Da­ni­el Gros

Für Brüs­sel könn­te es ei­ne ver­lo­cken­de Va­ri­an­te sein, sich den For­de­run­gen der USA nach «frei­wil­li­gen» Ex­port­be­schrän­kun­gen für Stahl zu beu­gen. Das wä­re auch für Washington ein Aus­weg.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - DA­NI­EL GROS

Die EU könn­te im Stahl­streit mit den USA «frei­wil­li­ge» Ex­port­be­schrän­kun­gen ein­füh­ren, sagt der Brüs­se­ler Be­ob­ach­ter.

Die Ent­schei­dung der Re­gie­rung von US-Prä­si­dent Do­nald Trump, die Ein­füh­rung von Zöl­len auf Stahl (und Alu­mi­ni­um) aus Ka­na­da, der EU und Me­xi­ko in letz­ter Mi­nu­te für wei­te­re dreis­sig Ta­ge auf­zu­schie­ben, gibt den USA vor­der­grün­dig die Chan­ce, ei­ne län­ger­fris­ti­ge Ver­ein­ba­rung mit ih­ren Han­dels­part­nern aus­zu­han­deln. Wie soll­te ei­ne der­ar­ti­ge Ver­ein­ba­rung aus­se­hen?

Trump ist nicht der ers­te US-Prä­si­dent, der im Na­men der ame­ri­ka­ni­schen Stahl­in­dus­trie pro­tek­tio­nis­ti­sche Mass­nah­men um­setzt. 2002 ver­häng­te Prä­si­dent Ge­or­ge W. Bush ei­ne Rei­he von Ein­fuhr­be­schrän­kun­gen, dar­un­ter auch Zöl­le in der Hö­he von 30% auf ei­ni­ge Stahl­er­zeug­nis­se. Aber so­gar da­mals wa­ren über 70% der Stahl­im­por­te von ir­gend­wel­chen pro­tek­tio­nis­ti­schen Mass­nah­men aus­ge­nom­men. Im Ge­gen­satz da­zu schlägt Trump Mass­nah­men vor, die den ge­sam­ten Stahl­sek­tor be­tref­fen.

Die­ser Un­ter­schied ist Aus­druck ei­ner grund­le­gen­de­ren Ve­rän­de­rung des ame­ri­ka­ni­schen An­sat­zes in der Han­dels­po­li­tik. Die Bush-Re­gie­rung be­für­wor­te­te ge­ne­rell den of­fe­nen Han­del; zu ei­ner Zeit, als die Bran­che gros­se Ver­lus­te schrieb, stand sie un­ter Druck der na­tio­na­len Stahl­lob­by. Den­noch herrsch­te das im­pli­zi­te Ver­ständ­nis, dass sich je­der an die Spiel­re­geln hal­ten wür­de – be­son­ders an die Re­geln der Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on ( WTO) –, was die USA letzt­lich auch ta­ten.

Um­ge­hungs­ge­schäf­te

Im Ge­gen­satz da­zu ist der Wunsch der Re­gie­rung Trump, den (nun­mehr pro­fi­ta­blen) Stahl­sek­tor zu schüt­zen, Aus­druck der Über­zeu­gung, dass ge­ne­rell an­de­re vom Frei­han­del auf Kos­ten der USA pro­fi­tier­ten. Und die Ver­ei­nig­ten Staa­ten un­ter Prä­si­dent Trump küm­mern sich we­nig um die Re­geln der WTO.

Frei­lich ver­sucht die Trump-Re­gie­rung, da­für zu sor­gen, dass die Zöl­le nicht in di­rek­tem Wi­der­spruch zu die­sen Re­geln ste­hen, in­dem sie sich dar­auf be­ruft, dass sie mit den Zöl­len die na­tio­na­le Si­cher­heit zu schüt­zen be­ab­sich­tigt – ein Ziel, das die WTO als be­rech­tig­ten Grund zum Schutz ein­hei­mi­scher In­dus­tri­en an­er­kennt. Die ent­spre­chen­de Be­stim­mung wur­de bis­lang nur sehr sel­ten an­ge­wen­det, doch die we­ni­gen Prä­ze­denz­fäl­le deu­ten dar­auf hin, dass Trumps Zöl­le recht­lich ver­tret­bar sind, auch wenn nur ein klei­ner Teil der Stahl­pro­duk­ti­on tat­säch­lich für Pan­zer und Kriegs­schif­fe ver­wen­det wird.

Doch die Sa­che hat ei­nen Ha­ken. Wenn die Zöl­le wirk­lich der na­tio­na­len Si­cher­heit die­nen, müs­sen sie haupt­säch­lich auf Im­por­te von en­gen Ver­bün­de­ten wie Ka­na­da, Me­xi­ko, Ja­pan und der EU er­ho­ben wer­den. Noch kom­pli­zier­ter wird die An­ge­le­gen­heit durch so­ge­nann­te Um­la­dun­gen. Bei Stahl han­delt es sich um ei­ne re­la­tiv ho­mo­ge­ne Gü­ter­klas­se. So wird bei­spiels­wei­se flach­ge­walz­ter Stahl (ei­ner be­stimm­ten Qua­li­tät) auf or­ga­ni­sier­ten Bör­sen ge­han­delt, wo die Her­kunft des Pro­dukts we­nig be­ach­tet wird.

Wenn al­so die USA Stahlz­öl­le nur auf die Im­por­te ei­ni­ger Län­der ein­füh­ren, könn­ten die Stah­l­ex­por­teu­re die­ser Län­der ih­re Pro­duk­te an Ver­bün­de­te der USA schi­cken, wo­durch de­ren Ex­por­te in die USA stei­gen wür­den.

Das heisst: Be­frei­ten die USA ih­re Ver­bün­de­ten von den Zöl­len, wür­den sie auch ei­ne ge­wis­se Rück­ver­si­che­rung brau­chen, dass die Ex­por­te der Ver­bün­de­ten in die USA nicht sprung­haft stei­gen. Tat­säch­lich for­dern die USA mitt­ler­wei­le ih­re Ver­bün­de­ten – auch die EU – auf, ih­re Stah­l­ex­por­te in die USA zu be­gren­zen. Das Pro­blem da­bei ist, dass die WTO-Re­geln die­se so­ge­nann­ten frei­wil­li­gen Ex­port­be­schrän­kun­gen nicht zu­las­sen.

Das bringt die EU in ei­ne Zwick­müh­le. Sie hat näm­lich mit Ge­gen­mass­nah­men ge­droht, soll­ten die USA Zöl­le ein­füh­ren. Doch die­se Mass­nah­men sind mög­li­cher­wei­se nicht le­gi­tim, wenn ein Gre­mi­um der Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on fest­stellt, dass die USA das Recht ha­ben, zu be­stim­men, dass ih­re na­tio­na­le Si­cher­heit die Ein­füh­rung von Stahlz­öl­len recht­fer­tigt. Doch wenn sich die EU den For­de­run­gen der USA nach «frei­wil­li­gen» Ex­port­be­schrän­kun­gen bei Stahl beugt, könn­te sie da­mit eben­falls WTO-Ver­pflich­tun­gen ver­let­zen.

Aus der Sicht der EU soll­ten die­se frei­wil­li­gen Be­schrän­kun­gen al­ler­dings höchst ver­lo­ckend sein. Frei­wil­li­ge Ex­port­be­schrän­kun­gen wur­den in den Acht­zi­ger­jah­ren – oft von der EU selbst – ein­ge­setzt, um der Kon­kur­renz aus Os­t­a­si­en zu be­geg­nen. Für das Ex­port­land stel­len sie ei­ne at­trak­ti­ve Al­ter­na­ti­ve zu Zöl­len dar.

Zöl­le bie­ten dem Im­port­land die Aus­sicht auf zu­sätz­li­che Ein­nah­men, ob­wohl de­ren ge­naue Hö­he von dem Aus­mass ab­hän­gen wür­de, in dem die Im­por­te sin­ken. Wenn die USA bei­spiels­wei­se flä­chen­de­cken­de Zöl­le auf Stahl­pro­duk­te in der Hö­he von 25% ein­füh­ren und die Im­por­te dar­auf­hin auf 15 Mrd. $ ein­bre­chen – al­so auf die Hälf­te des Werts von 2017 –, wür­den die USA im­mer noch pro Jahr zu­sätz­lich 3,75 Mrd. $ ein­neh­men.

Mit ei­ner Rei­he von frei­wil­li­gen Ex­port­ver­ein­ba­run­gen mit gros­sen Her­stel­lern wür­de im Hin­blick auf ame­ri­ka­ni­sche Stahl­im­por­te das glei­che Er­geb­nis er­reicht, aber in die­sem Fall wür­den die zu­sätz­li­chen Ein­nah­men den aus­län­di­schen Her­stel­lern zu­fal­len. Mit an­de­ren Wor­ten: Die ame­ri­ka­ni­schen Stahl­ver­brau­cher wür­den prak­tisch die aus­län­di­schen Stahl­pro­du­zen­ten sub­ven­tio­nie­ren.

Die Trump-Re­gie­rung steht ei­nem der­ar­ti­gen Er­geb­nis of­fen ge­gen­über, weil sie es un­pas­send fin­det, Ein­fuh­ren von Ver­bün­de­ten mit Zöl­len zu be­le­gen. Aus Sicht der USA soll­ten die Ver­bün­de­ten ein­fach ih­re Ex­por­te be­steu­ern und die Ein­nah­men be­hal­ten.

«Frei­wil­li­ge Ex­port­be­schrän­kun­gen wur­den in den Acht­zi­ger­jah­ren – oft von der EU selbst – ein­ge­setzt, um der Kon­kur­renz aus Os­t­a­si­en zu be­geg­nen.»

Öko­no­mie kon­tra Geo­po­li­tik

An­ders als die Ver­ei­nig­ten Staa­ten – die sich auf der Su­che nach schnel­len «Ge­win­nen» im Han­del of­fen­bar von ih­rer öko­no­mi­schen Lo­gik ver­ab­schie­det ha­ben – ist die EU ein sich lang­sam be­we­gen­des Ge­bil­de, das der öko­no­mi­schen Lo­gik ge­ne­rell den Vor­zug vor geo­po­li­ti­schen Er­wä­gun­gen gibt und lang­fris­ti­ge Ver­ein­ba­run­gen fa­vo­ri­siert. An­ge­sichts die­ser Un­ter­schie­de ist es wo­mög­lich schwie­rig, in den nächs­ten dreis­sig Ta­gen ei­ne Über­ein­kunft zu schmie­den.

Den­noch scheint die wirt­schaft­li­che Lo­gik, auf Prä­si­dent Trumps For­de­run­gen ein­zu­ge­hen, für die Eu­ro­päi­sche Uni­on stark ge­nug zu sein, um Trump die­sen schein­ba­ren Sieg zu über­las­sen. Der Ge­winn für die eu­ro­päi­schen Stahl­pro­du­zen­ten soll­te die Kos­ten für die An­wäl­te, die die frei­wil­li­gen Ex­port­be­schrän­kun­gen vor der WTO ver­tei­di­gen, mehr als ab­de­cken.

Da­ni­el Gros ist Di­rek­tor des Cen­ter for Eu­ro­pean Po­li­cy Stu­dies. Co­py­right: Pro­ject Syn­di­ca­te.

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