Pa­ris und Prag – die zwei Früh­lin­ge von 1968

Vor ge­nau 50 Jah­ren ge­rie­ten zeit­gleich die Fünf­te Re­pu­blik und der Kom­mu­nis­mus in der Tsche­cho­slo­wa­kei ins Wan­ken. Doch die Un­ru­hen im Wes­ten und im Os­ten hat­ten ge­gen­sätz­li­che Be­weg­grün­de.

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - MAN­FRED RÖSCH

Vor 50 Jah­ren war rich­tig was los in Pa­ris. Im sa­gen­um­wo­be­nen Mai 1968 re­bel­lier­ten zu­nächst Stu­den­ten, dann tra­ten Ar­bei­ter in den Streik. Es roch nach Volks­auf­stand und Bür­ger­krieg. Prä­si­dent Charles de Gaul­le flog am 29. Mai zur fran­zö­si­schen Gar­ni­son in Ba­denBa­den und si­cher­te sich den Rück­halt der Streit­kräf­te. Dann for­der­te er die Ar­bei­ter auf, in die Fa­b­ri­ken zu­rück­zu­keh­ren, droh­te mit der Ver­hän­gung des Aus­nah­me­zu­stands und setz­te für den Ju­ni Neu­wah­len an. Nun mach­ten die kon­ser­va­ti­ven Geg­ner der lin­ken Ak­ti­vis­ten mo­bil und in den Wah­len bau­ten die Gaul­lis­ten ih­re Mehr­heit deut­lich aus.

Was bleibt von den Un­ru­hen, sind ul­ki­ge Heils­for­meln wie «L’ima­gi­na­ti­on au pou­voir» oder «Sous les pa­vés, la pla­ge!». In Pa­ris wie an­ders­wo in der west­li­chen Welt mach­ten sich dann die so­ge­nann­ten 68er auf den Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen; heu­te sind die Ve­te­ra­nen von sei­ner­zeit wohl­be­stall­te Rent­ner, die ih­re Rol­le im Fort­schritt der Mensch­heits­ge­schich­te bis­wei­len nicht un­ter­schät­zen.

Re­vo­lu­ti­on hier, Frei­heit dort

Was sie da­mals ver­säum­ten, in Pa­ris wie sonst wo: vor die so­wje­ti­sche Bot­schaft zu mar­schie­ren. Denn auf der an­de­ren, der schat­ti­ge­ren Sei­te des Ei­ser­nen Vor­hangs, im na­hen und zugleich so fer­nen Prag, setz­te der Kreml die Re­gie­rung mas­siv un­ter Druck, bis schliess­lich die Ro­te Ar­mee – in Waf­fen­brü­der­schaft mit Trup­pen aus Bul­ga­ri­en, Po­len und Un­garn; die Ar­mee der DDR stand nur be­reit, mit Rück­sicht auf die Na­zi-His­to­rie – im Au­gust den Pra­ger Früh­ling platt­walz­te.

Die Füh­rung der tsche­cho­slo­wa­ki­schen Kom­mu­nis­ten hat­te sich durch­aus mu­tig da­zu ent­schlos­sen, das So­wjet-Mo­dell durch ei­ne frei­heit­li­che­re, zeit­ge­mäs­se­re Va­ri­an­te des So­zia­lis­mus – ei­ne mit «mensch­li­chem An­ge­sicht» – zu er­set­zen. Das Ge­sicht der Par­tei war Alex­an­der Dubcek; er und an­de­re Re­form­kom­mu­nis­ten hat­ten zu Jah­res­be­ginn die al­te Gar­de im Po­lit­bü­ro ab­ser­viert. Das Volk war be­geis­tert und de­mons­trier­te für das, was in Pa­ris, Ber­ke­ley, West-Ber­lin (und im be­schau­li­chen Zürich!) der stu­die­ren­den und wohl­ge­nähr­ten Ju­gend nicht reich­te oder gar su­spekt war: das Recht auf freie Mei- nungs­äus­se­rung, freie Wah­len, auf Tsche­chisch «De­mo­kra­cie». Die Aus­sicht auf bür­ger­li­che Frei­hei­ten in ei­ner wohl­ver­sorg­ten Kon­sum­ge­sell­schaft be­geis­ter­te die Men­schen im Os­ten. Im Wes­ten da­ge­gen hat­ten Marx-trun­ke­ne Ju­gend­li­che (die mit­un­ter aus fei­nen Fa­mi­li­en stamm­ten) da­für nurVer­ach­tung üb­rig: Sol­cher­lei galt als tü­cki­sche Fal­le der Bour­geoi­sie.

Wäh­rend im Wes­ten lin­ke Schwarm­geis­ter Por­träts des Schläch­ters Mao wie Hei­li­gen­bil­der vor sich her­tru­gen, hat­ten die Men­schen in Prag oder Press­burg von Ty­ran­nen die­ses Schlags die Na­se voll. Eben­so von der re­al exis­tie­ren­den Uto­pie, die im All­tag ihr un­mensch­li­ches Ant­litz dar­bot. Ver­gli­chen mit der im Ost­block üb­li­chen Un­ter­drü­ckung und schliess­lich der «Ope­ra­ti­on Do­nau» (der Co­de für die Be­set­zung der Tsche­cho­slo­wa­kei) wa­ren die Po­li­zei­ein­sät­ze ge­gen Ran­da­lie­rer im Wes­ten Well­ness­pro­gram­me.

Al­so va­geVor­stel­lun­gen von Re­vo­lu­ti­on hier, hand­fes­ter Wunsch nach Frei­heit dort. Ge­mein­sam wa­ren «Pa­ris» und «Prag» die zu­fäl­li­ge Zeit­gleich­heit, zu­dem ein Hauch von Zeit­geist: Die Ju­gend klei­de­te sich hü­ben wie drü­ben ähn­lich, lausch­te der glei­chen Mu­sik und war vom glei­chen Miss­trau­en in die be­ste­hen­den In­sti­tu­tio­nen be­seelt. Sie woll­te beid­seits der Mau­er den Sta­tus quo ver­än­dern, und beid­seits schei­ter­te sie. Im Os­ten al­ler­dings mit gra­vie­ren­de­ren Kon­se­quen­zen; Zehn­tau­sen­de Tsche­chen und Slo­wa­ken flo­hen nach Wes­ten. Aus Frank­reich oder Deutsch­land brauch­te nie­mand ab­zu­hau­en; dort mach­ten zahl­lo­se 68er Kar­rie­re, mit Vor­lie­be im Staats­dienst.

Dass «1968» noch heu­te im Wes­ten Eu­ro­pas fast nur mit den Stu­den­ten­kra­wal­len ge­gen kei­nes­wegs des­po­ti­sche, al­len­falls alt­vä­te­ri­sche, si­cher je­doch de­mo­kra­tisch ge­wähl­te Re­gie­run­gen gleich­ge­setzt wird, be­stä­tigt das Fort­dau­ern der west­li­chen Nach­kriegs­blind­heit auf ei­nem Au­ge. Zu ver­mu­ten ist auch, dass der ge­ra­de im Esta­blish­ment von Me­di­en, Kul­tur und Aka­de­mia nach­wir­ken­de Geist (man­che sa­gen: Un­geist) der 68er nost­al­gi­sches Wohl­wol­len für die Hel­den­ta­ten von ehe­dem be­wirkt.

Der Vor­stoss der Pan­zer­ko­lon­nen des War­schau­er Pakts auf den Wen­zels­platz, so macht es bis­wei­len den Ein­druck, wird eher als das Welt­bild stö­ren­de Pein­lich­keit be­schwie­gen. Je­den­falls liess es sich im Wes­ten mit Ho-Chi-Minh-Ru­fen be­quem ge­gen den (un­säg­li­chen) Viet­nam­krieg der Ame­ri­ka­ner auf­tre­ten, wäh­rend es in Prag wahr­haft zur Sa­che ging. Zu Pro­tes­ten ge­gen die So­wjets un­ter dem Be­ton­kopf Leo­nid Bre­schnew moch­te sich die Lin­ke in Pa­ris etc. da­mals nicht auf­raf­fen.

Die Fol­gen des Pa­ri­ser Mai 1968 auf die west­li­chen Ge­sell­schaf­ten wer­den oft als epo­chal ver­klärt, wäh­rend der Pra­ger Früh­ling hier eher ei­ne läs­ti­ge Fuss­no­te ist. Der tsche­chi­sche Schrift­stel­ler und Zeit­zeu­ge Mi­lan Kun­de­ra («Die un­er­träg­li­che Leich­tig­keit des Seins») sprach ver­glei­chend von «re­vo­lu­tio­nä­rer Ly­rik» in Pa­ris und «post­re­vo­lu­tio­nä­rer Skep­sis» in Prag. Wäh­rend die auf­müp­fi­gen Stu­den­ten an der Sei­ne – so­fern es sie über­haupt in­ter­es­sier­te – miss­trau­isch auf die Kom­mi­li­to­nen an der Mol­dau blick­ten, hät­ten die­se über die Il­lu­sio­nen der Pa­ri­ser Ju­gend nur mü­de ge­lä­chelt.

Ru­di Dutsch­ke, da­mals ein pro­mi­nen­ter Ak­ti­vist in der deut­schen Sze­ne, sag­te zehn Jah­re post fes­tum, die wirk­lich wich­ti­gen Er­eig­nis­se hät­ten in Prag statt­ge­fun­den, nicht in Pa­ris; er und die meis­ten an­de­ren 68er hät­ten das zu die­ser Zeit bloss nicht er­kannt – es hat­te ja der lin­ken Leh­re zu­fol­ge nur den ei­nen, den ame­ri­ka­ni­schen Im­pe­ria­lis­mus ge­ben dür­fen.

«Die Nie­der­schla­gung des Pra­ger Früh­lings dis­kre­di­tier­te den So­zia­lis­mus so­wje­ti­schen Stils end­gül­tig.»

Ma­na­gua statt Mos­kau

Die bru­ta­le Nie­der­schla­gung des Pra­ger Früh­lings dis­kre­di­tier­te den So­zia­lis­mus so­wje­ti­schen Stils end­gül­tig. Sei­ner­zeit noch wäh­ler­star­ke kom­mu­nis­ti­sche Par­tei­en in We­st­eu­ro­pa, be­son­ders in Frank­reich und Ita­li­en, eman­zi­pier­ten sich mit ei­nem «eu­ro­kom­mu­nis­ti­schen» Re­form­kurs. Ra­di­ka­le Lin­ke rich­te­ten ih­re Sehn­süch­te auf exo­ti­sche Vor­bil­der wie eben Chi­na und Viet­nam; Che Gue­va­ra und Fi­del Cas­tro blie­ben so­wie­so Ido­le und 1979 lie­fer­ten die San­di­nis­ten in Ni­ca­ra­gua ein letz­tes Mal den ro­man­ti­schen My­thos vom So­zia­lis­mus un­ter Pal­men.

Was wohl aus dem tsche­cho­slo­wa­ki­schen Ex­pe­ri­ment ge­wor­den wä­re? Der Kreml hat­te be­grif­fen, dass das Macht­mo­no­pol der KP un­ter men­schen­wür­di­ge­ren Rah­men­be­din­gun­gen un­halt­bar war, da­mit auch die Vor­macht Mos­kaus im Her­zen Eu­ro­pas. Spä­ter er­fuhr dann Mich­ail Gor­bat­schow, dass das Sys­tem nicht re­for­mier­bar war. Als der Ost­block 1989 kol­la­bier­te, such­te nie­mand mehr nach ei­nem «drit­ten Weg» zwi­schen So­zia­lis­mus und Ka­pi­ta­lis­mus, son­dern nur noch nach dem Weg nach Wes­ten.

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