Er könn­te Trump schla­gen

Die Zwi­schen­wah­len ha­ben vor al­lem ei­nes ge­zeigt: Der Her­aus­for­de­rer des Us-prä­si­den­ten soll­te kein Lin­ker sein, kein Rü­pel und kein Schwar­zer. Ei­ne küh­ne Pro­gno­se.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - International Usa - Von Andre­as Mink, New York Ho­he Be­tei­li­gung

Der nächs­te Prä­si­dent Ame­ri­kas wird Mitch Lan­dri­eu, der frü­he­re de­mo­kra­ti­sche Stadt­prä­si­dent von New Or­leans. 58 Jah­re, weiss, gläu­bi­ger Ka­tho­lik, fünf Kin­der. Die­se cou­ra­gier­te Pro­gno­se für die Prä­si­dent­schafts­wahl 2020 mag et­was über­ra­schen. Lan­dri­eu ist we­der ein Ur­ge­stein wie Joe Bi­den, der im­mer wie­der ge­nannt wird als Prä­si­dent­schafts­an­wär­ter, und auch nicht ein Jung­star wie Be­to O’rour­ke aus Te­xas. Doch nach den Zwi­schen­wah­len von die­ser Wo­che scheint er der idea­le Kan­di­dat.

Me­di­al sorg­ten zwar vor al­lem jun­ge De­mo­kra­tin­nen wie die La­ti­na Alex­an­dria Oca­sio­cor­tez für Fu­ro­re. Im Ram­pen­licht stan­den auch Ra­shi­da Tlaib und Il­han Omar, die als ers­te Mus­li­min­nen in den Kon­gress ein­zie­hen wer­den. Doch die Bil­der ver­wi­schen et­was die ent­schei­den­den Re­sul­ta­te der Zwi­schen­wah­len. Die De­mo­kra­ten ha­ben vor al­lem in Vor­städ­ten von Bal­lungs­zen­tren ge­won­nen.

Vor­stadt-typ

Dort ha­ben die De­mo­kra­ten rund 35 Sit­ze im Re­prä­sen­tan­ten­haus, sie­ben Gou­ver­neurs­sit­ze und da­zu auch fast 400 Man­da­te in Lan­des­par­la­men­ten er­run­gen. Und dies ist ih­nen nicht nur in den links­li­be­ra­len Hoch­bur­gen wie Ka­li­for­ni­en, New Jer­sey und New York ge­lun­gen, son­dern auch und ge­ra­de in den gros­sen Vor­städ­ten von tra­di­tio­nell kon­ser­va­ti­ven Glied­staa­ten wie Geor­gia, Io­wa, Kan­sas, Te­xas und Utah.

Das Ren­nen mach­ten dort vor al­lem bür­ger­li­che Per­sön­lich­kei­ten, die wirt­schafts­nah sind oder aus dem Mi­li­tär oder der Aka­de­mie stam­men und ih­re Vor­stadt-wahl­krei­se wi­der­spie­geln. Kan­di­da­ten am lin­ken Rand schei­ter­ten. Trump hat die Vor­städ­te mit sei­nen Lü­gen und Hass­re­den ge­gen Min­der­hei­ten re­gel­recht in die Ar­me der De­mo­kra­ten ge­trie­ben. Vor al­lem Weis­se mit Fa­mi­lie, Hoch­schul­ab­schluss und gu­ten Ein­kom­men in den Bal­lungs­zen­tren wie Dal­las, At­lan­ta oder Phil­adel­phia wand­ten sich von ihm ab. Be­son­ders wich­tig wa­ren da­bei weib­li­che Wäh­ler. Ge­mäs­sig­te Man­dats­trä­ger der re­pu­bli­ka­ni­schen Sei­te wur­den ab­ge­straft, da sie nun zum Trump-la­ger zäh­len. Die «Grand Old Par­ty» re­prä­sen­tiert heu­te vor­wie­gend Weis­se aus­ser­halb von Bal­lungs­zen­tren mit be­son­ders ho­hen An­tei­len von Män­nern, Äl­te­ren und Per­so­nen oh­ne Uni­ver­si­täts­bil­dung. Ei­ne Wäh­ler­ka­te­go­rie, die einst noch zur Ba­sis der De­mo­kra­ten ge­hör­te.

Die­ses Wah­l­er­geb­nis ist um­so er­staun­li­cher, wenn man be­denkt, dass die Wirt­schaft boomt und die Ar­beits­lo­sig­keit so nied­rig ist wie seit Jahr­zehn­ten nicht. Ame­ri­ka er­lebt so­zu­sa­gen ei­nen Auf­stand bür­ger­li­cher Wäh­ler in der Mit­te. Die­se Be­völ­ke­rungs­grup­pe scheint sich nach nor­ma­len Zu­stän­den zu seh­nen, nach Ver­nunft, An­stand, Be­re­chen­bar­keit und Kom­pe­tenz. Nach ei­nem An­ti-trump. Es wä­re al­so das fal­sche Re­zept, ge­gen den lau­ten Trump mit sei­ner ex­tre­men Po­li­tik ei­nen eben­so lau­ten lin­ken Jung­star wie Be­to O’rour­ke auf­zu­stel­len, der mit Phan­ta­sie­for­de­run­gen wie der Ab­schaf­fung der Ein­wan­de­rungs­be­hör­de ICE für sich wirbt.

Die De­mo­kra­ten soll­ten auch nicht auf ei­nen Ver­tre­ter ei­ner Min­der­heit set­zen. Ber- nie San­ders, der frü­he­re de­mo­kra­ti­sche Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat und ei­ne Iko­ne der Lin­ken, sprach am Don­ners­tag ei­ne bru­ta­le Wahr­heit aus: In Flo­ri­da und Geor­gia hät­ten Weis­se ge­gen die de­mo­kra­ti­schen Kan­di­da­ten And­rew Gil­lum und St­acey Abrams ge­stimmt, weil die­se Afro­ame­ri­ka­ner sei­en.

Ähn­li­che Vor­be­hal­te gibt es zu­min­dest im ge­sam­ten Sü­den der USA von Te­xas bis North Ca­ro­li­na. Da­hin­ter mag Ras­sis­mus ste­hen oder auch die Skep­sis ge­gen all­zu pro­gres­si­ve po­li­ti­schen Pro­gram­me und die da­mit un­wei­ger­lich ein­her­ge­hen­den Steu­er­er­hö­hun­gen. Oder bei­des. Doch das sind die Rea­li­tä­ten in den USA. Da die De­mo­kra­ten auch 2020 oh­ne die Vor­städ­te kei­ne Chan­ce auf Wahl­sie­ge ha­ben, wä­ren sie gut be­ra­ten, die­se Skep­sis ge­gen Lin­ke und Min­der­hei­ten bei ih­rer Kan­di­da­ten­wahl ein­zu­kal­ku­lie­ren. Für ei­ne Rück­kehr ins Weis­se Haus muss die Par­tei die­se Wech­sel­wäh­ler dort ab­ho­len, wo sie heu­te ste­hen.

Star in New Or­leans

Mitch Lan­dri­eu wä­re ein schlag­kräf­ti­ger Kon­kur­rent für Trump. Der Ju­rist ist ein Mann mit Bo­den­haf­tung, ein Rea­list mit aus­ser­or­dent­li­chen Er­fol­gen beim Wie­der­auf­bau sei­ner vom Hur­ri­kan «Ka­tri­na» 2005 ver­wüs­te­ten Hei­mat­stadt. Als Bür­ger­meis­ter führ­te er New Or­leans von 2010 bis im ver­gan­ge­nen Mai zu neu­er Blü­te. Er schaff­te es, ho­he Sum­men an pri­va­ten In­ves­ti­tio­nen und Bun­des­mit­teln für New Or­leans an­zu­lo­cken. Fle­xi­bel, aber mit fes­ter Hand hat Lan­dri­eu das ewig von Kor­rup­ti­on und In­kom­pe­tenz ge­plag­te «Big Ea­sy»

Die Vor­städ­te schei­nen sich nach nor­ma­len Zu­stän­den zu seh­nen, nach An­stand, Be­re­chen­bar­keit und Kom­pe­tenz.

in ei­ne Boom­town ver­wan­delt. Oben­drein ist er schlag­fer­tig, ein ro­bus­ter Typ mit dem Flair ei­nes «Good Old Boy» aus dem Sü­den, eben der sprich­wört­li­che Po­li­ti­ker, mit dem Wäh­ler ger­ne ein­mal ein Bier trin­ken wür­den. Bei heik­len Fra­gen wie Ab­trei­bung und Ho­mo­ehe steht Lan­dri­eu zwar auf der lin­ken Li­nie sei­ner Par­tei. Aber er blen­det sol­che Reiz­the­men meis­tens aus und kon­zen­triert sich eher auf The­men wie Schaf­fung von Ar­beits­plät­zen und das Ge­mein­wohl.

Lan­dri­eu wuchs in New Or­leans mit schwar­zen Nach­barn auf und ist mit Jazz­mu­si­kern wie Wyn­ton Mar­sa­lis be­freun­det. Wie nur we­ni­ge weis­se De­mo­kra­ten im Sü­den be­kämpf­te er per­sön­lich den Hass auf Schwar­ze. Da­für wird er von Afro­ame­ri­ka­nern re­spek­tiert. Er war Ab­ge­ord­ne­ter im Lan­des­par­la­ment von Loui­sia­na, als Da­vid Du­ke dort 1989 ein­zog. Lan­dri­eu hat den Ku-klux-klan­füh­rer be­harr­lich at­ta­ckiert und als Ras­sis­ten ent­larvt. Die mu­tigs­te Tat sei­ner lan­gen Kar­rie­re kam im Früh­jahr 2017. Als Stadt­prä­si­dent liess Lan­dri­eu die gros­sen Sta­tu­en der Süd­staa­ten-ge­ne­rä­le ent­fer­nen, die im Bür­ger­krieg un­ter an­de­rem für den Er­halt der Skla­ve­rei ge­kämpft hat­ten. Das brach­te ihm in­ter­na­tio­na­le Schlag­zei­len, aber auch den Hass zahl­rei­cher Weis­ser. Lin­ke De­mo­kra­ten se­hen ihm seit­her sei­ne all­zu gros­se Nä­he zur Wirt­schaft nach.

Noch steht sein Vor­na­me aber nicht auf Wahl­sti­ckern mit der Zahl 2020. Lan­dri­eu hat ei­ne Kan­di­da­tur ge­gen Trump zwar nicht aus­ge­schlos­sen, al­ler­dings zö­gert er noch. Denn bei sei­ner Par­tei den­ken min­des­tens vier Se­na­to­rin­nen eben­falls an ei­ne Kan­di­da­tur. Kirs­ten Gil­li­brand, Ka­ma­la Har­ris, Amy Klo­buchar und Eliz­a­beth War­ren sind al­le­samt er­fah­re­ne Po­li­ti­ke­rin­nen. Aber es fehlt ih­nen die Re­gie­rungs­er­fah­rung von Lan­dri­eu. Und die­ser hät­te letzt­lich doch bes­se­re Chan­cen, Trump auch die Stim­men von weis­sen Män­nern ab­zu­ja­gen. Denn oh­ne je­ne lässt sich ei­ne sieg­rei­che Ko­ali­ti­on bei Prä­si­dent­schafts­wah­len dann doch nicht schmie­den. Das mag aus Sicht der Frau­en be­dau­er­lich sein. Aber ge­gen Trump soll­ten die De­mo­kra­ten auf Num­mer si­cher ge­hen und ganz kon­ven­tio­nell doch noch ein­mal ei­nen weis­sen Mann auf­stel­len. Und da sieht kei­ner stär­ker aus als Mitch Lan­dri­eu. Al­so: Mitch 2020! Et­wa 113 Mil­lio­nen Ame­ri­ka­ner ha­ben an die­sen Zwi­schen­wah­len teil­ge­nom­men. So vie­le wa­ren es seit 1966 nicht mehr. Da­für dürf­te vor al­lem der Wahl­kampf von Do­nald Trump ge­sorgt ha­ben. In ab­so­lu­ten Zah­len hol­ten die De­mo­kra­ten 5 Mil­lio­nen Stim­men mehr als die Re­pu­bli­ka­ner.

(New Or­leans, 6. 11. 2017)

Von heu­te aus ge­se­hen der idea­le de­mo­kra­ti­sche Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat: Mitch Lan­dri­eu, frü­he­rer Stadt­prä­si­dent von New Or­leans.

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