Me­di­zi­ni­sche Pro­duk­te in Spi­tä­lern wer­den knapp

Es geht um über­le­bens­wich­ti­ge In­stru­men­te und Ge­rä­te: Spi­tä­ler, Be­hör­den und Her­stel­ler war­nen da­vor, dass ih­nen die Me­di­zin­pro­duk­te aus­ge­hen.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Vorderseite - Ste­fan Büh­ler

Spi­tä­ler, Arzt­pra­xen und Pfle­geinsti­tu­tio­nen se­hen die si­che­re Ver­sor­gung der Schweiz mit Me­di­zi­nal­pro­duk­ten in Ge­fahr. Es geht um In­stru­men­te für Ope­ra­tio­nen, um Im­plan­ta­te und um Tau­sen­de zum Teil le­bens­wich­ti­ge me­di­zi­ni­sche Pro­duk­te, die in der Be­hand­lung und Pfle­ge von Pa­ti­en­ten je­den Tag in gros­ser Zahl ver­wen­det wer­den. Be­reits ha­ben die Bun­des­be­hör­den die Spi­tä­ler da­zu auf­ge­ru­fen, ih­re La­ger­be­stän­de zu über­prü­fen, und vor «re­le­van­ten Ver­sor­gungs­stö­run­gen» ge­warnt. Der Ver­band der Her­stel­ler­fir­men spricht von ei­nem «heik­len Eng­pass». In Spi­tä­lern herrscht Un­si­cher­heit.

Der Grund für die dro­hen­de Ver­knap­pung ist ei­ne Re­form der Eu-ge­set­ze zur Zu­las­sung von Me­di­zin­pro­duk­ten. Die Schweiz schliesst sich die­ser Re­form an, die un­be­strit­ten ist und zu ei­ner bes­se­ren Pa­ti­en­ten­si­cher­heit füh­ren soll. Doch es ha­pert bei der Um­set­zung: Die vor­ge­schrie­be­ne Zer­ti­fi­zie­rung vie­ler Pro­duk­te ver­zö­gert sich. Zu­dem dürf­te ei­ne er­heb­li­che Zahl von Pro­duk­ten vom Markt ver­schwin­den, weil der Auf­wand für die Markt­zu­las­sung deut­lich grös­ser wird. Wel­che Ar­ti­kel be­trof­fen sein wer­den, kön­nen al­ler­dings so­gar die Her­stel­ler noch nicht sa­gen.

Esis­tein­un­fall,wieerim­win­ter oft pas­siert: Ei­ne äl­te­re Frau rutscht auf Glatt­eis aus, er­lei­det Schürf­wun­den an Hand und Kopf. Und, so ver­mu­ten die Ret­tungs­sa­ni­tä­ter, ei­nen Bruch des Schen­kel­hal­ses. Die Sa­ni­tä­ter tra­gen Un­ter­su­chungs­hand­schu­he und ver­wen­den Ver­bands­zeug. In der Not­auf­nah­me fol­gen Blut­ent­nah­men, Rönt­gen­bil­der wer­den er­stellt. Ei­ne Ope­ra­ti­on ist un­um­gäng­lich: Die Frau er­hält ein Hüft­im­plan­tat. Beim Ein­griff kom­men Ab­deck­ma­te­ri­al, Ope­ra­ti­ons­in­stru­men­te und Über­wa­chungs­ge­rä­te zum Ein­satz. Auf der Bet­ten­sta­ti­on wech­selt die Pfle­ge in den nächs­ten Ta­gen Ver­bän­de und Infu­si­ons­ma­te­ri­al.

«Ab Ein­tref­fen der Am­bu­lanz bis zur Ent­las­sung wer­den schät­zungs­wei­se 150 bis 200 ver­schie­de­ne Me­di­zin­pro­duk­te ein­ge­setzt», sagt Re­to Bu­cher. Nicht min­der hoch sind die Zah­len bei le­bens­ge­fähr­li­chen Vor­fäl­len, wie et­wa ei­nem Herz­in­farkt.

EU re­agiert auf Skan­da­le

Nor­ma­ler­wei­se ist die Ver­füg­bar­keit von Me­di­zin­pro­duk­ten kein Pro­blem. Da­für sor­gen Leu­te wie Re­to Bu­cher, er ist im Kan­tons­spi­tal Aarau zu­stän­dig für Be­schaf­fung und Lo­gis­tik. Doch im Mo­ment ist die­se Selbst­ver­ständ­lich­keit in­fra­ge ge­stellt: Den Spi­tä­lern droht in den nächs­ten Mo­na­ten und Jah­ren ein Ver­sor­gungs­eng­pass bei Me­di­zin­pro­ duk­ten. Schon im April rief das Schwei­ze­ri­sche Heil­mit­tel­in­sti­tut Swiss­me­dic die Spi­tä­ler da­zu auf, ih­re «La­ger­hal­tung be­züg­lich Ver­sor­gungs­si­cher­heit zu über­prü­fen». Im Ok­to­ber hat das Bun­des­amt für wirt­schaft­li­che Lan­des­ver­sor­gung vor «re­le­van­ten Ver­sor­gungs­stö­run­gen» ge­warnt. Der Ver­band der Schwei­zer Me­di­zin­tech­nik­fir­men, Swiss Med­tech, schreibt auf An­fra­ge von ei­nem «heik­len Eng­pass». Und in den Spi­tä­lern herrscht Un­si­cher­heit: «Wir ma­chen uns Sor­gen, ob wir durch­ge­hend über al­le not­wen­di­gen Me­di­zin­pro­duk­te ver­fü­gen wer­den», sagt Bu­cher. Auch Wer­ner Was­mer vom Kan­tons­spi­tal Lu­zern er­klärt, dass es zu Eng­päs­sen kom­men kann. Er ist Prä­ si­dent ei­ner Ein­kaufs­ko­ope­ra­ti­on von gros­sen Spi­tä­lern aus ver­schie­de­nen Kan­to­nen.

Hin­ter die­sen Sor­gen steht ei­ne Ge­set­zes­ver­schär­fung in der EU, die auch von der Schweiz über­nom­men wird. Lan­ciert wur­de die­se Re­form nach meh­re­ren Skan­da­len, wie dem Ein­satz von In­dus­trie­si­li­kon in Bru­st­im­plan­ta­ten. In der Schweiz sorg­ten ros­ti­ge Ka­nü­len für Schlag­zei­len. Mit stren­ge­ren Vor­schrif­ten soll nun die Pa­ti­en­ten­si­cher­heit er­höht wer­den. Die ent­spre­chen­den Re­for­men tre­ten ab 2020 in Kraft. Be­hör­den, Spi­tä­ler und Her­stel­ler sind sich ei­nig: Die stren­ge­ren Nor­men sind grund­sätz­lich sinn­voll, ei­ne Re­ak­ti­on auf die Skan­da­le war zwin­gend. Am gu­ten Wil­len der Be­tei­lig­ten fehlt es al­so nicht. Die dro­hen­den Ver­sor­gungs­lü­cken ha­ben viel­mehr da­mit zu tun, wie Me­di­zin­pro­duk­te auf den Markt ge­bracht wer­den: Her­stel­ler müs­sen ih­re Pro­duk­te von Kon­for­mi­täts­be­wer­tungs­stel­len zer­ti­fi­zie­ren las­sen, die wie­der­um von den Be­hör­den des Staa­tes, in dem sie ih­ren Sitz ha­ben, über­wacht wer­den.

Mit der Ge­set­zes­re­form müs­sen nun auch die­se Stel­len zu­sätz­li­che An­for­de­run­gen er­fül­len und sich neu zer­ti­fi­zie­ren las­sen. Die­ser Pro­zess ver­läuft har­zig – und die An­pas­sun­gen sind so teu­er, dass man­che Stel­len ka­pi­tu­lie­ren wer­den. Laut deut­schen Me­di­en dürf­ten 30 bis 40 Pro­zent der Zer­ti­fi­zie­rungs­stel­len in der EU ver­schwin­den. Kommt hin­zu, dass zwei der gröss­ten Zer­ti­fi­zie­rungs­stel­len in En­g­land an­ge­sie­delt sind – was der Br­ex­it für sie be­deu­tet, ist un­klar.

Pro­duk­te ver­schwin­den

Der ab­seh­ba­re Man­gel an Zer­ti­fi­zie­rungs­stel­len wür­de al­lein schon bei der Zu­las­sung al­ler neu­en Me­di­zin­pro­duk­te zu Ver­zö­ge­run­gen füh­ren. Zu­sätz­lich müs­sen aber auch vie­le be­ste­hen­de Pro­duk­te neu zer­ti­fi­ziert wer­den. Der Stau ist al­so pro­gram­miert. Und weil sich für man­che An­bie­ter die­ser Auf­wand nicht lohnt, dürf­te ein be­trächt­li­cher Teil von Me­di­zin­pro­duk­ten vom Markt ver­schwin­den. «Dar­un­ter fal­len vor al­lem – aber nicht nur – Ni­schen­pro­duk­te», schreibt Swiss Med­tech, «wie vie­le, kann zum jet­zi­gen Zeit­punkt noch nicht ge­sagt wer­den» – und das knapp ein Jahr be­vor die Re­form greift. Zur Ei­n­ord­nung: Heu­te sind rund 500 000 Me­di­zin­pro­duk­te auf dem Markt, wohl­ge­merkt oh­ne die Me­di­ka­men­te.

Es ist die­se Un­ge­wiss­heit, wel­che den Ein­käu­fern in den Spi­tä­lern Sor­gen be­rei­tet. Man ha­be den Kon­takt zu den Lie­fe­ran­ten schon vor Mo­na­ten ge­sucht, er­klä­ren Bu­cher und Was­mer – doch et­li­che von ih­nen könn­ten selbst nicht sa­gen, wie es wei­ter­ge­he. Vor­rä­te an­zu­le­gen, sei prak­tisch un­mög­lich, aus fi­nan­zi­el­len Grün­den und weil vie­le Pro­duk­te ein Ver­falls­da­tum ha­ben. Ei­ne ge­wis­se Klä­rung soll nächs­ten Don­ners­tag ei­ne Ta­gung brin­gen, ver­an­stal­tet vom Ver­band der Spi­tä­ler, Kli­ni­ken und Pfle­geinsti­tu­tio­nen im Aar­gau. Dar­an neh­men Bun­des­be­hör­den, Her­stel­ler und Ver­tre­ter der Spi­tä­ler teil. Al­ler­dings ist de­ren Hand­lungs­spiel­raum be­schränkt: Die we­sent­li­chen Ent­schei­de zur Re­form fal­len bei der Eu-kom­mis­si­on. Beim Bun­des­amt für Ge­sund­heit, das in der Schweiz da­für zu­stän­dig ist, räumt Da­ni­el Al­brecht, Lei­ter der Sek­ti­on Heil­mit­tel­recht, ein, es ge­be ei­ne Ve­r­un­si­che­rung, «aber Pa­nik ist nicht an­ge­bracht». Es hand­le sich um le­bens­wich­ti­ge Pro­duk­te, da wer­de man ei­ne Lö­sung fin­den. Ein Plan B wer­de eva­lu­iert. Im Mo­ment aber gilt noch das Prin­zip Hoff­nung.

Sind künf­tig in der Schweiz noch ge­nü­gend Me­di­zin­pro­duk­te ver­füg­bar? In­stru­men­te im Ope­ra­ti­ons­saal ei­ner Herz­chir­ur­gie.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.