Ei­ne schreck­lich net­te Fa­mi­lie

Der un­ga­ri­sche Re­gie­rungs­chef hat es ge­schafft: Die Eu­ro­päi­sche Volks­par­tei ist or­ba­ni­siert

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - International - Re­mo Hess, Hel­sin­ki

Plötz­lich geht ein Ruck durch die Leu­te, die eben noch her­um­stan­den. Han­dys wer­den ge­zückt, Ka­me­ra­leu­te fah­ren die El­len­bo­gen aus. Die Men­schen­trau­be, die sich lang­sam durch das Foy­er des Ta­gungs­zen­trums schiebt, zählt an die 40 Leu­te. In de­ren Mit­te, be­tont ge­las­sen ob des gan­zen Tru­bels, schrei­tet er vor­an. «Der Sie­ger» be­deu­tet sein Na­me. Und tat­säch­lich hat der Auf­marsch von Vik­tor Or­ban am Kon­gress der eu­ro­päi­schen Christ­lich­de­mo­kra­ten die­se Wo­che in Hel­sin­ki et­was Tri­um­pha­les. Als er ne­ben der deut­schen Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel, dem ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz und den Eu-gran­den Je­an-clau­de Juncker und Do­nald Tusk auf dem Po­di­um Platz nimmt, macht der un­ga­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent ei­nen zu­frie­de­nen Ein­druck. Hier, bei der Eu­ro­päi­schen Volks­par­tei (EVP), ist er ganz bei den Sei­nen.

Da­bei war er eben noch als schwar­zes Schaf ver­schrien. Es ist erst ei­ni­ge Wo­chen her, dass die For­de­rung nach der Ver­ban­nung von Or­ban und sei­ner Fi­desz-par­tei aus dem ge­mein­sa­men Haus laut er­tön­te. Mit mass­geb­li­cher Hil­fe der Evp-ab­ge­ord­ne­ten stimm­te das Eu-par­la­ment im Sep­tem­ber da­für, ein Sank­ti­ons­ver­fah­ren ge­gen Un­garn nach Ar­ti­kel 7 des Eu-ver­trags zu er­öff­nen. Im Be­richt der vor­be­ra­ten­den Kom­mis­si­on stand schwarz auf weiss, Or­ban heb­le den Rechts­staat sys­te­ma­tisch aus, be­schnei­de die Frei­heit der Uni­ver­si­tä­ten, drang­sa­lie­re Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen und Min­der­hei­ten und to­le­rie­re Kor­rup­ti­on und In­ter­es­sens­kon­flik­te. In ei­ner Evp-in­ter­nen Aus­spra­che am Tag zu­vor soll es hoch zu­ge­gan­gen sein. Sie hät­ten bloss im­mer Är­ger mit ihm, hät­ten Evp-funk­tio­nä­re Or­ban an den Kopf ge­wor­fen. Die­ser ver­bat sich jeg­li­che Kri­tik. Man müs­se ihn so ak­zep­tie­ren, wie er sei. Punkt.

Wah­len sind wich­ti­ger

Das hat der Un­gar nun of­fen­bar er­reicht. Zwar rang sich der fran­zö­si­sche Evp-prä­si­dent Jo­seph Daul durch, Or­ban als ein «En­fant ter­ri­b­le» zu be­zeich­nen. Doch nur, um gleich wie­der ab­zu­wie­geln: Streit ge­be es halt in je­der Fa­mi­lie manch­mal. Und jetzt, wo es auf die Eu­ro­pa­wah­len im Früh­ling 2019 zu­ge­he, gel­te es zu­sam­men­zu­ste­hen.

In Wahr­heit hat Or­ban die EVP schon lan­ge auf sei­ne Li­nie ge­bracht. Von der «Or­ba­ni­sie­rung der eu­ro­päi­schen Christ­lich­de­mo­kra­tie» ist die Re­de. Wenn Ös­ter­reichs Kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz, der kon­ser­va­ti­ve Jung­star Pa­blo Ca­sa­do in Spa­ni­en oder der re­pu­bli­ka­ni­sche Rechts­aus­le­ger Lau­rent Wau­quiez in Frank­reich vom Schutz vor il­le­ga­ler Mi­gra­ti­on und von der Wie­der­be­le­bung christ­li­cher Wer­te re­den, dann zi­tie­ren sie bloss ei­ne mil­de­re Ver­si­on von Orb­ans The­men. An­ge­la Mer­kel als Ver­tre­te­rin ei­ner zen­tris­ti­schen Christ­lich­de­mo­kra­tie wird ob ih­rer Ver­diens­te zwar noch im­mer ge­schätzt und mit ste­hen­den Ova­tio­nen be­dacht. Aber die wah­re Trieb­kraft geht vom «Bad Boy» Or­ban aus, auch wenn man sei­nen Na­men ähn­lich wie Har­ry Pot­ters dunk­len Ge­gen­spie­ler Lord Vol­de­mort lie­ber nicht nennt.

Kei­ne Er­wäh­nung fin­det Orb­ans Na­me auch in der Re­so­lu­ti­on zu den christ­lich­de­mo­kra­ti­schen Grund­wer­ten, die die Evp­de­le­gier­ten in Hel­sin­ki ver­ab­schie­det ha­ben. Dies, ob­wohl dar­in in al­ler Deut­lich­keit Be­zug ge­nom­men wird auf all die Vor­wür­fe, die sich ge­gen den Brüs­sel-kri­ti­ker und eins­ti­gen Vor­kämp­fer ge­gen den Kom­mu­nis­mus mitt­ler­wei­le an­ge­häuft ha­ben. Zu le­sen ist un­ter an­de­rem von der Sor­ge über «die wach­sen­den Be­schrän­kun­gen für Ver­fas­sungs­sys­te­me, die Un­ab­hän­gig­keit der Jus­tiz, den Kampf ge­gen die Kor­rup­ti­on, die Me­di­en­frei­heit und die Zi­vil­ge­sell­schaft in meh­re­ren Mit­glied­staa­ten». Ein an­de­rer Punkt ver­langt, auf «Ver­schwö­rungs­theo­ri­en und of­fe­ne Atta­cken ge­gen die Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on, das Eu­ro­päi­sche Par­la­ment oder die eu­ro­päi­sche Zu­sam­men­ar­beit als Gan­zes» zu ver­zich­ten. Die EVP ruft ih­re Mit­glie­der da­zu auf, sich sol­chen Ent­wick­lun­gen ak­tiv ent­ge­gen­zu­stel­len und die Wer­te der li­be­ra­len De­mo­kra­tie zu ver­tei­di­gen.

Die Christ­lich­de­mo­kra­ten ge­ben sich fürs Ers­te da­mit zu­frie­den, dass Or­ban das Pa­pier mit­un­ter­schrie­ben hat. Man sei froh, ha­be die Flan­ke er­folg­reich ge­schlos­sen wer­den kön­nen, war von ei­ni­gen Evp-de­le­gier­ten ge­nüg­sam zu ver­neh­men. Man darf sich aber fra­gen, wie viel Wert so ein Pa­pier hat, wenn der­je­ni­ge, der die ne­ga­ti­ven Ent­wick­lun­gen vor­an­treibt, sei­ne Un­ter­schrift dar­un­ter­setzt.

Nur ei­ner spricht Kl­ar­text

Wer nach ex­pli­zi­ter Kri­tik am un­ga­ri­schen Re­gie­rungs­chef Aus­schau hält, muss­te in Hel­sin­ki gut hin­schau­en. Eu-rats-prä­si­dent Do­nald Tusk er­in­ner­te zwar mit mar­ki­gen Wor­ten dar­an, dass kein Christ­lich­de­mo­krat je den Rechts­staat und die un­ab­hän­gi­ge Jus­tiz in­fra­ge stel­len, Ho­mo­pho­bie und Aus­län­der­feind­lich­keit ak­zep­tie­ren kön­ne. Doch auch er ver­zich­te­te auf die di­rek­te Kon­fron­ta­ti­on. Als vi­el­leicht ein­zi­ger Par­tei­chef über­haupt nann­te der lu­xem­bur­gi­sche Csv-prä­si­dent Marc Spautz das Kind beim Na­men: «Wir sind ab­so­lut nicht ein­ver­stan­den mit dem Weg, der in Un­garn ein­ge­schla­gen wird.» Dass ihm nach sei­ner Wort­mel­dung vor al­lem Buh-ru­fe aus den Rei­hen der Or­ban-freun­de ent­ge­gen­schlu­gen, spricht Bän­de.

Was der An­ge­spro­che­ne von der Kri­tik hält, mach­te er in sei­ner Re­de gleich selbst klar: «Je­ne, die ih­re ei­ge­nen Ge­win­ner nicht wert­schät­zen, neh­men den schnells­ten Weg Rich­tung Nie­der­la­ge.» Ge­gen­über Jour­na­lis­ten be­merk­te er, dass die Fi­desz die er­folg­reichs­te Par­tei in der EVP sei. Woll­ten die Christ­lich­de­mo­kra­ten die Eu-wah­len ge­win­nen, müss­ten sie jetzt die Rei­hen schlies­sen. Or­ban: «In ei­ner Fa­mi­lie sind wir manch­mal un­ter­schied­li­cher Mei­nung, aber wir ste­hen im­mer bei­sam­men.» Die EVP hat be­grif­fen. Was das für ih­re Glaub­wür­dig­keit be­deu­tet, steht auf ei­nem an­dern Blatt.

Se­bas­ti­an Kurz

Do­nald Tusk

Evp-prä­si­dent Daul mit «En­fant ter­ri­b­le» Or­ban. (Hel­sin­ki, 8. 11. 2018)

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