Rick Rie­der

Rick Rie­der, An­la­ge­chef für Fest­ver­zins­li­che bei Black­Rock, rech­net frü­hes­tens für 2020 mit ei­ner Re­zes­si­on in den USA. Dann dro­hen Down­gra­des zum Pro­blem zu wer­den.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - IN­TER­VIEW: TI­NA HALDNER

Der An­la­ge­chef für Fest­ver­zins­li­che des Ver­mö­gens­ver­wal­ters Black­Rock warnt vor ei­ner Auf­wer­tung des Dol­lars.

Herr Rie­der, die Ren­di­ten zehn­jäh­ri­ger US-Staats­an­lei­hen sind jüngst kräf­tig ge­stie­gen. Wird der Auf­wärts­trend an­dau­ern?

Die Ren­di­ten dürf­ten wei­ter an­zie­hen und die­ses Jahr auf 3,25% stei­gen. Für 2019 er­war­ten wir Ren­di­ten von bis zu 3,75%. Ich glau­be aber, dass sie da­nach nicht mehr viel Auf­wärts­po­ten­zi­al ha­ben. Das liegt vor al­lem dar­an, dass sich die Zin­sen in den üb­ri­gen In­dus­trie­staa­ten kaum be­we­gen wer­den. Die EZB dürf­te die Leit­zin­sen frü­hes­tens im Sep­tem­ber 2019 er­hö­hen. Auch die Bank of Ja­pan wird die Sät­ze noch lan­ge nied­rig hal­ten. Vor die­sem Hin­ter­grund ist ein si­gni­fi­kan­ter An­stieg in den USA un­wahr­schein­lich.

Wel­chen Ein­fluss hat die Geld­po­li­tik der ame­ri­ka­ni­schen No­ten­bank?

Das Fed wird die Zin­sen im De­zem­ber noch ein­mal er­hö­hen und die Straf­fungs­po­li­tik 2019 fort­set­zen. Doch das ist nicht der Haupt­trei­ber für die Zins­ent­wick­lung. Das US-Schatz­amt muss net­to jähr­lich 1 Bio. $ neue Schul­den auf­neh­men. Das ist das Re­sul­tat der Steu­er­re­form. Ein ge­wis­ses Vo­lu­men kann der Markt gut ab­sor­bie­ren, aber ir­gend­wann wird das enor­me An­ge­bot an Staats­an­lei­hen die Zin­sen und die Ren­di­ten nach oben trei­ben.

Die No­ten­ban­ken dre­hen den Geld­hahn lang­sam zu. Bis­lang re­agie­ren An­le­ger ge­las­sen auf den Kurs­wech­sel. Bleibt das so?

Der Li­qui­di­täts­ent­zug der No­ten­ban­ken ist die gröss­te Sto­ry an den Fi­nanz­märk­ten. Das Fed re­du­ziert die Bi­lanz­sum­me, die EZB be­en­det ihr Wert­schrif­ten­kauf­pro­gramm, und auch die BoJ kauft deut­lich we­ni­ger Wert­pa­pie­re. Gleich­zei­tig über­schwemmt das Schatz­amt den Markt mit Tre­a­su­ries. Auch das trock­net die Li­qui­di­tät aus, denn An­le­ger kau­fen Staats­an­lei­hen statt an­de­re Ver­mö­gens­wer­te. Die Ren­di­ten dürf­ten stei­gen, wenn­gleich mo­de­rat. Zu­dem wird der Dol­lar teu­rer.

Was sind die Fol­gen für die Finanzmärkte?

Der gröss­te Nut­zen von QE war, dass die Vo­la­ti­li­tät ge­sun­ken ist. Wenn sich die No­ten­ban­ken zu­rück­zie­hen, wer­den wir den um­ge­kehr­ten Ef­fekt er­le­ben. Die Finanzmärkte müs­sen sich auf ei­ne hö­he­re Vo­la­ti­li­tät und auf Kurs­rück­schlä­ge ein­stel­len. Ins­be­son­de­re Schuld­ner, die sich in Dol­lar fi­nan­zie­ren, sind ge­fähr­det.

Was be­deu­ten stei­gen­de Zin­sen für Hoch­zins­an­lei­hen? Die Ri­si­ko­prä­mi­en sind im­mer noch re­kord­nied­rig.

Junk Bonds sind sehr stolz be­wer­tet. Die Nach­fra­ge nach die­sen An­lei­hen ist enorm. Ein Trei­ber ist die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung. We­gen der al­tern­den Be­völ­ke­rung ha­ben in­sti­tu­tio­nel­le In­ves­to­ren ei­nen rie­si­gen Be­darf an Ren­di­te­an­la­gen. Die­ses Phä­no­men wird uns in den nächs­ten Jahr­zehn­ten be­glei­ten und ris­kan­te An­la­gen wei­ter­hin stüt­zen. Aber auch die Nach­fra­ge aus dem Aus­land ist hoch. Aus­län­di­sche In­ves­to­ren müs­sen in Pa­pie­re mit ho­her Ren­di­te an­le­gen, denn es ist teu­er, das Wech­sel­kurs­ri­si­ko ab­zu­si­chern. Al­so fliesst das Geld in Junk Bonds. So­fern sich das Emis­si­ons­vo­lu­men nicht merk­lich er­höht, was wir nicht er­war­ten, sind die Aus­sich­ten für Junk Bonds gut.

Kau­fen Sie noch Hoch­zins­an­lei­hen?

Ja, aber deut­lich we­ni­ger als frü­her. Wir be­vor­zu­gen An­lei­hen mit An­la­ge­qua­li­tät, denn der Ren­di­te­un­ter­schied zwi­schen In­vest­ment Gra­de und High Yield Bonds ist mar­kant ge­sun­ken. Der Gross­teil der In­vest­ment-Gra­de-An­lei­hen wur­de die­ses Jahr zur Fi­nan­zie­rung von M&A-Ak­ti­vi­tä­ten be­ge­ben. Die Bonds sind vor al­lem im BBB-Seg­ment an­ge­sie­delt, die Bo­ni­tät liegt al­so ei­ne Stu­fe über Ramsch. Sie sind teil­wei­se aber güns­ti­ger als Junk Bonds.

Der An­teil von BBB-An­lei­hen am Ge­samt­markt ist mas­siv ge­wach­sen. Macht Ih­nen das Sor­gen?

Ja. In ei­ner Re­zes­si­on wer­den üb­li­cher­wei­se rund 15% der BBB-An­lei­hen auf Ramsch her­un­ter­ge­stuft. Das ent­spricht fast 40% des Junk-Bond-Mark­tes. Das ist viel zu viel. Die US-Wirt­schaft dürf­te frü­hes­tens 2020 in ei­ne Re­zes­si­on fal­len. Aber dann wer­den die Down­gra­des zum Pro­blem, denn der Markt ist nicht gross ge­nug, um das Vo­lu­men zu ab­sor­bie­ren. Das Ein­zi­ge, was mich po­si­tiv stimmt, ist, dass vie­le der gros­sen Emit­ten­ten aus Bran­chen stam­men, die ei­nen ho­hen Cash­flow ge­ne­rie­ren. Die­se Mit­tel kön­nen sie zum Schul­den­ab­bau nut­zen.

In wel­chen Sek­to­ren wer­den Sie bei Cor­po­ra­te Bonds fün­dig?

Wir set­zen auf Ban­ken so­wie auf Un­ter­neh­men aus der In­dus­trie- und der Ener­gie­bran­che. Vor­sich­tig sind wir bei Ge­sell­schaf­ten aus Schwel­len­län­dern. Sie lei­den un­ter den stei­gen­den Zin­sen und ei­nem star­ken Dol­lar. Vor al­lem bei Un­ter­neh­men aus In­di­en, der Tür­kei und Ar­gen­ti­ni­en steigt die Schul­den­last.

Die La­ge in Schwel­len­län­dern hat sich ent­spannt. Ist die­se Ru­he nur vor­über­ge­hend?

Die Tur­bu­len­zen in Emer­ging Mar­kets sind nicht vor­bei. So­bald der Dol­lar an­zieht, wird der Druck wie­der stei­gen. Die Ent­wick­lung des Dol­lars ist ein zen­tra­ler Fak­tor für Schwel­len­län­der. Der zwei­te ist Chi­na, wo sich das Wachs­tum jüngst ab­ge­kühlt hat. Das hat Aus­wir­kun­gen auf den Han­del und die Kon­junk­tur in an­de­ren Volks­wirt­schaf­ten, denn Chi­na trägt heu­te 40% zum glo­ba­len Wachs­tum bei.

Wo gibt es denn noch at­trak­ti­ve An­la­ge­chan­cen in Schwel­len­län­der­an­lei­hen?

Wir mö­gen Me­xi­ko und In­do­ne­si­en. In die­sen Staa­ten ist der Schul­den­berg re­la­tiv klein, und die Wachs­tums­aus­sich­ten sind gut. Zu­dem ha­ben wir un­se­re Po­si­ti­on in Russ­land et­was auf­ge­stockt. Wir be­ob­ach­ten auch die Ent­wick­lung in Ar­gen­ti­ni­en, doch die Pro­ble­me sind noch nicht aus­ge­stan­den.

Ist die Ge­fahr, dass die Li­qui­di­tät in man­chen An­la­ge­klas­sen plötz­lich ein­friert, grös­ser ge­wor­den?

An­le­ger re­agie­ren heu­te ner­vö­ser auf Ri­si­ken als in der Ver­gan­gen­heit. Als QE be­gann, konn­te sich je­der Schuld­ner Ka­pi­tal an den Fi­nanz­märk­ten be­schaf­fen. Aber jetzt, wo die No­ten­ban­ken den Rück­zug an­tre­ten, wird das schwie­ri­ger, und die Un­si­cher­heit steigt. Die Fol­ge ist, dass In­ves­to­ren mit we­ni­ger Über­zeu­gung Wet­ten ein­ge­hen, die Vo­lu­men fal­len. Des­halb set­zen wir stär­ker auf hoch­li­qui­de In­stru­men­te wie US-Staats­an­lei­hen.

Was be­deu­tet das für An­le­ger?

Sie müs­sen die Li­qui­di­tät sorg­fäl­ti­ger prü­fen als in der Ver­gan­gen­heit. Wenn sich das Markt­um­feld ein­trübt, wird es schwie­rig sein ab­zu­schät­zen, wie gross der Ab­sturz aus­fällt – das gilt vor al­lem für die Kre­dit­märk­te. In ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on wol­len An­le­ger ih­re In­vest­ments los­wer­den. Das kann aber auch ei­ne Chan­ce sein. Wir tre­ten auch ein­mal als Käu­fer auf, wenn vie­le In­ves­to­ren gleich­zei­tig ver­kau­fen wol­len. So ha­ben wir in Ar­gen­ti­ni­en zu­ge­kauft, nach­dem der IWF Fi­nanz­hil­fe an­ge­kün­digt hat.

«Der gröss­te Nut­zen von QE war, dass die Vo­la­ti­li­tät re­du­ziert wur­de. Nun wer­den wir den um­ge­kehr­ten Ef­fekt er­le­ben.»

Wir er­le­ben ei­ne der längs­ten Auf­schwung­pha­sen in den USA. Wie geht es wei­ter?

In die­sem Jahr er­war­ten wir wei­ter­hin ein ho­hes Wirt­schafts­wachs­tum, aber ich den­ke, wir ha­ben den Ze­nit er­reicht. 2019 dürf­te sich das Wachs­tum ver­lang­sa­men. Das liegt zum ei­nen an den stei­gen­den Zin­sen. In ei­ni­gen Markt­be­rei­chen hat das be­reits zu ei­ner Ab­küh­lung ge­führt, wie et­wa im Häu­ser­markt. Zu­dem stei­gen die Löh­ne, und das bringt die Mar­gen der Un­ter­neh­men un­ter Druck.

Wel­che Rol­le spielt die Steu­er­re­form?

Die Wirt­schaft er­hält der­zeit viel Rü­cken­wind. Die Steu­er­re­form schafft ei­nen An­reiz, die In­ves­ti­tio­nen zu er­hö­hen, denn die Aus­ga­ben kön­nen in den nächs­ten fünf Jah­ren ab­ge­schrie­ben wer­den. Un­ter­neh­men ha­ben ih­re Ka­pi­tal­aus­ga­ben da­her vor­ge­zo­gen. In den kom­men­den Jah­ren fehlt die­ser Trei­ber. Die Ef­fek­te wer­den wir erst mit Ver­zö­ge­rung se­hen. Es ist noch zu früh, sich Sor­gen um ei­nen Ab­schwung zu ma­chen. Das Markt­um­feld dürf­te vor­erst güns­tig blei­ben. Mit­te 2019 könn­te die Stim­mung aber dre­hen.

Wel­che Ge­fah­ren müs­sen An­le­ger in den kom­men­den Mo­na­ten im Au­ge be­hal­ten?

Das gröss­te Ri­si­ko für die Märk­te ist ein star­ker Dol­lar. Wir be­ob­ach­ten zu­dem die Kon­junk­tur in Chi­na ge­nau. 50% der welt­wei­ten Nach­fra­ge nach Roh­stof­fen wie Erz und Ni­ckel stam­men aus Chi­na. Die Schul­den­last ist rie­sig, zugleich kühlt sich das Wachs­tum ab. Zu­dem könn­ten die US-Zwi­schen­wah­len die Vo­la­ti­li­tät an­fa­chen. Die Wahr­schein­lich­keit ist hoch, dass die De­mo­kra­ten die Mehr­heit im Re­prä­sen­tan­ten­haus er­obern. Auch im Se­nat könn­ten die Macht­ver­hält­nis­se dre­hen. Wich­tig sind zu­dem die Wah­len in Bra­si­li­en und Ar­gen­ti­ni­en.

«An­le­ger re­agie­ren heu­te ner­vö­ser auf Ri­si­ken als in der Ver­gan­gen­heit.»

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