In­di­ens Pre­mier steht vor gros­ser Her­aus­for­de­rung

Die Ret­tung ei­ner Schat­ten­bank ist po­li­tisch mo­ti­viert. Die Mo­der­ni­sie­rung kos­tet.

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - ERNST HERB,

Mit den wach­sen­den Pro­ble­men des in­di­schen Schat­ten­ban­ken­sys­tems steht die Re­gie­rung von Pre­mier Na­ren­dra Mo­di we­ni­ge Mo­na­te vor den Par­la­ments­wah­len vor der gröss­ten Her­aus­for­de­rung seit ih­rem Amts­an­tritt. Das zeigt sich auch dar­an, dass der Staat letz­te Wo­che die Über­nah­me der in ar­ge Schief­la­ge ge­ra­te­nen Fi­nanz­ge­sell­schaft In­fra­struc­tu­re Lea­sing and Fi­nan­ci­al Ser­vices (IL&FS) an­ge­kün­digt hat.

Das auf die Fi­nan­zie­rung gros­ser In­fra­struk­tur­pro­jek­te spe­zia­li­sier­te In­sti­tut muss­te in den Wo­chen zu­vor ei­ne gan­ze Rei­he von Zah­lungs­aus­fäl­len an­mel­den, was auf dem in­di­schen Fi­nanz­markt zeit­wei­se Pa­nik­stim­mung aus­ge­löst hat­te. Die Re­ser­ve Bank of In­dia (RBI) schoss als Re­ak­ti­on auf die dro­hen­de Kri­se be­reits Mit­te Sep­tem­ber durch Of­fen­markt­ge­schäf­te Li­qui­di­tät in den Geld­kreis­lauf ein und in­ter­ve­nier­te auf dem Devisenmarkt mit Stütz­käu­fen, um ei­ne wei­te­re Ab­wer­tung der Ru­pie zu stop­pen.

Meh­re­re Ban­ken kämp­fen

Da­bei scheint die Ab­wick­lung von IL&FS von der Re­gie­rung nie in Be­tracht ge­zo­gen wor­den zu sein. Denn die Pro­ble­me der un­ter ei­nem Schul­den­berg von 900 Mrd. Ru­pi­en (12,3 Mrd. $) – ein Gross­teil da­von un­be­si­chert – äch­zen­den Ge­sell­schaft sind kein Ein­zel­fall: Nicht nur die Schat­ten­ban­ken, son­dern auch meh­re­re der grös­se­ren tra­di­tio­nel­len Geld­häu­ser kämp­fen seit ei­ni­ger Zeit schon mit grös­se­ren Pro­ble­men.

In­di­en wird in ei­nem um­so kri­ti­sche­ren Mo­ment mit die­ser Her­aus­for­de­rung kon­fron­tiert, als die In­ves­to­ren an­ge­sichts ei­nes sich aus­wei­ten­den Leis­tungs­bi­lanz­de­fi­zits und ei­ner von ei­nem stei­gen­den Erd­öl­preis an­ge­trie­be­nen Teue­rung be­reits seit län­ge­rem ver­un­si­chert sind. Die Pro­ble­me dro­hen deut­lich hö­he­re Fi­nan­zie­rungs­kos­ten nach sich zu zie­hen. Den­noch hat die RBI we­gen des un­si­che­ren Um­felds am Frei­tag den Leit­zins über­ra­schend bei 6,5% be­las­sen.

Da­bei weist all das auf ei­ne der gros­sen Schwä­chen der Wirt­schafts­po­li­tik der in­di­schen Re­gie­rung hin. Das­Wachs­tum der dritt­gröss­ten asia­ti­schen Volks­wirt­schaft wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren von ei­ner völ­lig über­las­te­ten In­fra­struk­tur ge­bremst. Die an heil­los ver­stopf­ten Stras­sen, lang­sa­men Ei­sen­bah­nen oder häu­fig ver­spä­te­ten Flü­gen sicht­ba­ren Lo­gis­ti­k­eng­päs­se be­hin­dern nicht nur die wirt­schaft­li­che In­te­gra­ti­on des 1,3 Mrd. Kon­su­men­ten zäh­len­den Bin­nen­mark­tes, son­dern sind ne­ben dem stei­gen­den Öl­preis auch mass­geb­lich für die ra­sant an­zie­hen­de Teue­rung ver­ant­wort­lich.

Pre­mier­mi­nis­ter Mo­di mach­te bei sei­nem Amts­an­tritt vor vier Jah­ren den Aus­bau der In­fra­struk­tur – ne­ben der Steu­er­re­form und der un­ter dem Mot­to «Ma­ke in In­dia» lau­fen­den Re­vi­ta­li­sie­rung der ver­ar­bei­ten­den In­dus­trie – zum Kern sei­ner Wirt­schafts­po­li­tik. Die Idee scheint um­so ver­füh­re­ri­scher, als die in­di­sche Wirt­schaft nach Ein­schät­zung der Welt­bank mit­hil­fe ei­ner ad­äqua­ten In­fra­struk­tur jähr­lich über 10% wach­sen könn­te.

Da­bei blieb vor­erst aber die Fra­ge of­fen, wie ge­nau das am­bi­tiö­se Pro­jekt fi­nan­ziert wer­den soll. Wie gross die Her­aus­for­de­rung da­bei ist, zeigt sich dar­an, dass nach Be­rech­nun­gen der Asia­ti­schen Ent­wick­lungs­bank zur Um­set­zung die­ses Pro­gramms jähr­lich 230 Mrd. $ nö­tig wä­ren. Doch im lau­fen­den Fi­nanz­jahr sind im staat­li­chen Haus­halt für die­sen Pos­ten an­ge­sichts der re­la­tiv ho­hen Staats­ver­schul­dung und des an­hal­tend ho­hen Bud­get­de­fi­zits nur 94 Mrd. $ vor­ge­se­hen.

Pri­va­te zie­ren sich

Der Pri­vat­sek­tor schreckt sei­ner­seits da­vor zu­rück, als Bau­herr ein­zu­sprin­gen. Und das wohl­weis­lich: Als vor 25 Jah­ren ein mas­si­ves In­fra­struk­tur­pro­gramm auf Ein­la­dung der Re­gie­rung von pri­va­ter Sei­te fi­nan­ziert wor­den ist, wur­de der Bau neu­er Stras­sen, Brü­cken und Hä­fen durch Ein­spra­chen von Land­ei­gen­tü­mern in die Län­ge ge­zo­gen oder so­gar ganz blo­ckiert, was mas­si­ve Ver­lus­te nach sich ge­zo­gen hat­te.

Fi­nanz­mi­nis­ter Arun Jait­ley glaub­te zu­min­dest bis vor kur­zem, mit der Schaf­fung von spe­zi­el­len An­la­ge­ve­hi­keln wie IL&FS oder In­dia­bulls Hou­sing Fi­nan­ce und Ba­jaj Fi­nan­ce die Wun­der­lö­sung ge­fun­den zu ha­ben. Die­se teil­wei­se an der Bör­se Mum­bai ko­tier­ten Ti­tel be­fin­den sich zwar mehr­heit­lich in pri­va­ter Hand und neh­men auch Geld auf dem Ka­pi­tal­markt auf. Doch in den Au­gen der In­ves­to­ren ver­fü­gen sie über ei­ne im­pli­zi­te Staats­ga­ran­tie, wie das jetzt der Fall von IL&FS auch ge­zeigt hat.

Es bleibt of­fen, ob mit der vor­läu­fi­gen Ret­tung die­ser Schat­ten­bank das Pro­blem wirk­lich ge­löst ist. Si­cher scheint vor­der­hand vor al­lem, dass mit der Über­nah­me von IL&FS durch den Staat die Re­gie­rung Mo­di auch wahl­po­li­ti­sche Zie­le ver­folgt hat. Denn die im Vor­mo­nat durch die Zah­lungs­aus­fäl­le aus­ge­lös­ten Tur­bu­len­zen auf dem Fi­nanz­markt droh­ten im Ex­trem­fall ei­nen Stopp des In­fra­struk­tur­pro­gramms nach sich zu zie­hen.

Vor al­lem hät­te ei­ne da­mit ver­bun­de­ne mar­kan­te Ver­lang­sa­mung des Wachs­tums die Chan­cen ei­nes Sie­ges von Mo­dis Par­tei Bha­ra­tiya Ja­na­ta in den im Früh­jahr an­ste­hen­den Par­la­ments­wah­len deut­lich ge­min­dert. Doch auch wenn vor­erst Ru­he ein­kehrt, bleibt of­fen, wie das Mo­der­ni­sie­rungs­pro­gramm län­ger­fris­tig fi­nan­ziert wer­den soll.

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