«Kein Zeit­druck beim Rah­men­ab­kom­men»

Bun­des­rä­tin Do­ris Leuthard hofft, dass die Schweiz mit der Eu­ro­päi­schen Uni­on bis En­de Jahr zu­min­dest die Eck­punk­te der Ver­ein­ba­rung de­fi­nie­ren kann.

Finanz und Wirtschaft - - UNTERNEHMEN - IN­TER­VIEW: PAS­CAL MEISSER,

Bei ei­nem Be­such in Lon­don traf Ver­kehrs­mi­nis­te­rin Do­ris Leuthard am Don­ners­tag Wirt­schafts­mi­nis­ter Greg Clark und Trans­port­mi­nis­ter Chris Gray­ling. Für die Schweiz geht es dar­um, nach dem Br­ex­it die be­ste­hen­den Re­ge­lun­gen lü­cken­los fort­füh­ren zu kön­nen.

Frau Bun­des­rä­tin Leuthard, ist die Schweiz auf den Br­ex­it vor­be­rei­tet?

Ja, das kön­nen wir be­reits heu­te sa­gen. Im Bun­des­rat ha­ben wir schon vor län­ge­rem Stra­te­gi­en ent­wi­ckelt und die De­par­te­men­te auf­ge­for­dert zu ana­ly­sie­ren, wel­che Ab­kom­men neu ver­han­delt oder den ver­än­der­ten Be­din­gun­gen an­ge­passt wer­den müss­ten. Wir ha­ben uns auf al­le Sze­na­ri­en, auch auf ei­nen har­ten Br­ex­it, vor­be­rei­tet, um die Ab­kom­men so weit wie mög­lich lü­cken­los in Kraft zu set­zen.

Bei ei­nem har­ten Br­ex­it droht am 30. März 2019 die Ein­stel­lung al­ler Flü­ge von Grossbritannien nach Eu­ro­pa – und da­mit auch in die Schweiz.

Die­ser Be­reich ist enorm wich­tig. Grossbritannien ist für die Schweiz der zweit­wich­tigs­te Flug­ver­kehrs­markt. Täg­lich gibt es zwi­schen der Schweiz und Grossbritannien 150 Flü­ge. Wir sind so weit und ha­ben das ent­spre­chen­de Ab­kom­men vor­be­rei­tet, um ei­nen rei­bungs­lo­sen Über­gang zu ga­ran­tie­ren. Es muss noch pa­ra­phiert und un­ter­zeich­net wer­den. Wir war­ten da­mit, weil Grossbritannien auch mit Brüs­sel ei­ne Lö­sung fin­den muss.

Grossbritannien ist es un­ter­sagt, bis zum Aus­tritt aus der EU Frei­han­dels­ab­kom­men ab­zu­schlies­sen. Tan­giert dies solch vor­zei­ti­ge Ver­hand­lun­gen nicht?

Das ist in der Tat ei­ne der Schwie­rig­kei­ten, mit de­nen wir uns kon­fron­tiert se­hen. Wir wa­ren aber auch ge­gen­über der EU im­mer trans­pa­rent. Es geht dar­um, dass wir uns dar­auf vor­be­rei­ten müs­sen, mit vor­zei­ti­gen Ge­sprä­chen all­fäl­li­ge Lü­cken im Per­so­nen- oder im Wa­ren­trans­port von der Schweiz nach Grossbritannien zu ver­mei­den. Im Ver­kehrs­be­reich hat der Bun­des­rat ge­wis­se Kom­pe­ten­zen, um ein Ab­kom­men vor­zei­tig ab­zu­schlies­sen.

Ge­sprä­che über ein all­fäl­li­ges Frei­han­dels­ab­kom­men müs­sen noch war­ten?

Es lau­fen be­reits in­ten­si­ve Ge­sprä­che, aber die or­dent­li­chen Pro­zes­se im Par­la­ment müs­sen ein­ge­hal­ten wer­den, al­len­falls ver­knüpft mit ei­ner pro­vi­so­ri­schen An­wen­dung.

Der Br­ex­it scheint die Ge­sprä­che zwi­schen der Schweiz und Eu­ro­pa zu er­schwe­ren.

Das ent­spricht auch un­se­rem Ein­druck. Man spürt, dass die EU-Mit­glied­staa­ten noch et­was nä­her zu­sam­men­ge­rückt sind. Ih­re Mes­sa­ge ist: Wer am Bin­nen­markt teil­neh­men will, muss die Spielregeln ein­hal­ten. Man will nicht un­end­lich vie­le Aus­nah­men zu­las­sen. Beim Rah­men­ab­kom­men zwi­schen der Schweiz und der EU, bei dem es um den Markt­zu­tritt geht, ver­ste­hen wir auch, dass wir nur ver­ein­zelt auf Son­der­lö­sun­gen po­chen kön­nen.

Zum Bei­spiel?

Bei der Per­so­nen­frei­zü­gig­keit ak­zep­tie­ren wir das Prin­zip, aber po­chen dar­auf, die Ar­beits­be­din­gun­gen na­tio­nal zu re­geln. Wir ha­ben ein an­de­res So­zi­al­ver­si­che­rungs­sys­tem als Eu­ro­pa. Wir ste­hen heu­te an ei­nem an­de­ren Punkt. Un­se­re Ab­sicht ist, hart zu blei­ben und dar­auf zu set­zen, dass die EU uns ent­ge­gen­kommt.

Noch im­mer droht die Ge­fahr, dass En­de Jahr die Bör­sen­äqui­va­lenz aus­läuft.

Das hängt da­von ab, wie die Fort­schrit­te beim Rah­men­ab­kom­men sind. Wenn wir tat­säch­lich nicht recht­zei­tig ei­ne Lö­sung fin­den, wird die Kom­mis­si­on im De­zem­ber über das wei­te­re Vor­ge­hen ent­schei­den. Wir ha­ben ei­nen Plan B und sind auf je­des Sze­na­rio vor­be­rei­tet. Der Bun­des­rat strebt nach wie vor an, das Rah­men­ab­kom­men so weit zu trei­ben, dass En­de De­zem­ber die Eck­punk­te klar sind.

Es hiess, dass das Rah­men­ab­kom­men bis 15. Ok­to­ber ste­hen müs­se.

«Die Ab­sicht der Schweiz ist, hart zu blei­ben und dar­auf zu set­zen, dass die Eu­ro­päi­sche Uni­on uns ent­ge­gen­kommt.»

Wir ha­ben kei­nen Zeit­druck. EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker ist bis Mai 2019 im Amt. Es wä­re wün­schens­wert, das Rah­men­ab­kom­men vor­her ab­zu­schlies­sen. Wir hof­fen wei­ter­hin, dass wir noch die­ses Jahr ei­ne Lö­sung fin­den.

«Die Schweiz ist auf al­le Br­ex­it-Sze­na­ri­en vor­be­rei­tet.»

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