Fla­cher und va­ger

Die Zei­ten der gros­sen Ge­winn­zu­nah­men sind vor­bei.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - ANDRE­AS MEI­ER

Das drit­te Quar­tal dürf­te den Un­ter­neh­men wei­te­re Er­geb­nis­ver­bes­se­run­gen be­schert ha­ben. Doch vom Aus­mass her sind sie wohl ge­rin­ger aus­ge­fal­len als bis­her. Zu­dem wer­den die Aus­sa­gen zum wei­te­ren Ver­lauf vor­sich­ti­ger for­mu­liert sein, er­klä­ren von «Fi­nanz und Wirt­schaft» be­frag­te Pro­fi­an­le­ger.

Der Han­dels­kon­flikt, der wie­der er­stark­te Fran­ken, stei­gen­de Zin­sen und ein hö­he­rer Öl­preis sind die Grün­de für die Vor­sicht. An der Bör­se ha­ben sie schon längst ih­re Schat­ten ge­wor­fen. Die auf­kom­men­de Un­si­cher­heit spie­gelt sich et­wa im gu­ten Lauf der Phar­maak­ti­en und im teils har­ten Fall der Ti­tel der Halb­lei­ter- so­wie der Au­to­zu­lie­fe­rer in den letz­ten Mo­na­ten.

Der­weil bleibt die Ein­schät­zung der Kon­junk­tur kon­tro­vers. All­ge­mein wird von ei­ner wei­te­ren Ver­fla­chung aus­ge­gan­gen, doch sei nach den US-Zwi­schen­wah­len ei­ne Ent­span­nung im Han­dels­streit mög­lich, glaubt ein An­la­ge­s­pe­zia­list. Das könn­te dem Wachs­tum neu­en Auf­trieb ge­ben.

Die Er­geb­nis­se der Schwei­zer Un­ter­neh­men dürf­ten im drit­ten Quar­tal von der so­li­den Kon­junk­tur, aber auch dem här­te­ren Fran­ken ge­prägt wor­den sein. Die Un­ge­wiss­heit um künf­ti­ge Trends in der Han­dels­po­li­tik könn­te in­des die fi­nan­zi­el­len Er­war­tun­gen der Un­ter­neh­men ne­ga­tiv be­ein­flus­sen – so wie sie am Di­ens­tag auch den In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) zu ei­ner Pro­gno­se­re­duk­ti­on für die glo­ba­le Kon­junk­tur ver­an­lasst hat.

Pa­na­gio­tis Spi­lio­pou­los, Chef der Fi­nanz­ana­ly­se der Bank Von­to­bel, er­war­tet so­li­de Ge­winn­aus­wei­se. «Doch die Zu­wachs­ra­ten wer­den deut­lich klei­ner aus­fal­len als im ers­ten Se­mes­ter, weil mit den star­ken Er­geb­nis­sen der Vor­jah­res­pe­ri­ode ei­ne an­spruchs­vol­le Ver­gleichs­ba­sis vor­ge­legt wird», er­klärt er.

Re­mo Ro­senau, Ana­lyst der Hel­ve­ti­schen Bank, sieht eben­falls ei­ne Ver­fla­chung des Ge­winn­zu­wach­ses. Ex­pli­zit weist er auf die di­ver­gie­ren­den Trends in der Kurs­ent­wick­lung der de­fen­si­ven Blue Chips wie Nest­lé und Ro­che so­wie der zy­kli­schen Ne­ben­wer­te hin. Ers­te­re ha­ben seit Mit­te des Jah­res stark zu­ge­legt, Letz­te­re ka­men zum Teil spür­bar un­ter Druck. «Dar­in zeigt sich, dass der Markt sei­ne Be­den­ken be­reits ma­ni­fes­tiert.» Und die­se sei­en: hö­he­re Roh­stoff­prei­se, stei­gen­de Löh­ne, Un­gleich­ge­wich­te in derWelt­wirt­schaft. Da­zu kom­me die Ein­schät­zung vie­ler Markt­teil­neh­mer, dass «die Kon­junk­tur fast nicht mehr bes­ser wer­den kann».

Plötz­lich Sand im Ge­trie­be

Fonds­ma­na­ger Mar­tin Würm­li von der Ber­ner Pri­vat­bank Von Graf­fen­ried er­kennt eben­falls Brems­spu­ren, aus­ge­hend vom Han­dels­kon­flikt, von den ten­den­zi­ell stei­gen­den Zin­sen und den Pro­ble­men in vie­len Schwel­len­län­dern. «Es wer­den we­ni­ger die pu­bli­zier­ten Zah­len im Vor­der­grund ste­hen als viel­mehr die Ein­schät­zung der Un­ter­neh­men zur wei­te­ren Ent­wick­lung ih­rer Ab­satz­märk­te.» Und für Würm­li ist klar: «Vie­le Un­ter­neh­men wer­den qua­li­ta­tiv vor­sich­ti­ge­re Pro­gno­sen ab­ge­ben.»

Beat Kä­ser vom Ver­mö­gens­ver­wal­ter Rie­ter Fi­scher sieht im schwä­che­ren Eu­ro ei­nen be­las­ten­den Ein­fluss­fak­tor. «Der Eu­ro notiert un­ter dem Ni­veau des ers­ten Halb­jah­res und auch un­ter dem­je­ni­gen der Vor­jah­res­pe­ri­ode. Das wird auf den Ge­winn der Un­ter­neh­men durch­schla­gen», sagt er. Und auch der ste­tig stei­gen­de Öl­preis wir­ke vie­ler­orts be­las­tend.

Ein­schnit­te er­war­tet Kä­ser zu­dem in den Ab­schlüs­sen der Halb­lei­ter­her­stel­ler AMS und U­Blox. «Hier geht die Ab­küh­lung, die schon im zwei­ten Quar­tal spür­bar war, wei­ter.» Auch VAT als Zu­lie­fe­rer wer­de be­trof­fen sein. Und: «Es ist noch zu früh, um die­se Ak­ti­en zu kau­fen, auch wenn sie be­reits stark ge­fal­len sind.» In der Bran­che be­stün­den Über­ka­pa­zi­tä­ten. Sie ab­zu­bau­en, brau­che Zeit.

Ri­si­ken sieht Kä­ser auch im Be­reich Au­to­zu­lie­fe­rer. Hier wür­den sich die neu­en Zoll­ta­ri­fe be­las­tend aus­wir­ken, weil die Au­to­her­stel­ler über straf­fe, aus­ge­klü­gel­te Zu­lie­fer­net­ze ver­füg­ten, die nun teil­wei­se um­ge­baut wer­den müss­ten.

Spi­lio­pou­los wie­der­um weist dar­auf hin, dass die Be­richts­sai­son von den Er­ geb­nis­sen der Gross­un­ter­neh­men do­mi­niert wer­de, da vie­le klei­ne Ge­sell­schaf­ten kei­ne Zwi­schen­be­rich­te ver­öf­fent­lich­ten. Von den Gros­sen er­war­tet er «durch­weg so­li­de Er­geb­nis­se», mit ei­nem Zu­wachs im un­te­ren bis mitt­le­ren ein­stel­li­gen Pro­zent­be­reich bei Pharma und Nest­lé. Zy­kli­sche Gross­un­ter­neh­men wie SGS, La­far­geHol­cim, Si­ka oder ABB könn­ten ei­ne et­was hö­he­re Ge­winn­zu­nah­me zei­gen.

Für die bei­den Gross­ban­ken rech­net der Von­to­belSpe­zia­list mit ei­nem et­wa ge­hal­te­nen Ge­winn. «Doch die Bank­ak­ti­en wer­den der­zeit durch an­de­re Ein­flüs­se ge­prägt als die Ge­winn­ent­wick­lung.» Wich­ti­ger sei­en die Zin­sen oder die Schul­den­dis­kus­si­on.

Für den wei­te­ren Bör­sen­ver­lauf im vier­ten Quar­tal blei­ben so­wohl Spi­lio­pou­los als auch Kä­ser vor­sich­tig. «Der Han­dels­kon­flikt wird Kon­se­quen­zen ha­ben», sagt Kä­ser, er kön­ne et­wa das Wachs­tum der USA im vier­ten Quar­tal be­ein­träch­ti­gen. «Die USA wuch­sen im zwei­ten Quar­tal sehr schnell. Vie­le Un­ter­neh­men ha­ben da­mals ih­re Ein­käu­fe vor­ge­zo­gen, um noch von den nied­ri­ge­ren Zoll­ta­ri­fen zu pro­fi­tie­ren. Das wirk­te wachs­tums­ver­stär­kend.» Jetzt ste­he der ge­gen­tei­li­ge Ef­fekt an, die La­ger sei­en voll, die Nach­fra­ge wer­de tem­po­rär zu­rück­ge­hen. «Ich bin nicht si­cher, ob die US­Bör­se dies ge­nü­gend an­ti­zi­piert.»

Auch Spi­lio­pou­los warnt: «Der Markt preist vom Han­dels­kon­flikt nur das Of­fen­sicht­li­che ein.» Mög­li­che und wahr­schein­li­che Zweit­ und Dritt­run­den­ef­fek­te wür­den noch igno­riert. Gleich­zei­tig sei­en die ge­samt­wirt­schaft­li­chen Per­spek­ti­ven ne­bu­lö­ser ge­wor­den. «Ne­ben dem Han­dels­kon­flikt ge­win­nen die stei­gen­den Zin­sen als Be­las­tungs­fak­tor an Be­deu­tung», meint Spi­lio­pou­los. «Des­halb er­war­te ich nicht, dass der SMI aus dem In­dex­kor­ri­dor von 8800 bis 9200 her­aus­fin­den wird.»

Künf­tig feh­le es auch an Rü­cken­wind durch die US­Bör­se. «Das Ge­winn­wachs­tum war 2018 in den USA stark ge­prägt durch die Steu­er­re­form. Die­ser Ef­fekt wird im Jahr 2019 weg­fal­len.»

Hand­lungs­fä­hig blei­ben

«In solch ei­nem Um­feld will man nicht in il­li­qui­den Ak­ti­en ge­fan­gen sein», be­grün­det Re­mo Ro­senau die schwä­che­re Ent­wick­lung der Ne­ben­wer­te in den letz­ten Mo­na­ten. «In den gän­gi­gen Na­men fühlt man sich si­che­rer.» Die­ser Trend kön­ne durch­aus noch bis En­de Jahr wei­ter­ge­hen.

Doch Ro­senau ist für das vier­te Quar­tal zu­ver­sicht­lich. Den po­si­ti­ven Kon­junk­tur­trend sieht er nicht ge­fähr­det. Die jüngs­ten Kon­junk­tur­da­ten aus den USA si­gna­li­sier­ten star­kes Wachs­tum so­wohl im drit­ten als auch im vier­ten Quar­tal. Die Ak­ti­en in Eu­ro­pa hink­ten dem Trend in den USA hin­ter­her und sei­en jüngst noch­mals güns­ti­ger ge­wor­den. Da­mit stei­ge die Wahr­schein­lich­keit ei­ner Ge­gen­be­we­gung in Form ei­ner Er­ho­lung der Ak­ti­en­märk­te in Eu­ro­pa.

Und Mar­tin Würm­li sieht Er­ho­lungs­chan­cen nach den US­Zwi­schen­wah­len im No­vem­ber. Sind die Wahl und das Wahl­kampf­ge­tö­se vor­bei, könn­te US­Prä­si­dent Trump ei­nen Po­li­tik­wech­sel vor­neh­men, er­klärt er. «Trump weiss: Soll­ten die USA in ei­ne Re­zes­si­on schlit­tern, ist sei­ne Wie­der­wahl stark ge­fähr­det.» Nach den Zwi­schen­wah­len sei­en da­her Kon­zes­sio­nen der Ame­ri­ka­ner be­züg­lich der Straf­zoll­po­li­tik ge­gen­über Chi­na denk­bar.

An Ak­ti­en, die kau­fens­wert blei­ben, nennt Spi­lio­pou­los u. a. Al­so, Ce­va, Ge­be­rit, Giv­au­dan, La­far­geHol­cim, Swiss Re und Swiss Li­fe, Sul­zer und Lo­gi­tech.

Kä­ser emp­fiehlt die Va­lo­ren der In­dus­trie­grup­pen Bobst und Bu­cher, die stark kor­ri­giert ha­ben und jetzt wie­der auf ei­nem ver­tret­ba­ren Ni­veau stün­den. Nest­lé und No­var­tis sei­en eben­falls at­trak­tiv, wo­bei vor al­lem die ho­he Di­vi­den­den­ren­di­te und die in­ter­nen Spar­mög­lich­kei­ten ein Kauf­grund sei­en. Fer­ner ge­fal­len ihm UBS, La­far­geHol­cim, Schwei­ter und BKW.

Und Mar­tin Würm­li be­zeich­net fol­gen­de Ti­tel als kau­fens­wert: Ro­che, Swiss Li­fe, Lon­za, Sun­ri­se, Si­ka und BKW.

Wo­hin wei­sen die Dritt­quar­tals­er­geb­nis­se? Was ist für das Rest­jahr zu er­war­ten?

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