Big Phar­ma un­ter An­kla­ge

In Ame­ri­ka rollt we­gen der Opi­oid-Kri­se ei­ne ge­wal­ti­ge Wel­le an Rechts­kla­gen auf die Ge­sund­heits­bran­che zu. Es droht ei­ne hö­he­re Bus­se als beim Re­kord­ver­gleich der Ta­bak­kon­zer­ne von 1998.

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - CHRIS­TOPH GISIGER

Die Pil­len lie­gen ver­lo­ckend wie Bon­bons auf dem Früh­stücks­tisch. «Was ist mit dem Rest un­se­rer Süs­sig­kei­ten?», fragt Ro­sean­ne in die Fern­seh­ka­me­ra. «Es ist ein Witz», ent­geg­net ihr Mann Dan und öff­net ei­ne wei­te­re Ta­blet­ten­do­se. «Die Kran­ken­kas­se deckt nicht mehr so viel ab wie frü­her. Dar­um gab’s in der Apo­the­ke nur halb so vie­le Me­di­ka­men­te zum dop­pelt so ho­hen Preis.» Das Pu­bli­kum im Stu­dio lacht, wor­auf die bei­den Rent­ner be­gin­nen, hoch­po­ten­te Schmerz­mit­tel, An­ti­de­pres­si­va und an­de­re re­zept­pflich­ti­ge Prä­pa­ra­te un­ter­ein­an­der aus­zu­tau­schen. Die­se Er­öff­nungs­se­quenz aus der Neu­auf­la­ge von «Ro­sean­ne» mag be­fremd­lich wir­ken. Dass die Ma­cher der po­pu­lärs­ten Sit­com Ame­ri­kas die neue Staf­fel aber ge­ra­de mit ei­nem Gag zum The­ma Ge­sund­heit lan­ciert ha­ben, ist be­zeich­nend. Sie spre­chen da­mit ei­ne Gr­und­angst von Mil­lio­nen Zu­schau­ern an, die sich im teu­ers­ten Ge­sund­heits­sys­tem der Welt um ihr Wohl­er­ge­hen sor­gen.

Um­so bri­san­ter ist die ge­wal­ti­ge Wel­le an Rechts­kla­gen, die auf die Phar­ma­bran­che zu­rollt. Sie rich­tet sich auf die Schuld an der Kri­se um Opi­oid­Schmerz­mit­tel, die zur töd­lichs­ten Epi­de­mie in der Ge­schich­te der USA es­ka­liert ist. Ge­mäss der Ge­sund­heits­be­hör­de CDC ster­ben täg­lich mehr als hun­dert Ame­ri­ka­ner an ei­ner Über­do­sis Opi­oi­den. Das sind mehr als durch­Ver­kehrs­un­fäl­le oder De­lik­te mit Schuss­waf­fen und es über­trifft selbst die To­des­ra­te auf dem Ze­nit der Aids­Seu­che. Be­son­ders ver­hee­rend ist die Si­tua­ti­on in der Re­gi­on der Ap­pa­la­chen und im Nord­os­ten des Lan­des, wo Weis­se die Be­völ­ke­rung do­mi­nie­ren. Wie ernst das Pro­blem ist, zeigt sich dar­an, dass die Le­bens­er­war­tun­gWeis­ser im mitt­le­ren Al­ter lan­des­weit ab­nimmt, wäh­rend sie in al­len an­de­ren Be­völ­ke­rungs­grup­pen steigt. Mass­geb­lich ver­ant­wort­lich da­für ist zu­neh­men­der Dro­gen­miss­brauch, wie ei­ne oft zi­tier­te Stu­die der Prin­ce­ton­Öko­no­men An­ne Ca­se und An­gus Dea­ton zeigt.

Dea­ler im Ärz­te­kit­tel

Opi­oi­de wer­den in der Um­gangs­spra­che des­halb auch «Hill­bil­ly­He­ro­in » ge­nannt. Ver­ein­facht ge­sagt, sind das Sub­stan­zen mit mor­phinar­ti­gen Ei­gen­schaf­ten wie Oxy­codon, Fen­tanyl oder Metha­don. Weil die Ab­hän­gig­keits­ge­fahr ex­trem hoch ist, hat­ten Ärz­te sie lan­ge fast aus­schliess­lich zur Schmerz­be­hand­lung bei Krebs­pa­ti­en­ten ein­ge­setzt. Das än­der­te sich ab Mit­te der Neun­zi­ger­jah­re, als der Phar­ma­kon­zern Pur­due ei­ne ag­gres­si­ve Mar­ke­ting­kam­pa­gne für das Me­di­ka­ment OxyCon­tin lan­cier­te. Pseu­do­wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en ver­harm­los­ten das Such­tri­si­ko, so­dass OxyCon­tin und ver­gleich­ba­re Prä­pa­ra­te wie Vi­co­din bald mas­sen­wei­se ver­schrie­ben wur­den. Die Fol­ge da­von ist, dass in kei­nem an­de­ren Land mehr Opi­oi­de kon­su­miert wer­den als in den USA. Über 2,5 Mil­lio­nen Ame­ri­ka­ner sind heu­te da­von ab­hän­gig – Ten­denz stei­gend. Da vie­le sich ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Ta­blet­ten auf Dau­er nicht leis­ten kön­nen, sind sie auf bil­li­ge­re Stras­sen­dro­gen um­ge­stie­gen. So ha­ben 80% der He­ro­in­süch­ti­gen mit dem Miss­brauch von Opi­oid­Schmerz­mit­teln an­ge­fan­gen.

Das ver­ur­sacht nicht nur enor­mes Leid, son­dern auch ho­he Kos­ten. Die US­Re­gie­rung schätzt, dass es über 500 Mrd.$ pro Jahr sind. Da­für wird Big Phar­ma jetzt vor Ge­richt zur Re­chen­schaft ge­zo­gen. Bun­des­staa­ten, Städ­te, Ge­mein­de­be­zir­ke und so­gar Stäm­me von Ur­ein­woh­nern ha­ben Hun­der­te von Kla­gen ge­gen die Bran­che ein­ge­reicht. Die Schlüs­sel­rol­le kommt ei­ner Sam­mel­kla­ge vor dem Ge­richts­hof des nörd­li­chen Di­strikts von Ohio in Cleve­land zu, die über vier­hun­dert Ein­zel­kla­gen zu­sam­men­fasst. An­fang April hat sich die­sem Pro­zess das US­Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um an­ge­schlos­sen, «um si­cher­zu­stel­len, dass Ge­rech­tig­keit wi­der­fah­ren wird». Dass der wich­tigs­te Rechts­streit zur Opi­oid­Epi­de­mie in Ohio aus­ge­foch­ten wird, be­deu­tet für die Ge­sund­heits­in­dus­trie kei­ne vor­teil­haf­te Aus­gangs­la­ge. Fast vier­zig von 100 000 Ein­woh­nern ster­ben dort an ei­ner Dro­gen­über­do­sis. Ohio ge­hört da­mit wie West Vir­gi­nia, New Hamp­shire, Penn­syl­va­nia und Ken­tu­cky zu den Bun­des­staa­ten, die am stärks­ten be­trof­fen sind.

Ers­te Prä­ze­denz­fäl­le zur Sam­mel­kla­ge sol­len im März 2019 vor Ge­richt kom­men. Rich­ter Dan Pols­ter, un­ter des­sen Vor­sitz der Pro­zess ver­han­delt wird, hat klar­ge­macht, dass er mög­lichst schnell ei­nen Ver­gleich se­hen will. Ent­spre­chend an­ge­spannt ist die Stim­mung im Ge­sund­heits­sek­tor. Un­ter An­kla­ge ste­hen al­len vor­an die Me­di­ka­men­ten­her­stel­ler Pur­due Phar­ma, En­do In­ter­na­tio­nal, Te­va Phar­maceu­ti­cal In­dus­tries, John­son & John­son und Al­ler­gan. Ih­nen wird an­ge­las­tet, dass sie den Ver­kauf sucht­er­zeu­gen­der Pro­duk­te über Jah­re hin­weg for­ciert und da­durch ei­ne öf­fent­li­che Ka­ta­stro­phe aus­ge­löst ha­ben. Vor Ge­richt ste­hen eben­falls Gros­sis­ten wie McKes­son, Car­di­nal He­alth und Ame­ri­sour­ceBer­gen. Sie wer­den be­schul­digt, dass sie alar­mie­ren­de Men­gen an Schmerz­mit­teln ver­trie­ben ha­ben, oh­ne es den Be­hör­den zu mel­den. Ähn­li­che Kla­gen rich­ten sich ge­gen Apo­the­ken wie Wal­greens, CVS He­alth und Ri­te Aid, die für den mas­sen­haf­ten Ver­kauf von Opi­oi­den an Ein­zel­kun­den ver­ant­wort­lich wa­ren. Wei­te­re Fäl­le neh­men Kli­ni­ken und Ärz­te ins Vi­sier, die Me­di­ka­men­te wie OxyCon­tin in gros­sem Stil ver­ord­ne­ten.

Der Bran­che dro­hen da­mit Rechts­kos­ten, die so­gar den 250 Mrd. $ teu­ren Re­kord­ver­gleich über­stei­gen könn­ten, zu dem die Ta­bak­bran­che En­de der Neun­zi­ger­jah­re ge­zwun­gen wur­de. Nicht zu­fäl­lig ist die Sam­mel­kla­ge ähn­lich kon­zi­piert wie einst beim Pro­zess ge­gen die vier gröss­ten Zi­ga­ret­ten­her­stel­ler. In ge­ein­ter Front for­der­ten die fünf­zig US­Bun­des­staa­ten da­mals Scha­den­er­satz für die Aus­la­gen, die der öf­fent­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung Me­di­caid für die Be­hand­lung von Rau­cher­krank­hei­ten wie Lun­gen­krebs und Herz­pro­ble­men ent­ste­hen. In glei­cher Wei­se soll die Ge­sund­heits­in­dus­trie nun für den Scha­den auf­kom­men, den die Opi­oid­Epi­de­mie dem Steu­er­zah­ler ver­ur­sacht: Vom Am­bu­lanz­not­ruf bei ei­ner Über­do­sis über die Aus­brei­tung von Krank­hei­ten wie He­pa­ti­tis we­gen ver­un­rei­nig­ter Sprit­zen bis hin zu stei­gen­der Dro­gen­kri­mi­na­li­tät.

Ex­trem kom­ple­xer Fall

Ga­ran­tiert ist ein Schuld­spruch frei­lich nicht. Ver­gli­chen mit dem Pro­zess ge­gen die Ta­bak­kon­zer­ne be­ste­hen gra­vie­ren­de Un­ter­schie­de. Zum Bei­spiel sind auf bei­den Sei­ten mehr Par­tei­en in­vol­viert, was das Ver­fah­ren ver­kom­pli­ziert. Phar­ma­her­stel­ler, Gros­sis­ten und De­tail­händ­ler ha­ben ei­nen An­reiz, sich ge­gen­sei­tig die Schuld zu­zu­schie­ben. Eben­so kön­nen die In­ter­es­sen von Bun­des­staa­ten, Städ­ten und Be­zir­ken di­ver­gie­ren. Im Ge­gen­satz zu Zi­ga­ret­ten ist die schä­di­gen­de Wir­kung von Me­di­ka­men­ten wie OxyCon­tin aus­ser­dem we­ni­ger ein­fach nach­weis­bar, zu­mal sie von der Auf­sichts­be­hör­de FDA ge­neh­migt wer­den und vie­len Pa­ti­en­ten hel­fen. Hin­zu kommt, dass der Markt we­sent­lich klei­ner ist. In den USA wer­den jähr­lich rund 10 Mrd. $ mit dem le­ga­len Ver­kauf von Opi­oi­den um­ge­setzt. Im Ge­gen­satz da­zu sind es bei Zi­ga­ret­ten trotz al­ler Prä­ven­ti­ons­mass­nah­men an­nä­hernd 100 Mrd. $.

Ein zen­tra­ler Fak­tor, der zum Mas­ter Set­t­le­ment Agree­ment mit der Ta­bak­in­dus­trie von 1998 bei­trug, wa­ren Aus­sa­gen von Whist­leb­lo­wern. Ähn­lich kom­pro­mit­tie­ren­de In­si­der­infor­ma­tio­nen gibt es im Ver­fah­ren ge­gen Me­di­ka­men­ten­her­stel­ler bis­her nicht. Noch wich­ti­ger war sei­ner­zeit aber der im­men­se öf­fent­li­che Druck, un­ter dem die Zi­ga­ret­ten­fa­bri­kan­ten letzt­lich ka­pi­tu­lier­ten. Min­des­tens so schwer wiegt heu­te der Un­mut auf die Phar­ma­in­dus­trie, wie die er­wähn­te Sze­ne aus «Ro­sean­ne» ver­deut­licht. Wäh­rend das Ein­kom­men ei­nes mit­tel­stän­di­schen US­Haus­halts über die ver­gan­ge­nen zwan­zig Jah­re na­he­zu sta­gniert hat, sind die Aus­ga­ben für die Ge­sund­heits­ver­sor­gung auf über das Zwei­fa­che ex­plo­diert und be­tra­gen in­zwi­schen jähr­lich mehr als 10 000 $ pro Kopf. Dass da­ge­gen et­was ge­tan wer­den muss, ist denn auch ei­ner der we­ni­gen Punk­te, in dem sich das ge­spal­te­ne Land ei­nig ist. Ob­wohl die Lob­by der Phar­ma­bran­che in Washington viel Ein­fluss hat, wür­de es da­her über­ra­schen, wenn sie oh­ne Kon­se­quen­zen aus der Opi­oid­Kri­se da­von­kommt.

«Mehr Ame­ri­ka­ner ster­ben an ei­ner Dro­gen­über­do­sis als durch Schuss­waf­fen.»

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