Nicht nur Li­qui­di­tät

Chi­na ver­nach­läs­sigt Wirt­schafts­re­for­men.

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - ERNST HERB

Chi­na hat über das Wo­che­n­en­de zur Stüt­zung des Wirt­schafts­wachs­tums den Kre­dit­hahn ein­mal mehr weit ge­öff­net. Das mag kurz­fris­tig auch Sinn ma­chen, spürt die welt­weit zweit­gröss­te Volk­wirt­schaft doch ver­stärkt die Aus­wir­kun­gen des es­ka­lie­ren­den Han­dels­krie­ges mit den USA wie auch des Kampfs der Re­gie­rung ge­gen das Schat­ten­ban­ken­sys­tem.

Mit der Sen­kung der Min­dest­re­ser­ven, die Geld­häu­ser bei der No­ten­bank hin­ter­le­gen müs­sen, hat Pe­king auf ein in der Ver­gan­gen­heit er­folg­rei­ches In­stru­ment zu­rück­ge­grif­fen. Denn Chi­na, des­sen jähr­li­ches Brut­to­in­land­pro­dukt vor 15 Jah­ren noch klei­ner war als das von Frank­reich, ver­dankt den ra­ke­ten­haf­ten Auf­stieg zur wirt­schaft­li­chen Su­per­macht auch reich­lich vor­han­de­ner Li­qui­di­tät. Doch an­ge­sichts ei­nes Ver­schul­dungs­gra­des, der sich ge­mes­sen am Brut­to­in­land­pro­dukt de­mWert von 300% nä­hert, sind in Chi­na mit je­der gel­po­li­ti­schen Lo­cke­rung auch die Ri­si­ken ge­stie­gen. Es ist denn auch längst von ei­ner Schul­den­fal­le die Re­de, wird Ka­pi­tal doch zu­neh­mend we­ni­ger ef­fi­zi­ent in­ves­tiert.

Das zeigt sich schon ein­mal dar­an, dass die Zen­tral­re­gie­rung am Mon­tag die lo­ka­len Kör­per­schaf­ten zu ei­ner be­schleu­nig­ten Um­set­zung des lau­fen­den ur­ba­nen Er­neue­rungs­pro­gram­mes auf­ge­ru­fen hat. Es ist da­mit schon pro­gram­miert, dass ein er­heb­li­cher An­teil der jetzt durch die Sen­kung des Min­dest­re­ser­ve­sat­zes um ei­nen Pro­zent­punkt frei­ge­setz­ten 1,3 Bio. Yuan (174 Mrd. $) in den über­hitz­ten Im­mo­bi­li­en­markt flies­sen wer­den.

Die durch den es­ka­lie­ren­den Han­dels­krieg mit den USA zu­neh­mend un­ter ex­ter­nen und in­ter­nen Druck ge­ra­te­ne Re­gie­rung rückt wei­ter vom selbst ge­setz­ten Ziel ab: den Ver­schul­dungs­grad zu re­du­zie­ren und da­mit das Wachs­tum we­ni­ger von In­ves­ti­tio­nen und mehr vom Pri­vat­kon­sum ab­hän­gig zu ma­chen.

Doch hat der Struk­tur­wan­del be­reits vor Aus­bruch des Han­dels­krie­ges mit den USA nur sehr lang­sam Fort­schrit­te ge­macht. Das zei­gen nicht nur die ho­hen Schul­den oder der über­hitz­te Im­mo­bi­li­en­markt, son­dern auch die Tat­sa­che, dass Staats­kon­zer­ne nach wie vor ei­nen weit ein­fa­che­ren Zu­gang zu Kre­di­ten ha­ben als pri­va­te Un­ter­neh­men. Nach­dem die Re­gie­rung vor zwei Jah­ren den Schat­ten­ban­ken den Kampf an­ge­sagt hat­te, hat sich die­ses Pro­blem noch ver­schärft.

Prä­si­dent Xi Jin­ping hat zwar wis­sen las­sen, dass er den Pri­vat­sek­tor stär­ken will. Das über­rascht nicht, stel­len pri­va­te Un­ter­neh­men heu­te doch mehr als 80% al­ler Ar­beits­plät­ze. Doch gleich­zei­tig hat Xi Jin­ping auch be­kräf­tigt, dass die meist we­nig pro­duk­ti­ven Staats­un­ter­neh­men das Rück­grat der Volks­wirt­schaft blei­ben sol­len. Das lässt schon ein­mal er­ah­nen, dass sich die wirt­schaft­li­chen Re­for­men im en­gen Rah­men hal­ten wer­den.

Ge­nau das er­schwert auch ei­ne Lö­sung des Han­dels­strei­tes mit den USA, ver­langt Wa­shing­ton doch ei­nen bes­se­ren Markt­zu­gang der ei­ge­nen Un­ter­neh­men nach Chi­na. Das setzt tief­grei­fen­de Re­for­men vor­aus. Pe­king scheint ih­nen zu­min­dest vor­der­hand die ein­fa­che­re Öff­nung des Kre­dit­hahns vor­zu­zie­hen.

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