Netz­wer­k­ef­fek­te an der Bör­se

Die glo­bal wert­volls­ten Un­ter­neh­men wer­den, zum Teil durch sich selbst ver­stär­ken­de Ef­fek­te, im­mer noch wert­vol­ler. Ih­re Ak­ti­en könn­ten der­einst gar zu ei­ner Geld­al­ter­na­ti­ve wer­den.

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - RAHIM TAGHIZADEGAN Rahim Taghizadegan ist Rek­tor des Scho­la­ri­um, Wi­en, und lehrt an der Uni­ver­si­ty of Ap­p­lied Sci­en­ces, Krems.

Ei­ni­ge we­ni­ge Un­ter­neh­men bil­den der­zeit ei­ne merk­wür­di­ge Speer­spit­ze von Spit­zen­wer­ten. In vo­la­ti­len Zei­ten zeigt die Er­star­rung zu Akro­ny­men schon be­mer­kens­wer­te Sta­bi­li­tät an. GA­FA steht für die Big Four: Goog­le, App­le, Face­book und Ama­zon. Kaum präg­te die Be­richt­er­stat­tung das Akro­nym, gin­gen zwei Buch­sta­ben auch schon ver­lo­ren. Face­book hat beim Bör­sen­wert et­was den An­schluss ver­lo­ren, und Goog­le wur­de zu Al­pha­bet – so wür­de vom Akro­nym nur ein omi­nö­ses AAA üb­rig blei­ben.

Zwi­schen­zeit­lich hat­te sich Net­flix mit sen­sa­tio­nel­len Kurs­stei­ge­run­gen da­zu­ge­drängt und dem Akro­nym FAANG Auf­trieb ge­ge­ben. Mit Aus­nah­me von Face­book ver­buch­te das FAANG­Port­fo­lio ei­nen be­trächt­li­chen Teil der glo­ba­len Bör­sen­per­for­mance die­ses Jah­res.

Es han­delt sich nicht nur um lu­kra­ti­ve An­la­gen, son­dern um vor­aus­ge­sag­te und an­ge­sag­te lu­kra­ti­ve An­la­gen. Man kommt zum pa­ra­do­xen Schluss, dass es heu­te als ei­nes der kon­ser­va­tivs­ten In­vest­ments gel­ten kann, Be­tei­li­gun­gen an Hoch­tech­no­lo­gie­fir­men zu hal­ten. Die­se An­la­gen ent­wi­ckeln sich zu Selbst­läu­fern – Re­kord­un­ter­neh­mens­wer­te von 1 Bio. $ wer­den er­reicht. Da­mit ist ein ein­zel­nes ame­ri­ka­ni­sches Un­ter­neh­men so viel wert wie al­le Ge­sell­schaf­ten des deut­schen Leit­in­dex zu­sam­men. Die­ses sym­bol­träch­ti­ge Fak­tum ver­deut­licht ein­mal mehr, wie die US­Wirt­schaft al­len eu­ro­päi­schen Un­ken­ru­fen nach der Trump­Wahl zum Trotz ih­ren Vor­sprung wie­der ver­grös­sert.

Schul­den­spi­ra­le wird wei­ter ge­dreht

Bei al­ler Scha­den­freu­de ist die Eu­pho­rie über ei­ne Ret­tung der US­Wirt­schaft durch Do­nald Trump doch ver­früht. Steu­er­sen­kun­gen re­gen zwar ein Rück­wan­dern im Aus­land steu­er­scho­nend ge­park­ter Cash­Re­ser­ven an. Doch letzt­lich wird die Schul­den­spi­ra­le wei­ter ge­dreht. Die Leit­wäh­rung Dol­lar hat da­bei das ex­or­bi­tan­te Pri­vi­leg, dass ei­ge­ne Geld­schöp­fung hin­ter glo­ba­ler Dol­lar­nach­fra­ge mas­kiert wer­den kann. Es ge­nügt dann für die USA, nur ein klein we­nig bes­ser da­zu­ste­hen als die EU, um die Rech­nung für ih­re Schul­den­wirt­schaft wei­ter ge­stun­det zu be­kom­men.

Ge­wiss ist die Vor­rang­stel­lung der gros­sen vier, fünf, sechs – nen­nen wir sie doch ein­fach die AAA­Kon­zer­ne – nicht bloss un­ver­dien­te Ne­ben­fol­ge der Geld­po­li­tik. Aus­ge­hend vom Si­li­con Val­ley be­gann ein Sie­ges­zug neu­er di­gi­ta­ler Be­wirt­schaf­tung ei­nes Mas­sen­mark­tes glo­ba­ler Kon­su­men­ten. Der In­ter­net­pio­nier Marc And­rees­sen hat die Ent­wick­lung auf ei­ne For­mel ge­bracht: «Soft­ware frisst die Welt auf.» Das be­schreibt die Dy­na­mik ganz gut, führt aber auch in die Ir­re.

Es han­delt sich nicht bloss um die Aus­deh­nung von Soft­ware­un­ter­neh­men, son­dern um ei­ne neue Etap­pe ei­nes be­reits recht al­ten Pro­zes­ses, der nicht so bald zum En­de kom­men wird. Die­ser Pro­zess zeig­te sich da­vor schon im glo­ba­len Sie­ges­zug von For­dis­mus, pro­fes­sio­ nel­lem Ma­nage­ment und Sys­tem­gas­tro­no­mie – um nur ei­ni­ge Bei­spie­le zu nen­nen. Auch frü­he­re Etap­pen hat­ten al­so schon ih­re Pio­nie­re in den USA ge­fun­den. Dort ver­bin­det sich Krea­ti­vi­tät mit Prag­ma­tis­mus – er­gänzt um die mo­ne­tä­ren und po­li­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen, mit neu­en Pro­zes­sen rasch die ge­sam­te Welt zu er­obern.

Es ist ein Sie­ges­zug der mo­bils­ten und ska­lier­bars­ten Pro­duk­ti­ons­fak­to­ren: Wis­sen in der über­trag­ba­ren Form von Re­zep­ten, An­wei­sun­gen, Pro­zes­sen und Pro­gram­men. Aus­ge­rech­net zwei ös­ter­rei­chi­sche Öko­no­men wur­den zu den Kron­zeu­gen der An­fän­ge die­ser Ent­ wick­lung in ih­rer neu­en Hei­mat USA. Pe­ter Dru­cker und Fritz Mach­lup er­kann­ten un­ab­hän­gig von­ein­an­der die neue Rol­le des Wis­sens als Ka­pi­tal und präg­ten den Be­griff vom Wis­sens­ar­bei­ter. Ih­re Ein­sich­ten wur­den in Eu­ro­pa weit­ge­hend igno­riert.

Erst mit der letz­ten Wel­le des Di­gi­ta­len, wo­bei nun Bits auch für den klein­geis­tigs­ten Buch­hal­ter als Ka­pi­tal­wer­te un­ver­kenn­bar sind, drän­gen die­se Ein­sich­ten ver­spä­tet ins Be­wusst­sein. Zu spät. Ei­ne völ­lig ana­chro­nis­ti­sche Vor­stel­lung von Wirt­schaft und «Ar­bei­tern» hat ei­ne Steu­er­ und Re­gu­lie­rungs­land­schaft ge­schaf­fen, die der Mo­bi­li­tät des Di­gi­ta­len nicht ge­wach­sen ist. Die Fol­ge ist die mas­si­ve Be­nach­tei­li­gung nicht di­gi­ta­ler, nicht glo­ba­ler, nicht ska­lie­ren­der und im­mo­bi­ler Ge­schäfts­mo­del­le. Es kommt zu künst­li­chen Ska­len­ef­fek­ten, die den Ab­stand zwi­schen tra­di­tio­nel­len Klein­un­ter­neh­men und den glo­ba­len Di­gi­tal­kon­zer­nen auf­blä­hen.

Die­se Schief­la­ge darf man nicht den Kon­zer­nen vor­wer­fen, denn sie ha­ben ja stets klein be­gon­nen. Die un­ge­heu­re Dy­na­mik der «Uni­corns» ist nicht nur Ver­zer­rungs­fol­ge, son­dern auch Hin­weis auf rea­le und re­vo­lu­tio­nä­re Wert­schöp­fung. Die letz­te, bis­lang dy­na­mischs­te Etap­pe ei­nes län­ge­ren Pro­zes­ses hat mit der di­gi­ta­len Er­reich­bar­keit ei­nes glo­ba­len Mil­li­ar­den­pu­bli­kums durch mo­bi­le End­ge­rä­te ein­ge­setzt. Die gröss­te Ska­lier­bar­keit zeigt sich im Mas­sen­kon­sum. Lei­der sind sich die Men­schen am ähn­lichs­ten bei den nie­ders­ten Be­dürf­nis­sen, bei hö­he­ren Zie­len je­doch nimmt die Di­ver­genz zu.

Zum Glück er­laubt die Di­gi­ta­li­sie­rung auch die güns­ti­ge Be­wirt­schaf­tung kleins­ter Ni­schen und bringt so­mit für na­he­zu je­den Ge­schmack ei­ne Wohl­stands­meh­rung. Doch die Netz­wer­k­ef­fek­te sind dort am stärks­ten, wo sich die gröss­te Mas­se an­sam­melt – und das sind oft die di­gi­ta­len Nie­de­run­gen des Af­fekt­ und Gel­tungs­kon­sums. Die US­ame­ri­ka­ni­sche Un­ter­neh­mer­kul­tur war im­mer schon prag­ma­ti­scher dar­in, die­se Be­dürf­nis­se an­zu­spre­chen und sys­te­ma­tisch aus­zu­nut­zen.

Das wä­re im Sin­ne ei­ner glo­ba­len Ar­beits­tei­lung nicht so dra­ma­tisch, denn die Mas­sen­un­ter­hal­tung hat auch po­si­ti­ve ka­thar­ti­sche Ne­ben­fol­gen. Pro­ble­ma­tisch ist die künst­li­che Über­deh­nung durch mo­ne­tä­re und po­li­ti­sche Ska­len­ef­fek­te. Sie führt in den USA selbst zu ei­ner Über­kom­pen­sa­ti­on der hoch­s­ka­lier­ten un­ter­neh­me­ri­schen Amo­ra­li­tät durch ge­sell­schaft­li­che Hy­per­mo­ra­li­tät, so­dass aus­ge­rech­net im «Land of the Free» po­li­ti­sche Kor­rekt­heit und Prü­de­rie noch stär­ker wü­ten als im mo­ra­lisch über­säu­er­ten We­st­eu­ro­pa.

«Durch die Zu­nah­me pas­si­ven In­ves­tie­rens kommt es zur Selbst­ver­stär­kung.»

Über­höh­te Kur­se

Die di­gi­ta­len Netz­wer­k­ef­fek­te zei­gen sich be­son­ders in der Auf­merk­sam­keits­be­wirt­schaf­tung. Trotz al­ler Ver­zer­rung bleibt aber ei­ne po­si­ti­ve Bi­lanz über­all zu­gäng­li­cher, im­mer güns­ti­ge­rer di­gi­ta­ler Di­ens­te und Schnitt­stel­len für po­ten­zi­ell un­be­grenz­te pro­duk­ti­ve Ein­satz­mög­lich­kei­ten. Doch ne­ben ih­nen gibt es auch noch an­de­re, ge­mein­hin über­se­he­ne Netz­wer­k­ef­fek­te – und sie sind min­des­tens so am­bi­va­lent. Die AAA­Kon­zer­ne mit ih­rer be­ein­dru­cken­den Pro­fi­ta­bi­li­tät, ih­ren Cash­Re­ser­ven, ih­rer glo­ba­len Durch­drin­gung und In­no­va­ti­ons­kraft bie­ten durch­aus un­ter­neh­me­ri­schen Wert. Den­noch schei­nen ih­re Kur­se aus der Va­lue­Per­spek­ti­ve be­reits über­höht.

Es gibt eben auch Netz­wer­k­ef­fek­te der An­la­ge. Durch die Zu­nah­me des pas­si­ven In­ves­tie­rens kommt es zur Selbst­ver­stär­kung. Die bes­ten Ti­tel schaf­fen es in die im­mer en­ge­ren Fil­ter­bla­sen der An­le­ger. Dann greift die so­ge­nann­te Re­ko­gni­ti­ons­heu­ris­tik: Mit ih­rer glo­ba­len Mar­ken­prä­senz sind die AAA­Kon­zer­ne un­über­seh­bar. In ei­ner Zeit un­ge­brems­ter Geld­schöp­fung pro­fi­tie­ren pro­zy­kli­sche Ak­ti­en: Al­le kau­fen, was al­le an­de­ren auch kau­fen. Da ein­zel­ne Ti­tel, zu de­nen die Mas­se der An­le­ger kon­ver­giert, knap­per sind als die Geld­men­ge, stei­gen die Kur­se.

Lu­kra­ti­ve Pa­pie­re er­rei­chen dann höchs­te Markt­gän­gig­keit. Ab die­sem Punkt dürf­te man die Ak­ti­en der AAA­Kon­zer­ne nicht mehr bloss als Di­vi­den­den­ti­tel be­trach­ten, son­dern müss­te sie zu­neh­mend als Geld­al­ter­na­ti­ve se­hen. Dann könn­te die glo­bal prä­sen­te Mar­ke das Gel­dat­tri­but «Kopf» ver­drän­gen, das Sym­bol des do­mi­nan­tes­ten Netz­werks zur ver­meint­li­chen De­ckung der «Zahl» auf der Rück­sei­te. Die Kon­se­quenz zeigt das SNB­Port­fo­lio – die Netz­wer­kas­sets als Gold­er­satz. Da könn­te man den Fran­ken gleich durch ein App­le­, Ama­zon­, Al­pha­bet­Geld er­set­zen.

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