Die Ge­win­ner von Trumps Han­dels­krieg

Der Han­dels­krieg zwi­schen den USA und Chi­na wird bei­den Län­dern Scha­den zu­fü­gen. Da er aber auch Han­dels­strö­me um­lenkt, kön­nen Dritt­län­der, nicht zu­letzt eu­ro­päi­sche, da­von pro­fi­tie­ren.

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - DA­NI­EL GROS

Die Kon­tu­ren von US-Prä­si­dent Do­nald Trumps Han­dels­stra­te­gie wer­den im­mer kla­rer. Ame­ri­kas Han­dels­part­ner se­hen sich dra­ma­ti­schen Be­dro­hun­gen aus­ge­setzt. Doch wie die Neu­ge­stal­tung des US-ko­rea­ni­schen Frei­han­dels­ab­kom­mens so­wie die «Re­form» und die Um­be­nen­nung des Nord­ame­ri­ka­ni­schen Frei­han­dels­ab­kom­mens (Nafta) zei­gen, müs­sen die meis­ten Län­der nur ge­rin­ge Kon­zes­sio­nen an­bie­ten, um­Trump zu be­sänf­ti­gen. Das ein­zi­ge Land, das ihm wirk­lich wich­tig ist – sein «Staats­feind Num­mer eins» –, ist Chi­na.

Da­mit ist die Büh­ne be­reit für ei­nen chi­ne­sisch-ame­ri­ka­ni­schen Show­down mit all sei­nen ge­wich­ti­gen und un­vor­her­seh­ba­ren geo­stra­te­gi­schen Aus­wir­kun­gen. Doch für die üb­ri­ge Welt ist das mög­li­cher­wei­se gar kei­ne so schlech­te Nach­richt. Tat­säch­lich legt die Wirt­schafts­theo­rie na­he, dass an dem al­ten Sprich­wort «Wenn zwei sich strei­ten, freut sich der Drit­te» et­was dran ist.

Prä­fe­ren­zi­el­le Ab­kom­men

Bis vor kur­zem dien­te die Han­dels­po­li­tik in ers­ter Li­nie der Li­be­ra­li­sie­rung. Von den Sech­zi­ger- bis in die Neun­zi­ger­jah­re wur­de die­ser Pro­zess pri­mär durch all­ge­mei­ne Zoll­sen­kun­gen vor­an­ge­trie­ben – un­ter der Fe­der­füh­rung des All­ge­mei­nen Zoll- und Han­dels­ab­kom­mens (Gatt) und der ihm nach­fol­gen­den Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on ( WTO). Doch der jüngs­te Ver­such all­ge­mei­ner Zoll­sen­kun­gen – die Do­ha-Run­de – wur­de nie um­ge­setzt, und zwar vor al­lem, weil In­di­en (nicht Chi­na) sich der Öff­nung ei­ni­ger sei­ner Schlüs­sel­märk­te wie­der­setz­te.

In ge­wis­sem Um­fang tru­gen re­gio­na­le Han­dels­ab­kom­men – nor­ma­ler­wei­se zwi­schen ähn­lich den­ken­den, be­reits stark in­te­grier­ten Volks­wirt­schaf­ten – da­zu bei, die Li­be­ra­li­sie­rungs­dy­na­mik auf­recht­zu- er­hal­ten. Doch die Öko­no­men ste­hen der­ar­ti­gen Ver­ein­ba­run­gen tra­di­tio­nell skep­tisch ge­gen­über, weil sie per se prä­fe­ren­zi­el­ler Art sind. Wenn für die we­ni­gen an der re­gio­na­len Ver­ein­ba­rung be­tei­lig­ten Han­dels­part­ner die Han­dels­schran­ken ge­senkt wer­den, ten­die­ren die Pro­du­zen­ten in die­sen Län­dern da­zu, ih­re Auf­merk­sam­keit auf die­se Part­ner zu ver­la­gern, was zu ei­nem Rück­gang der Im­por­te aus an­de­ren Län­dern führt.

Statt ins­ge­samt den Han­del an­zu­re­gen, len­ken re­gio­na­le Ver­ein­ba­run­gen ihn in ers­ter Li­nie wohl um. Zwi­schen den teil­neh­men­den Län­dern nimmt der Han­del zu, wo­von sie pro­fi­tie­ren, aber in Be­zug auf Drit­te, de­nen da­durch (ge­rin­ge) Kos­ten ent­ste­hen, schrumpft er. Ein rie­si­ges Kor­pus an em­pi­ri­scher Li­te­ra­tur über be­ste­hen­de prä­fe­ren­zi­el­le Han­dels­ab­kom­men un­ter­stützt die­se Schluss­fol­ge­rung.

Dies legt na­he, dass, wenn ei­ne Grup­pe wich­ti­ger Han­del trei­ben­der Län­der das Ge­gen­teil tut – al­so Zöl­le nur ge­gen­über ein­an­der an­hebt –, Drit­te pro­fi­tie­ren wer­den. Soll­ten al­so an­de­re Län­der, von Eu­ro­pa bis Asi­en, das ne­ga­ti­ve prä­fe­ren­zi­el­le Han­dels­ab­kom­men be­grüs­sen, ge­mäss dem die USA und Chi­na de fac­to ope­rie­ren?

An­ge­sichts der von den USA ver­häng­ten hö­he­ren Zöl­le auf chi­ne­si­sche Wa­ren wer­den die eu­ro­päi­schen Her­stel­ler auf dem US-Markt ei­nen Wett­be­werbs­vor­teil ge­gen­über chi­ne­si­schen Pro­du­zen­ten ge­nies­sen. Ge­nau­so wer­den auf dem chi­ne- si­schen Markt eu­ro­päi­sche wie auch asia­ti­sche Her­stel­ler ei­nen Wett­be­werbs­vor­teil ge­gen­über US-Her­stel­lern ha­ben.

Ein we­sent­li­cher An­teil des Han­dels zwi­schen den USA und Chi­na dürf­te nach Eu­ro­pa, Ja­pan und in an­de­re asia­ti­sche Volks­wirt­schaf­ten mit en­gen Be­zie­hun­gen zum chi­ne­si­schen Markt um­ge­lei­tet wer­den. Ins­be­son­de­re die EU dürf­te hier­von stark pro­fi­tie­ren, weil sie ei­ner der gröss­ten Han­dels­part­ner so­wohl der USA als auch Chi­nas bleibt und weil die eu­ro­päi­schen Her­stel­ler häu­fig die stärks­ten Kon­kur­ren­ten der US-Un­ter­neh­men sind.

Wäh­rend prak­tisch je­des ne­ga­ti­ve prä­fe­ren­zi­el­le Han­dels­ab­kom­men Drit­ten ge­wis­se Vor­tei­le bringt, dürf­ten die­se im Fal­le ei­nes «Ab­kom­mens» zwi­schen den USA und Chi­na be­son­ders gross sein. Die Um­lei­tung von Han­dels­strö­men wur­de bis­her oft als theo­re­ti­sches Kon­strukt mit ge­rin­ger Be­deu­tung für die rea­le Welt be­trach­tet, weil die meis­ten an prä­fe­ren­zi­el­len Han­dels­ab­kom­men be­tei­lig­ten Volks­wirt­schaf­ten oh­ne­hin re­la­tiv nied­ri­ge Zöl­le auf­wie­sen. In­fol­ge­des­sen war je­de Än­de­rung – und da­mit ih­re all­ge­mei­ne­re Aus­wir­kung auf den Han­del – ge­ring.

Beim chi­ne­sisch-ame­ri­ka­ni­schen Han­dels­krieg sieht das an­ders aus, weil die bei­den Volks­wirt­schaf­ten, die sich zu­vor re­la­tiv of­fen ge­gen­über­stan­den, nun ho­he Han­dels­bar­rie­ren er­rich­ten. Schon jetzt er­he­ben die USA ei­nen Zoll von 10% – vier­mal so hoch wie der US-Durch­schnitt – auf chi­ne­si­sche Wa­ren im Wert von mehr als 200 Mrd. $. Im kom­men­den Jahr könn­te die­ser Zoll auf 25% er­höht und auf ein brei­te­res Spek­trum von Im­port­gü­tern aus­ge­wei­tet wer­den. Dies legt ei­ne Um­lei­tung von Han­dels­strö­men in be­trächt­li­chem Um­fang na­he.

Na­tür­lich könn­te der ho­he In­te­gra­ti­ons­grad der trans­at­lan­ti­schen Volks­wirt­schaft mil­dernd wir­ken. So könn­te et­wa Air­bus Bo­eing auf dem rie­si­gen chi­ne­si- schen Markt ver­drän­gen, doch mehr als ein Drit­tel der Wert­schöp­fung ei­nes Air­bus-Flug­zeugs wird durch die USA bei­ge­steu­ert. Dies ist ei­ner der Grün­de, war­um Trump sich ent­schei­den könn­te, den im Ju­li mit der EU ver­ein­bar­ten «Waf­fen­still­stand» zu ver­län­gern.

Die USA als Leid­tra­gen­de

Letzt­end­lich je­doch ist es wahr­schein­lich, dass die chi­ne­sisch-ame­ri­ka­ni­sche Kon­fron­ta­ti­on zu be­trächt­li­chen Ver­la­ge­run­gen im Welt­han­del füh­ren wird. Es ist mög­lich, dass die meis­ten Volks­wirt­schaf­ten welt­weit da­von pro­fi­tie­ren, doch zu­gleich wird es erns­te Fol­gen für die USA und Chi­na ha­ben: Auf im­por­tier­te Ma­schi­nen an­ge­wie­se­ne Ver­brau­cher und Un­ter­neh­men wer­den mehr be­zah­len müs­sen.

Die Ver­lus­te dürf­ten für die USA grös­ser sein als für Chi­na, weil die chi­ne­si­schen Im­por­te aus den USA ei­nen hö­he­ren An­teil an Agrar­pro­duk­ten um­fas­sen, für die sich re­la­tiv leicht al­ter­na­ti­ve Lie­fe­ran­ten fin­den las­sen. So kann Chi­na bei­spiels­wei­se So­ja­boh­nen aus Bra­si­li­en statt aus den USA im­por­tie­ren, oh­ne dass ihm da­durch we­sent­lich hö­he­re Kos­ten ent­ste­hen. Zu­dem wa­ren die chi­ne­si­schen Ge­gen­mass­nah­men bis­her mo­de­ra­ter; es be­steht kaum Aus­sicht auf ei­nen pau­scha­len Zoll von 25% auf US-Im­por­te.

Al­les in al­lem könn­te der chi­ne­si­schame­ri­ka­ni­sche Han­dels­krieg für Chi­na zu ge­wis­sen Ver­lus­ten füh­ren, doch dürf­ten sie sich im Ver­gleich zu den Kos­ten, die den USA selbst ent­ste­hen, als ver­schwin­dend ge­ring er­wei­sen. In der Zwi­schen­zeit könn­te die üb­ri­ge Welt al­len Grund ha­ben, bei­den Sei­ten ei­nen lan­gen Kon­flikt zu wün­schen.

«Na­tür­lich könn­te der ho­he In­te­gra­ti­ons­grad der trans­at­lan­ti­schen Volks­wirt­schaft mil­dernd wir­ken.»

Da­ni­el Gros ist Di­rek­tor des Brüs­se­ler Think Tank Cent­re for Eu­ro­pean Po­li­cy Stu­dies. Co­py­right: Pro­ject Syn­di­ca­te.

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