Ita­li­ens Zu­kunft ist of­fen

Die wirt­schafts­po­li­ti­schen Ri­si­ken las­sen den Ak­ti­en- und An­lei­hen­markt er­staun­lich un­be­rührt.

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - ANDRE­AS NEINHAUS

Der Gr­a­ben zwi­schen den bei­den Ko­ali­ti­ons­part­nern in Ita­li­en ist doch grös­ser, als es bis­her den An­schein hat­te. Am Wo­che­n­en­de tra­fen sich die Spit­zen der Fünf-Ster­ne-Be­we­gung M5S und Le­ga in Mailand zu Ver­hand­lun­gen. An de­ren En­de teil­ten sie der Öf­fent­lich­keit mit, man sei be­reit, um dem Staats­prä­si­den­ten die kon­kre­te Re­gie­rungs­mann­schaft und das Pro­gramm vor­zu­le­gen. Nur ei­nen Tag spä­ter war al­les Ma­ku­la­tur. Man be­nö­ti­ge noch mehr Zeit, um sich zu ei­ni­gen, wur­de am Mon­tag aus Rom kom­mu­ni­ziert.

Of­fen­bar geht es nicht nur um die Ver­tei­lung der Mi­nis­ter­pos­ten und die Fra­ge, wer Pre­mier­mi­nis­ter wer­den soll. Son­dern die bei­den Pro­test­par­tei­en wei­chen auch in zen­tra­len Tei­len des Pro­gramms sub­stan­zi­ell von­ein­an­der ab. Der An­spruch, al­les ra­di­kal an­ders zu ma­chen als die bis­he­ri­gen Re­gie­run­gen, er­for­dert ei­ne schlag­kräf­ti­ge Re­gie­rungs­mann­schaft und si­che­re Mehr­hei­ten im Par­la­ment. Bei­des scheint zu schwin­den. Die Part­ner be­geg­nen sich miss­trau­isch, und un­ter den Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ten steigt die Un­zu­frie­den­heit über den ein­ge­schla­ge­nen po­li­ti­schen Kurs.

Zu­ver­sicht an den Märk­ten

An den Fi­nanz­märk­ten wird der Macht­kampf in­des ge­las­sen ver­folgt. Ita­lie­ni­sche Ak­ti­en stei­gen. Seit den Wah­len An­fang März hat der FTSE Mib 11% zu­ge­legt, fast dop­pelt so viel wie der Eu­ro Sto­xx 50 (Gra­fik 1). Der viel be­ach­te­te «Spre­ad» am An­lei­hen­markt ist in den ver­gan­ge­nen Ta­gen ge­schrumpft. Am Di­ens­tag wur­den zehn­jäh­ri­ge ita­lie­ni­sche Staats­an­lei­hen 1,29 Pro­zent­punk­te hö­her ver­zinst als ent­spre­chen­de deut­sche Bun­des­an­lei­hen. Am Tag nach den Par­la­ments­wah­len hat­te er 1,36 Pp be­tra­gen (Gra­fik 2). An den Märk­ten gilt al­so die De­vi­se: Ita­li­en bie­tet mo­men­tan mehr Chan­ce als Ri­si­ko.

Für die­se zu­ver­sicht­li­che Sicht der Din­ge spre­chen ei­ni­ge wich­ti­ge Kenn­zah­len. Ita­li­en hat die Wirt­schafts­kri­se hin­ter sich ge­las­sen. Vor al­lem die Ex­por­te le­gen kräf­tig zu. Sie zeu­gen nicht nur von der ver­bes­ser­ten Wett­be­werbs­fä­hig­keit der Un­ter­neh­men. Dank des Aus­fuhr­er­folgs steigt auch der Über­schuss der Leis­tungs­bi­lanz. Er be­trägt in­zwi­schen 2,8% des Brut­to­in­land­pro­dukts (Gra­fik 3).

Dar­auf­hin hat sich die Net­to-Aus­lands­po­si­ti­on Ita­li­ens markant ver­bes­sert: Die Net­to­ver­bind­lich­kei­ten sind auf 6,7% des BIP ge­schrumpft. Es ist der ge­rings­te Be­trag seit Ein­füh­rung des Eu­ros. Ita­li­en hat Frank­reich über­holt, wo die Net­to­ver­bind­lich­kei­ten im­mer noch 20% des BIP be­tra­gen. In Spa­ni­en be­lau­fen sie sich so­gar auf 81% des BIP.

Nicht nur Ita­li­ens Net­to­fi­nanz­la­ge hat sich stark ver­bes­sert, auch die Ban­ken- kri­se ist ent­schärft. Mit Ka­pi­tal­sprit­zen und Über­nah­men wur­den vie­le In­sti­tu­te ge­stärkt. Der Über­hang fau­ler Kre­di­te bleibt gross, wird je­doch ab­ge­baut. Die Quar­tals­aus­wei­se der füh­ren­den In­sti­tu­te sind er­freu­lich aus­ge­fal­len, was die über­durch­schnitt­li­che Kur­sper­for­mance von Bank­ak­ti­en be­stä­tigt.

Was die neue Re­gie­rung will

Die neue Re­gie­rung will auf die­sen Ver­bes­se­run­gen auf­bau­en, aber das Ru­der her­um­wer­fen. Wirt­schafts­po­li­tisch setzt sie auf ei­ne Kom­bi­na­ti­on aus So­zi­al­hil­fe­um­bau, Steu­er­sen­kung und In­fra­struk­tur­in­ves­ti­tio­nen. Ste­cken­pferd von M5S ist ein Bür­ger­ein­kom­men. Ab 2020 sol­len Ein­woh­ner, die un­ter der Ar­muts­gren­ze le­ben und ak­tiv nach Ar­beit su­chen, 780 € Mo­nats­ge­halt vom Staat er­hal­ten (Fa­mi­li­en 1640 €). In Ita­li­en feh­len ge­ne­rel­le So­zi­al­hil­fe­pro­gram­me, wes­halb auch so stark Be­trug mit der In­va­li­den­ren­te ge­trie­ben wird. Die Re­gie­run­gen Ren­zi und Gen­ti­lo­ni er­kann­ten das Man­ko. Die­ses Jahr wur­de ein Bür­ger­geld ein­ge­führt. Es ist mit knapp 200 € (Fa­mi­li­en bis 540 €) knap­per be­mes­sen als der Plan von M5S und da­her un­po­pu­lär.

Die Le­ga pocht da­ge­gen auf die Ein­füh­rung ei­ner Flat Tax. Zwei Steu­er­sät­ze von 15 und 20% sol­len durch­ge­setzt wer­den. Aus­ser­dem will die Le­ga Ita­li­ens über­al­ter­te In­fra­struk­tur mo­der­ni­sie­ren. De- tails bleibt sie aber schul­dig. Ei­nig sind sich bei­de Par­tei­en, dass die Ren­ten­re­form von 2011, die das Pen­si­ons­al­ter auf 67 hoch­schraub­te, kor­ri­giert wer­den soll.

Was da­von tat­säch­lich um­ge­setzt wird, ist of­fen. Fest steht nur: Das ge­sam­te Me­nu wird den Haus­halt spren­gen. Zu­mal in Ita­li­en 2019 die Mehr­wert­steu­er au­to­ma­tisch von 22 auf 24,2% steigt, falls nicht 12 Mrd. € ein­ge­spart wer­den. Der Kauf­kraft­ent­zug wür­de der Kon­junk­tur­er­ho­lung vor­zei­tig den Gar­aus ma­chen. M5S und Le­ga ha­ben bis­her kei­nen Plan vor­ge­legt, wie sie die­ses Pro­blem lö­sen wol­len.

Ri­si­ken neh­men über­hand

Die Ri­si­ken neh­men da­her in den kom­men­den Mo­na­ten stark zu. Der Spre­ad wird wohl kaum wei­ter schrump­fen, zu­mal die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank die­ses Jahr ih­re Net­to­käu­fe von Staats­an­lei­hen ein­stellt. Ita­li­en pro­fi­tier­te bis­her über­durch­schnitt­lich von ih­nen (Gra­fik 4). Die Kurs­pfle­ge fällt künf­tig weg.

«Das sich nun­mehr for­mie­ren­de Zweck­bünd­nis der po­pu­lis­ti­schen Kräf­te dürf­te zwar kurz­fris­tig die Kon­junk­tur an­kur­beln, mit­tel­fris­tig aber die struk­tu­rel­len Pro­ble­me Ita­li­ens noch ver­grös­sern», be­fürch­ten die Öko­no­men von Bant­le­on Bank. Am Don­ners­tag soll die Re­gie­rung ste­hen, heisst es – wie­der ein­mal. Falls nicht, blei­ben Neu­wah­len im Herbst die wahr­schein­lichs­te Op­ti­on.

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