Schö­ne neue Welt oh­ne Mün­zen und No­ten?

Neue Zurcher Zeitung - - WIRTSCHAFT -

Die Ab­schaf­fung von Bar­geld führt zu ei­nem Über­wa­chungs­staat und be­schnei­det die Um Zin­sen noch tie­fer in den Ne­ga­tiv­be­reich drü­cken zu kön­nen, wird mit­un­ter ei­ne Ab­schaf­fung von Bank­no­ten ge­for­dert. Ei­ne sol­che Ab­schaf­fung wä­re ein mas­si­ver An­griff auf die Frei­heit des Bür­gers, wie im fol­gen­den Gast­bei­trag dar­ge­legt wird. Man kann nur stau­nen: Da wird ernst­haft in Lon­don an ei­ner Kon­fe­renz von Aka­de­mi­kern, Ver­tre­tern der Fi­nanz­bran­che und von Zen­tral­ban­ken über die Ab­schaf­fung oder Ein­schrän­kung des Ge­brauchs von Bar­geld dis­ku­tiert. Die­ser Ge­dan­ke wur­de zu­erst vor ei­ni­gen Jah­ren zur Dis­kus­si­on ge­stellt durch Wil­lem Bui­ter, den Chef­öko­no­men der Ci­ti­group, in un­rühm­li­cher Nach­fol­ge von Sil­vio Ge­sell. In­zwi­schen hat auch Har­vard-Pro­fes­sor Ken­neth Rog­off die­se Vor­stel­lung in et­was ab­ge­wan­del­ter Form über­nom­men.

Ge­wich­ti­ge Nach­tei­le

Hin­ter­grund der De­bat­te ist die Fi­xie­rung auf die Zin­spo­li­tik als ein­zi­ges geld­po­li­ti­sches In­stru­ment der Zen­tral­ban­ken. Sie soll der­zeit an­geb­lich be­son­ders für die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB), wie zu­vor für das Fe­deral Re­ser­ve Sys­tem (Fed), ne­ga­ti­ve Zin­sen er­for­der­lich ma­chen. Die­se durch­zu­set­zen, wür­de aber durch die Mög­lich­keit er­schwert oder ver­hin­dert, grös­se­re Be­trä­ge in Bar­geld zu hal­ten. Da­bei ist man in den USA schon vor Jah­ren und jüngst auch in Eu­ro­pa zu ei­ner ul­tra­ex­pan­si­ven Geld­po­li­tik zu­rück­ge­kehrt, wo­bei man dies un­ter dem neu­en Be­griff des «Quan­ti­ta­ti­ve Ea­sing» zu ver­schlei­ern such­te. Auch die Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­bank (SNB) sieht sich jetzt in ih­rer Ne­ga­tiv­zins­po­li­tik durch die Exis­tenz von Bar­geld be­schränkt. In den sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts war ei­ne ähn­li­che Fi­xie­rung bei mo­ne­ta­ris­ti­schen Öko­no­men und bei Zen­tral­ban­ken auf die Geld­men­gen­steue­rung vor­herr­schend. Bei­de Über­trei­bun­gen wa­ren und sind be­denk­lich. Die Ten­denz zur Be­sei­ti­gung des Bar­gelds setzt dem Gan­zen nun qua­si die Kro­ne auf.

Ver­mut­lich, um die Chan­cen auf ei­ne Ab­schaf­fung der Bank­no­ten po­li­tisch zu ver­bes­sern, wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Ein­schrän­kung des Ge­brauchs von Bar­geld kri­mi­nel­le Ak­ti­vi­tä­ten, Geld­wä­sche und Steu­er­hin­ter­zie­hung ver­un­mög­li­chen wür­de. Von den zum Teil gra­vie­ren­den Nach­tei­len wird da­ge­gen fast gar nicht ge­spro­chen. Zu die­sen Nach­tei­len ge­hö­ren:

die Mög­lich­keit staat­li­cher die Hand­lun­gen al­ler Bür­ger, Stel­len, die mit Käu­fen, Ver­käu­fen und Fi­nanz­trans­ak­tio­nen zu tun ha­ben, zu über­wa­chen;

die Mög­lich­keit, schon bei Ver­dacht al­le Kon­ten oder Zah­lun­gen zu sper­ren;

die Ver­un­mög­li­chung, ei­ner un­trag­ba­ren Steu­er­be­las­tung in au­to­ri­tä­ren, kor­rup­ten und des­po­ti­schen Re­gi­men aus­zu­wei­chen;

die Ent­eig­nung von Spa­rern und Pen­si­ons­kas­sen durch ne­ga­ti­ve Zin­sen;

die Fehl­al­lo­ka­ti­on von Res­sour­cen und Fehl­in­ves­ti­tio­nen auf­grund ne­ga­ti­ver Zin­sen;

die Ge­fahr spä­ter plat­zen­der Bla­sen an Ak­ti­en- und Im­mo­bi­li­en­märk­ten;

und schliess­lich die Ver­min­de­rung der Schuld­ner­bo­ni­tät, da es sich bei Gi­ro­kon­ten nur um For­de­run­gen ge­gen­über Ban­ken und nicht wie bei Bank­no­ten ge­gen­über der SNB han­delt. Hin­zu kommt, dass neu­er­dings Gi­ro­gut­ha­ben auch zur Ab­de­ckung von gros­sen Ver­lus­ten der Ban­ken her­an­ge­zo­gen wer­den sol­len.

Ver­fehl­te Zin­spo­li­tik

Die fal­sche Zin­spo­li­tik be­gann schon nach dem Zu­sam­men­bruch der In­ter­net-Bla­se im Jahr 2001 durch das Fed. An­de­re Zen­tral­ban­ken folg­ten die­ser Po­li­tik – oder muss­ten ihr we­gen der Aus­wir­kung auf Wech­sel­kur­se und Ka- pi­tal­märk­te fol­gen. Das Fed leis­te­te in der Fi­nanz­kri­se er­for­der­li­che Hil­fe durch um­fang­rei­che Kre­di­te, aber lei­der zu ei­nem Zins­satz von nur 1%. Zu­sam­men mit den an­de­ren be­kann­ten Fak­to­ren führ­te dies zu Bla­sen an den Im­mo­bi­li­en- und Ak­ti­en­märk­ten, die nach 2007 den be­kann­ten Zu­sam­men­bruch zur Fol­ge hat­ten. Das Fed re­agier­te wie­der­um mit ei­ner Sen­kung der Zins­sät­ze auf prak­tisch 0%, wes­halb wei­te­re Ne­ga­tiv­fol­gen zu be­fürch­ten sind.

Ei­ne an­de­re Po­li­tik wä­re im Sinn von Sir Walter Ba­gehots Vor­schlä­gen ge­gen­über der Bank of En­g­land im 19. Jahr­hun­dert durch­aus mög­lich ge­we­sen. Die Zen­tral­ban­ken hät­ten den Ban­ken un­be­grenz­te Kre­di­te ge­ben kön­nen – aber zu ei­nem Straf­zins und zu ei­ner Be­wer­tung der Ak­ti­ven zum Wert nor­ma­ler Zei­ten. Auf die­se Wei­se hät­te man leicht­fer­ti­ges Han­deln (Moral Ha­zard) und Bla­sen ver­hin­dern und trotz­dem ei­ne Il­li­qui­di­tät des Sys­tems ver­mei­den kön­nen. Die Ein­füh­rung von Ne­ga­tiv­zin­sen wä­re über­flüs­sig ge­we­sen.

Nun dis­ku­tiert man aber über die Ge­fah­ren für die Pri­vat­sphä­re der Bür­ger in De­mo­kra­ti­en und frei­heit­li­chen Rechts­staa­ten, die ei­ne Ab­schaf­fung des Bar­gelds und ei­ne Kon­trol­le al­ler Zah­lun­gen durch den Staat mit sich brin­gen wür­den. Rog­off wen­det da­ge-

Frei­heit. gen ein, dass die Über­wa­chungs­tech­no­lo­gie schon so weit fort­ge­schrit­ten sei, dass man sich der Über­wa­chung oh­ne­hin nicht ent­zie­hen kön­ne. Das ist für­wahr ein gross­ar­ti­ges Ar­gu­ment. Da der Staat oh­ne­hin, wie Ed­ward Snow­den ent­hüllt hat, im­mer mehr da­zu neigt, sei­ne Bür­ger aus­zu­spio­nie­ren, soll dies nun auch noch durch die Ab­schaf­fung des Bar­gel­des ge­för­dert wer­den.

Auch der Ver­weis auf die Ver­mei­dung von Kri­mi­na­li­tät, Geld­wä­sche­rei und Steu­er­hin­ter­zie­hung über­zeugt nicht. Denn in­ter­es­san­ter­wei­se sind sol­che Ma­chen­schaf­ten am we­nigs­tens aus­ge­prägt in Län­dern, in de­nen die Steu­ern noch kein drü­cken­des Aus­mass er­reicht ha­ben und wo die durch die An­tidro­gen­po­li­tik ge­för­der­ten Dro­gen­ba­ro­ne noch kei­ne grosse Rol­le spie­len.

Schlim­me­re Fol­gen ei­ner Ab­schaf­fung der Bank­no­ten von halb­wegs in­fla­ti­ons­sta­bi­len Wäh­run­gen wür­den sich in den vie­len Län­dern ein­stel­len, in de­nen kein frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­sches Sys­tem herrscht und in de­nen kor­rup­te und au­to­kra­ti­sche Herr­scher die Bür­ger mit und oh­ne In­fla­ti­on zu ent­eig­nen su­chen. In die­sen kön­nen be­droh­te Bür­ger die­ser ver­hee­ren­den Po­li­tik nur Wi­der­stand leis­ten, in­dem sie Bank­no­ten er­wer­ben. Der Ver­fas­ser hat selbst er­lebt, wie in Zei­ten der ar­gen­ti-

Flucht auf Schwarz­märk­te

Man sa­ge nicht, es hand­le sich da­bei um sel­te­ne Fäl­le. Seit 1914 ha­ben sich Dut­zen­de von Hy­per­in­fla­tio­nen (mit In­fla­ti­ons­ra­ten von über 50% je Mo­nat) er­eig­net, ganz zu schwei­gen von den vie­len an­de­ren Hoch­in­fla­tio­nen. Die ent­wi­ckel­ten und sta­bi­len Län­der wür­den ei­ne schlim­me Schuld auf sich la­den, wenn sie den Bür­gern sol­cher Län­der die ein­zi­ge Mög­lich­keit neh­men wür­den, sich der ver­hee­ren­den Po­li­tik ih­rer Re­gie­run­gen zu ent­zie­hen.

Auch muss man sich fra­gen, ob die USA be­reit wä­ren, ih­re Bank­no­ten im Aus­land ab­zu­schaf­fen, oder ob sie dies aus Grün­den des Wäh­rungs­wett­be­werbs nur an­de­ren Staa­ten emp­feh­len.

Schliess­lich wür­de ei­ne Be­sei­ti­gung des Bar­gelds ei­nen Gross­teil der nor­ma­len Bür­ger, die nichts an­de­res tun, als das ih­nen Ge­hö­ren­de wert­be­stän­dig zu er­hal­ten und auf­zu­be­wah­ren, ver­mut­lich in die Kri­mi­na­li­tät trei­ben. Wie bei al­len Pro­hi­bi­tio­nen wür­de der Staat auf die­se Wei­se die Ent­ste­hung von Schwarz­märk­ten von er­heb­li­chem Um­fang pro­vo­zie­ren, für de­ren Be­kämp­fung zu­sätz­li­che Steu­er­mit­tel ver­schwen­det wer­den müss­ten.

KOSTAS TSIRONIS / BLOOM­BERG

Es geht nicht an, dass die Bür­ger ge­zwun­gen wer­den, für die Ex­zes­se der No­ten­ban­ken zu zah­len.

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