­lu­si­on, die schuld­freie Ab­ga­be von Geld als Ge­schenk an Bür­ger und Staat sei für die­se ein Vor­teil im Ver­gleich zu heu­te. Das ist ein Irr­tum. Im heu­ti­gen Sys­tem gibt die Na­tio­nal­bank neu ge­schaf­fe­nes Geld im Aus­tausch ge­gen er­trags­brin­gen­de An­la­gen ab. Den Er­trag der An­la­gen kann sie als Strom von Zen­tral­bank­ge­win­nen Jahr für Jahr aus­schüt­ten. Das kann sie im Voll­geld-Sys­tem nicht, weil kei­ne Er­trä­ge mehr flies­sen. Es spielt letzt­lich kei­ne Rol­le, ob das Geld am An­fang ver­schenkt wird oder ob die über die Zeit an­fal­len­den Er­trä­ge aus­ge­schüt­tet wer­den. Es gibt auch mit «schuld­frei­em Geld» nicht mehr zu ver­tei­len als heu­te.

Es wird aber die Zahl von 300 Mrd. Fr. ge­nannt, die ver­teilt wer­den könn­te.

Die Initi­an­ten mei­nen, der Er­satz von bis­he­ri­gem Ban­ken­geld durch schuld­frei­es SNB-Geld be­grün­de ei­nen Ge­winn im sel­ben Aus­mass für Bür­ger und Staat. Doch auch dies ist ei­ne Rech­nung oh­ne den Wirt. Buch­geld bleibt Buch­geld, auch wenn es von der Zen­tral­bank ge­schaf­fen wird. Die Dienst­leis­tun­gen im Zah­lungs­ver­kehr – die für den In­ha­ber denWert der Ein­la­gen aus­ma­chen – müs­sen auch im Voll­geld­sys­tem er­bracht wer­den. Die Ban­ken wer­den dies zu vol­len Kos­ten ver­rech­nen, wenn sie nur noch treu­hän­de­ri­sche Ver­wal­ter der Kon­ten sind. Das müss­ten die Kun­den be­rap­pen, oder aber die SNB sub­ven­tio­niert den Zah­lungs­ver­kehr.

Und neue Be­gehr­lich­kei­ten ent­stün­den?

Ein Sys­tem, das die Geld­schöp­fung so di­rekt mit der Staats­fi­nan­zie­rung ver­bin­det, wie das bei der Voll­geld-In­itia­ti­ve der Fall ist, wä­re enor­men fis­kal­po­li­ti­schen Ver­su­chun­gen un­ter­wor­fen. Die Initi­an­ten ver­spre­chen jähr­li­che Ge­schen­ke für Bür­ger und Staat von 5 bis 10 Mrd. Fr., zu­sätz­lich zum An­fangs­ge­winn von 300 Mrd. Fr. Die Po­li­ti­ker wer­den nicht ver­le­gen sein, Pro­jekt­ide­en zu ent­wer­fen, die man da­mit fi­nan­zie­ren kann. Mit­tel­ver­schwen­dung in gros­sem Stil wä­re pro­gram­miert.

Die­se Art der Staats­fi­nan­zie­rung wür­de wohl frü­her oder spä­ter in­fla­tio­när wir­ken?

Das Ri­si­ko ist zu­min­dest gross, ob­wohl die Initi­an­ten das von sich wei­sen. Sie stel­len ja auch ei­ne neue Zu­sam­men­set­zung von Bank­rat und Di­rek­to­ri­um und de­ren Wahl in Aus­sicht, was der Un­ab­hän­gig­keit der SNB von der Po­li­tik und von In­ter­es­sen­grup­pen kaum för­der­lich wä­re. Die Ar­gu­men­te, war­um der Staat mehr Geld braucht, sind dann rasch ge­fun­den.

Hin­zu kommt ein ver­fas­sungs­recht­li­cher Aspekt: Ei­ne der­ar­ti­ge Fi­nan­zie­rung der öf­fent­li­chen Hand ist grund­sätz­lich ver­bo­ten.

Ja, das ist so. Die Initi­an­ten be­strei­ten zwar, dass ih­re In­itia­ti­ve zu di­rek­ter Staats­fi­nan­zie­rung durch die SNB führt, weil die­se ja selbst be­stim­me, wie viel zu­sätz­li­ches Geld in Um­lauf kommt. Doch un­ter den Be­din­gun­gen der Voll­geld-In­itia­ti­ve ist es we­nig glaub­wür­dig, dass dies in vol­ler Un­ab­hän­gig­keit von fis­ka­li­schen Be­gehr­lich­kei­ten ge­sche­hen kön­ne. Ei­ne sau­be­re Tren­nung von Geld- und Fis­kal­po­li­tik ist wohl nie mög­lich.

Schon heu­te schüt­tet die SNB ei­nen Teil des Ge­winns an Bund und Kan­to­ne aus.

Es ist le­gi­tim, dass sie ei­ne Ge­winn­aus­schüt­tung an Ei­gen­tü­mer und Staats­bür­ger vor­nimmt. Wich­tig ist, dass der Zen­tral­bank­ge­winn re­si­du­al be­stimmt ist: Die No­ten­bank darf ih­re Geld­po­li­tik nicht auf die Aus­schüt­tung aus­rich­ten, son­dern nur auf geld- und wäh­rungs­po­li­ti­sche Zie­le.

Be­steht beim heu­ti­gen Re­gime der Ge­winn­aus­schüt­tung Hand­lungs­be­darf?

Die Re­ge­lung ist zweck­mäs­sig, ich se­he kei­nen grund­le­gen­den Hand­lungs­be­darf. An­pas­sun­gen sind im De­tail im­mer mög­lich.

Was wä­ren die Aus­wir­kun­gen von Voll­geld auf den Aus­sen­wert des Fran­kens?

In ei­ner Über­gangs­pha­se wür­de der Fran­ken we­gen der zu er­war­ten­denVe­r­un­si­che­rung wohl ge­schwächt. Die Um­stel­lung auf ein Voll­geld-Sys­tem wä­re ein gros­ses, im in­ter­na­tio­na­len Um­feld ein­ma­li­ges Ex­pe­ri­ment. Län­ger­fris­tig sind die Wir­kun­gen schwie­rig ab­zu­schät­zen. Wenn das Ex­pe­ri­ment ge­mäss den Vor­stel­lun­gen der Initi­an­ten ge­lingt und zu ei­ner strik­ten Geld­men­gen­kon­trol­le und Preis­sta­bi­li­tät führt, wür­de der Fran­ken eher ge­stärkt.

Kann die In­itia­ti­ve so um­ge­setzt wer­den, wie dies die Initi­an­ten wün­schen?

«Die ak­tu­el­le Li­qui­di­täts­schwem­me ha­ben die Zen­tral­ban­ken ver­ur­sacht, nicht die Ge­schäfts­ban­ken.»

Ich glau­be nicht dar­an. Ich wür­de des­halb län­ger­fris­tig ei­ne Schwä­chung des Fran­kens er­war­ten. Die Um­set­zung wä­re höchst kom­plex und mit gros­sen Ri­si­ken ver­bun­den. Es gibt kei­ne Er­fah­run­gen. Es wä­re ein Sprung ins eis­kal­te Was­ser.

«Die Rol­le der SNB in der Kre­dit­ver­ga­be wür­de fast zwangs­läu­fig grös­ser.» «Es gibt auch mit schuld­frei­em Geld nicht mehr an Bür­ger und Staat zu ver­tei­len als heu­te.»

Wo ist das Haupt­pro­blem der Um­set­zung?

Die Sicht­ein­la­gen der Ban­ken wür­den an die Zen­tral­bank über­ge­hen und aus den Bank­bi­lan­zen ver­schwin­den. Die SNB müss­te den Ban­ken an­fäng­lich als Er­satz Dar­le­hen zur Fi­nan­zie­rung ih­rer aus­ste­hen­den Kre­di­te ge­wäh­ren. Die Ban­ken müss­ten die­se SNB-Dar­le­hen über zehn bis 15 Jah­re amor­ti­sie­ren – im Mass, in dem ih­re aus­ste­hen­den Kre­di­te fäl­lig wer­den. Für die Fi­nanz­märk­te wä­re dies ei­ne Fahrt in völ­lig un­be­kann­tes Ge­wäs­ser.

Lässt der Initia­tiv­text in der Um­set­zung Hand­lungs­spiel­raum?

Ei­nen ge­wis­sen Spiel­raum gibt es im­mer. Die Kern­punk­te al­ler­dings sind klar fi­xiert und müss­ten um­ge­setzt wer­den.

Passt der Ne­ga­tiv­zins zu Voll­geld?

Kaum. Die Initi­an­ten er­klä­ren, dass es auf Voll­geld wie auf Bar­geld kei­nen Zins ge­ben wer­de. Aber der Ne­ga­tiv­zins ist auch im jet­zi­gen Sys­tem vor­über­ge­hend.

Ma­chen Sie ei­ne Pro­gno­se zum Aus­gang der Ab­stim­mung?

Der Stimm­bür­ger ist ver­nünf­tig ge­nug, die­ses hoch­ris­kan­te Ex­pe­ri­ment ab­zu­leh­nen. Die In­itia­ti­ve ver­spricht Wun­der: Fi­nanz­kri­sen wür­den ver­hin­dert, Fi­nanz­sta­bi­li­tät ga­ran­tiert, eben­so auf ewi­ge Zei­ten sta­bi­le Prei­se. Da­zu wür­den Staat und Bür­ger mit viel Gra­tis­geld be­glückt. Der Bür­ger ist klug ge­nug zu wis­sen, dass sol­che Wun­der kaum je pas­sie­ren.

«Die Um­set­zung der In­itia­ti­ve wä­re höchst kom­plex. Es gibt kei­ne Er­fah­run­gen. Es wä­re ein Sprung ins eis­kal­te Was­ser.»

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