Jens Al­der

Jens Al­der, Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent des Strom­kon­zerns, glaubt aber, dass der Rü­cken­wind vom eu­ro­päi­schen Elek­tri­zi­täts­markt al­lei­ne nicht ge­nü­gen wird.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE -

Der Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent von Al­piq er­klärt, wie fol­gen­reich der Kon­kurs ei­nes gros­sen Strom­pro­du­zen­ten wä­re.

Aus Sicht von Al­piq ist im Schwei­zer Strom­sek­tor ge­nug Geld da, es ist nur schlecht ver­teilt. Als Un­ter­neh­men oh­ne ge­bun­de­ne End­kun­den und oh­ne Ver­teil­net­ze, die ge­si­cher­te Ein­nah­men ver­spre­chen, steht Al­piq seit Jah­ren un­ter Druck. Die fi­nan­zi­el­len Mit­tel, um ein Ge­gen­ge­wicht zur de­fi­zi­tä­ren Schwei­zer Pro­duk­ti­on auf­zu­bau­en, reich­ten nicht aus. Der Ver­kauf des Wachs­tums­ge­schäfts ver­schafft Al­piq Zeit. Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent Jens Al­der setzt auf Hil­fe durch die Po­li­tik, wie er im Ge­spräch mit «Fi­nanz und Wirt­schaft» sagt.

Herr Al­der, wenn Al­piq das Wachs­tums­ge­schäft an Bouy­gues Con­struc­tions ver­kauft hat und die Trans­ak­ti­on ab­ge­schlos­sen ist, wie geht es dann wei­ter? War­ten Sie auf ei­ne Er­ho­lung des Strom­markts?

Das Wich­tigs­te ist ak­tu­ell, dass die Trans­ak­ti­on wirk­lich durch­ge­führt wird. Das ist un­se­re ers­te Prio­ri­tät. Mit der Ab­spal­tung des In­dus­trie­ge­schäfts re­du­zie­ren wir die Net­to­ver­schul­dung und kon­zen­trie­ren uns aufs Kern­ge­schäft.

Was macht Al­piq mit dem Cash?

Theo­re­tisch gibt es drei Mög­lich­kei­ten: in­ves­tie­ren, Schul­den zu­rück­zah­len oder Cash be­hal­ten, um das De­fi­zit der Schwei­zer Strom­pro­duk­ti­on zu fi­nan­zie­ren.

Und prak­tisch?

Grös­se­re In­ves­ti­tio­nen ste­hen nicht zur De­bat­te. Schul­den zu­rück­zah­len wä­re nicht schlecht und wür­de die Fi­nan­zie­rungs­kos­ten sen­ken. Das hät­te aber den Nach­teil, dass sich das Ri­si­ko­pro­fil von Al­piq ver­grös­sern wür­de, denn wir er­war­ten über die nächs­ten Jah­re ei­nen ne­ga­ti­ven Cash­flow. In­so­fern läuft es eher auf ei­ne Mi­schung aus Va­ri­an­te zwei und drei hin­aus. Das grös­se­re Ge­wicht wird dar­auf lie­gen, Cash im Un­ter­neh­men zu hal­ten.

Sie ha­ben Aus­schüt­tun­gen ver­ges­sen.

Rich­tig, das ge­hört theo­re­tisch da­zu, ist aber vor­erst aus­ge­schlos­sen.

Wann schüt­tet Al­piq wie­der ei­ne Di­vi­den­de aus, wann er­hal­ten die Kon­sor­ti­al­ak­tio­nä­re wie­der Zin­sen auf das Hy­brid­dar­le­hen?

Wir müs­sen un­se­re Ka­pi­tal­kos­ten gut und so­li­de ver­die­nen und da­von über­zeugt sein, dass die Ent­wick­lung nach­hal­tig ist. Da­von sind wir noch Jah­re weg.

Rech­nen Sie mit bes­se­ren Ra­tings, wenn Al­piq die Schul­den wei­ter senkt?

Auf­grund der struk­tu­rel­len Mass­nah­men wur­den un­se­re ak­tu­el­len Ra­tings be­stä­tigt. Es ist ein sehr wich­ti­ges, über­ge­ord­ne­tes Ziel, dass wir ka­pi­tal­markt­fä­hig blei­ben. Es ist die Gr­und­vor­aus­set­zung,

um spä­ter über die Al­lo­ka­ti­on des Ka­pi­tals zu ent­schei­den.

Wann wä­re das nicht mehr der Fall?

Ei­ne Her­ab­stu­fung wä­re ein mög­li­cher Aus­lö­ser, die An­lei­hen von Al­piq sind ge­ra­de noch im In­vest­ment Gra­de. Be­stimm­te An­le­ger müss­ten bei ei­ner Ra­ting­s­en­kung aus re­gu­la­to­ri­schen Grün­den ver­kau­fen. Ein zwei­ter mög­li­cher Grund wä­re ein Ver­lust des Ver­trau­ens, dass Al­piq lang­fris­tig in der La­ge ist, die Fremd­ka­pi­tal­kos­ten zu be­die­nen. Dort se­he ich meh­re­re mög­li­che Fak­to­ren – das Ver­trau­en in das Ma­nage­ment, das re­gu­la­to­ri­sche Um­feld, der eu­ro­päi­sche Strom­markt.

Heisst das im Um­kehr­schluss, die Ra­tings im­pli­zie­ren der­zeit, dass ex­ter­ne Fak­to­ren zu­guns­ten von Al­piq spie­len? Die Strom­prei­se dürf­ten sich leicht er­ho­len, eben­so die CO2-Prei­se als In­put­kos­ten.

Es ist tat­säch­lich so, dass ver­schie­de­ne Me­ga­trends im eu­ro­päi­schen Strom­markt zu­guns­ten von Al­piq spie­len. Die Fra­ge ist, wie steil der Gra­di­ent ist. Ich per­sön­lich glau­be, dass es Re­gu­lie­rungs­mass­nah­men in der Schweiz braucht, weil es der eu­ro­päi­sche Strom­markt nicht al­lei­ne rich­ten kann.

Wie schät­zen Sie die Chan­cen ein, dass die Po­li­tik Al­piq zu Hil­fe eilt?

Hil­fe hö­re ich nicht ger­ne. Es klingt nach Sub­ven­tio­nen, und per­sön­lich fin­de ich Sub­ven­ti­ons­mo­del­le völ­lig falsch. Es gibt zwei Pro­blem­krei­se. Die ak­tu­el­le Re­gu­lie­rung im Schwei­zer Strom­markt ist mas­siv wett­be­werbs­ver­zer­rend. Mo­no­pol­ge­win­ne ste­hen Markt­de­fi­zi­ten ge­gen­über. Aus­ser­dem gibt es der­zeit kei­ne In­ves­ti­ti­ons­an­rei­ze für Gross­kraft­wer­ke im In­land. Schwei­zerVer­sor­ger mit ge­bun­de­nen Kun­den in­ves­tie­ren fast aus­schliess­lich im Aus­land. Al­piq pro­du­ziert et­wa 20% des Schwei­zer Stroms, und der Be­darf wird stei­gen, nicht sin­ken. Wenn wir den Strom nicht lie­fern, wo­her soll er kom­men?

Aus dem Aus­land.

Wer soll den Strom lie­fern? Im Win­ter kom­men Frank­reich und Deutsch­land in Fra­ge. Frank­reich baut kaum zu und pro­du­ziert zu 80% Atom­strom. Wenn dort ein An­la­gen­typ zum Bei­spiel aus Si­cher­heits­grün­den vom Netz ge­nom­men wird, ist klar, wo der ver­blei­ben­de Strom lan­det – im ei­ge­nen Land. In Deutsch­land ge­hen die letz­ten Atom­kraft­wer­ke 2022 vom Netz, und das Pro­blem des Trans­ports von Wind­strom von Nord­ nach Süd­deutsch­land ist nicht ge­löst.

«Wir er­war­ten über die nächs­ten Jah­re ei­nen ne­ga­ti­ven Cash­flow.»

Gibt es ein In­ter­es­se in der Strom­bran­che an ei­nem Kon­kurs von Al­piq?

Kon­kurs ist für Al­piq kein The­ma. Al­le Gross­kraft­wer­ke sind in Part­ner­wer­ken or­ga­ni­siert. Wenn ein gros­ser Ak­tio­när bei­spiels­wei­se an den Atom­kraft­wer­ken Gös­gen oder Leib­stadt weg­fal­len wür­de, dann müss­ten fak­tisch die an­de­ren ein­sprin­gen, so­fern der Part­ner­ver­trag be­ste­hen blie­be, und den Strom zu Ge­ste­hungs­kos­ten über­neh­men, was das Be­die­nen des Fremd­ka­pi­tals und die Ein­zah­lun­gen in die Still­le­gungs­ und Ent­sor­gungs­fonds be­inhal­tet.

«Wir brau­chen das Strom­ab­kom­men für un­ser Ex­port­ge­schäft. Ich se­he das sonst lang­fris­tig als Pro­blem.»

Al­so hat nie­mand ein In­ter­es­se an ei­nem Kon­kurs von Al­piq?

Nie­mand hat ein In­ter­es­se am Kon­kurs ei­nes gros­sen Strom­pro­du­zen­ten.

Was ge­nau wä­re der Vor­teil für Al­piq, wenn das EU-Strom­ab­kom­men kä­me?

Wir sind heu­te in un­se­rem in­ter­na­tio­na­len Han­dels­ge­schäft schon in ge­wis­sen Märk­ten be­nach­tei­ligt. Das ist im sehr kurz­fris­ti­gen Han­del der Fall, mit Aus­lie­fe­rung in we­ni­ger als fünf­zehn Mi­nu­ten. Wir wis­sen, dass sich die eu­ro­päi­sche Re­gu­lie­rung wei­ter­ent­wi­ckeln wird. Wir sind ein Dritt­staat und wir wer­den so­mit auch an neu­en Han­dels­mög­lich­kei­ten – Stichwort Di­gi­ta­li­sie­rung – nicht par­ti­zi­pie­ren kön­nen. Das wä­re kein Pro­blem, wenn wir nicht ei­ne für die Schweiz völ­lig über­di­men­sio­nier­te fle­xi­ble Pro­duk­ti­on hät­ten. Wir brau­chen das Strom­ab­kom­men für un­ser Ex­port­ge­schäft. Ich se­he das sonst lang­fris­tig als Pro­blem für Al­piq.

Auch ein Pro­blem für die ge­sam­te Schweiz?

Ja, das Ab­kom­men mit der EU ist für die Strom­ver­sor­gung der Schweiz im Win­ter mit­tels Im­por­ten noch viel wich­ti­ger als für Al­piq.

Di­vi­den­den­zah­lun­gen kom­men vor­erst nicht in Fra­ge, sagt Jens Al­der.

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