Der chi­ne­si­sche Zoll­schla­mas­sel

Wa­shing­ton soll­te Pe­king zu ver­ste­hen ge­ben, dass die USA ih­re Zöl­le auf­he­ben wür­den, wenn Chi­na da­mit auf­hö­ren wür­de, die Tech­no­lo­gie von US-Un­ter­neh­men zu steh­len.

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - MAR­TIN FELDSTEIN Mar­tin Feldstein ist Pro­fes­sor für Öko­no­mie an der Uni­ver­si­tät Har­vard. Copyright: Pro­ject Syn­di­ca­te.

Die häu­figs­ten Fra­gen, die mir bei Ge­sprä­chen mit Nicht­öko­no­men ge­stellt wer­den, be­tref­fen die Zöl­le, die die USA auf Ein­fuh­ren aus Chi­na er­he­ben. War­um macht die Re­gie­rung von Prä­si­dent Do­nald Trump das? Sind die Zöl­le nicht ei­ne Steu­er auf von den ame­ri­ka­ni­schen Ver­brau­chern er­wor­be­ne Wa­ren? War­um glaubt Trump, dass die USA ei­nen Han­dels­krieg mit Chi­na «ge­win­nen» kön­nen? Wie re­agie­ren die Chi­ne­sen auf die ak­tu­el­len Zöl­le und die Dro­hung wei­te­rer Zöl­le?

Ich stel­le mei­ner Ant­wort nor­ma­ler­wei­se vor­weg, dass ich, wie fast al­le Öko­no­men, Zöl­le ge­ne­rell ab­leh­ne. Auch ich be­vor­zu­ge ein Um­feld, in dem die Re­gie­rung nicht in den Im­port und Ex­port ein­greift und in dem US­Un­ter­neh­men un­ge­hin­dert in an­de­ren Län­dern ope­rie­ren kön­nen.

Ich er­ken­ne an, dass wir ein enor­mes Han­dels­de­fi­zit ge­gen­über der üb­ri­gen Welt auf­wei­sen (in die­sem Jahr rund 800 Mrd. $ oder 4% des US­BIP) und dass un­ser Han­dels­de­fi­zit ge­gen­über Chi­na da­von rund die Hälf­te (ca. 400 Mrd.$) aus­macht. Aber ich be­to­ne im­mer, dass un­ser Ge­samt­han­dels­de­fi­zit die Tat­sa­che spie­gelt, dass die USA mehr aus­ge­ben, als sie her­stel­len, was uns zwingt, die Dif­fe­renz durch Net­to­im­por­te zu be­schaf­fen.

Be­schwer­de bei der WTO

Es ist schwer zu sa­gen, war­um die USA Zöl­le ver­hän­gen, weil die Re­gie­rung bis­her nicht deut­lich ge­sagt hat, was sie da­mit er­rei­chen will. Ein Grund da­für ist, dass meh­re­re lei­ten­de Re­gie­rungs­mit­glie­der Ame­ri­kas Chi­na­po­li­tik be­ein­flus­sen wol­len: Fi­nanz­mi­nis­ter Ste­ven Mnu­ch­in, der Han­dels­be­auf­trag­te Ro­bert Light­hi­zer, der Di­rek­tor für Han­del und In­dus­trie­po­li­tik im Weis­sen Haus Pe­ter Na­var­ro und Han­dels­mi­nis­ter Wil­bur Ross.

Die USA ha­ben in die­sem Jahr Be­schwer­de bei der Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on ( WTO) ein­ge­reicht, nach­dem ei­ne um­fas­sen­de Un­ter­su­chung be­stä­tig­te, dass die Chi­ne­sen ih­re WTO­Ver­pflich­tun­gen ver­let­zen, in­dem sie in Chi­na tä­ti­ge aus­län­di­sche Un­ter­neh­men zur Zu­sam­men­ar­beit mit in­län­di­schen Part­nern und zu Tech­no­lo­gie­trans­fers an die­se Ge­sell­schaf­ten zwin­gen. Aber die USA war­te­ten die WTO­Ent­schei­dung zur Be­stä­ti­gung ih­rer Kla­ge und zur Au­to­ri­sie­rung der Ver­ hän­gung von Zöl­len als Stra­fe für Chi­nas Re­gel­ver­stoss nicht ab. Auch ha­ben sie nicht er­klärt, dass sie die Zöl­le auf­he­ben wür­den, wenn die Chi­ne­sen ih­re il­le­ga­le For­de­rung nach Tech­no­lo­gie­trans­fers zu­rück­neh­men wür­den.

Chi­ne­si­sche Re­gie­rungs­ver­tre­ter sa­gen, dass ih­re Po­li­tik klar sei: Ame­ri­ka­ni­sche Un­ter­neh­men wür­den nur dann Zu­gang zum chi­ne­si­schen Markt er­hal­ten, wenn sie im Ge­gen­zug ih­re Tech­no­lo­gie ein­bräch­ten. Doch ei­ne der­ar­ti­ge Po­li­tik wird von der WTO aus­drück­lich ver­bo­ten und auch von an­de­ren Län­dern nicht ver­folgt. Prä­si­dent Xi Jin­ping hat Chi­nas An­satz kürz­lich be­stä­tigt, in­dem er er­klär­te, dass sich aus­län­di­sche Un­ter­neh­men oh­ne der­ar­ti­ge Wei­ter­ga­be von Tech­no­lo­gie in der Au­to­mo­bil­in­dus­trie en­ga­gie­ren könn­ten.

Als Mnu­ch­in vor ein paar Mo­na­ten nach Pe­king reis­te, um mit den Chi­ne­sen zu ver­han­deln, hat­te er ei­ne lan­ge Lis­te von Än­de­rungs­wün­schen zur chi­ne­si­ schen Wirt­schafts­po­li­tik da­bei. Dar­in ging es um die Be­en­di­gung nicht nur der er­zwun­ge­nen Tech­no­lo­gie­trans­fers, son­dern auch von staat­li­chen chi­ne­si­schen Sub­ven­tio­nen für ver­schie­de­ne Bran­chen. Die chi­ne­si­schen Ver­hand­lungs­füh­rer lehn­ten Mnu­ch­ins Lis­te ab und ar­gu­men­tier­ten, sie sei zu lang und stre­be da­nach, den Cha­rak­ter der chi­ne­si­schen Wirt­schafts­po­li­tik zu ver­än­dern.

Ich glau­be, die po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­ger soll­ten den Chi­ne­sen deut­lich zu ver­ste­hen ge­ben, dass die USA ih­re Zöl­le be­en­den wür­den, wenn die Chi­ne­sen auf­hö­ren wür­den, die Tech­no­lo­gie von US­Un­ter­neh­men zu steh­len. Dies wür­de auch Chi­nas Po­li­tik um­fas­sen, USGe­sell­schaf­ten als Vor­aus­set­zung für die Ge­schäfts­tä­tig­keit in Chi­na zu Tech­no­lo­gie­trans­fers an chi­ne­si­sche Part­ner zu zwin­gen, so­wie Pe­kings Pra­xis, ame­ri­ka­ni­schen Un­ter­neh­men Tech­no­lo­gie di­rekt durch Cy­ber­spio­na­ge und an­de­re un­ge­setz­li­che Me­tho­den zu ent­wen­den.

Die chi­ne­si­sche Re­gie­rung ver­pflich­te­te sich zur Be­en­di­gung von Cy­ber­dieb­stahl von In­dus­trie­tech­no­lo­gie, als der da­ma­li­ge Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma Chi­nas Prä­si­den­ten Xi Jin­ping bei ei­nem Tref­fen 2013 Be­wei­se für der­ar­ti­ge Ak­ti­vi­tä­ten der Volks­be­frei­ungs­ar­mee vor­leg­te. Die­se Ei­ni­gung er­streckt sich nicht auf Dieb­stahl durch staats­ei­ge­ne und pri­va­te Un­ter­neh­men. Die Ver­hand­lun­gen soll­ten al­le For­men von Tech­no­lo­gie­dieb­stahl ab­de­cken.

Trump und an­de­re US­Re­gie­rungs­ver­tre­ter glau­ben, dass die USA ei­nen Zoll­krieg mit Chi­na ge­win­nen kön­nen, weil Chi­na un­ge­fähr vier­mal mehr in die USA ex­por­tiert, als die USA nach Chi­na ex­por­tie­ren. Die USA kön­nen den chi­ne­si­schen Ex­por­teu­ren da­her ei­ne viel hö­he­re Last auf­bür­den als die Chi­ne­sen den US­Ex­por­teu­ren. Die chi­ne­si­sche Volks­wirt­schaft ist zu­dem viel stär­ker vom Ex­port ab­hän­gig als die US­Volks­wirt­schaft.

Die Zöl­le sind tat­säch­lich ei­ne Steu­er für ame­ri­ka­ni­sche Ver­brau­cher und Un­ter­neh­men, die in ih­ren Fer­ti­gungs­pro­zes­sen chi­ne­si­sche Pro­duk­te ver­wen­den. Doch die Preis­er­hö­hun­gen, die die Ame­ri­ka­ner für chi­ne­si­sche Im­por­te be­zah­len, und die re­sul­tie­ren­den Ver­lus­te im Re­al­ein­kom­men sind sehr ge­ring. Die jähr­li­chen Ein­fuh­ren aus Chi­na be­lau­fen sich auf ins­ge­samt rund 500 Mrd. $. Wür­den die USA ei­nen pau­scha­len Steu­er­satz von 25% ver­hän­gen, lä­ge der Kos­ten­an­stieg für die ame­ri­ka­ni­schen Käu­fer – geht man da­von aus, dass sich die von den chi­ne­si­schen Ex­por­teu­ren in Rech­nung ge­stell­ten Prei­se nicht än­dern – bei 125 Mrd. $.

«Die Zöl­le sind tat­säch­lich ei­ne Steu­er ge­gen­über US-Ver­brau­chern und Un­ter­neh­men.»

Ge­rin­ge Kos­ten­stei­ge­run­gen

An­ge­sichts ei­nes US­Volks­ein­kom­mens von über 20 Bio. $ be­trü­gen die Kos­ten­er­hö­hun­gen nur ge­ring­fü­gig mehr als 0,5% der US­Ge­samt­aus­ga­ben. Weil die chi­ne­si­schen Ex­por­teu­re ver­mut­lich die Prei­se für ei­ni­ge ih­rer Pro­duk­te re­du­zie­ren wür­den, lä­gen die Zu­satz­kos­ten für die ame­ri­ka­ni­schen Käu­fer un­ter 125 Mrd. $. Zu­dem dürf­ten die ame­ri­ka­ni­schen Käu­fer ei­nen Teil ih­rer Ein­käu­fe auf US­Un­ter­neh­men oder auf Im­por­te aus an­de­ren Län­dern ver­la­gern, was die Net­to­kos­ten wei­ter sen­ken wür­de.

Die Kos­ten der ver­häng­ten Zöl­le sind im Ver­hält­nis zu dem, was die USA er­rei­chen wür­den, wenn sie Chi­na da­zu be­we­gen könn­ten, sei­nen il­le­ga­len Zu­griff auf die Tech­no­lo­gie von US­Un­ter­neh­men ein­zu­stel­len, nicht gross. Das Weis­se Haus soll­te klar­stel­len, dass dies das Ziel der USPo­li­tik ist und dass die Zöl­le auf­ge­ho­ben wer­den, so­bald die Chi­ne­sen ih­ren WTOVer­pflich­tun­gen nach­kom­men.

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