Wir kau­fen lie­ber ein Tri­kot von Ro­nal­do, als ihn aus­zupfei­fen

Straf­recht­li­che Vor­wür­fe, Kun­ge­lei, Pro­fit­gier – nichts kann dem Fussball et­was an­ha­ben. Sei­ne Ak­teu­re sind ir­ri­tie­ren­der­wei­se je­der Ver­ant­wor­tung ent­ho­ben, Mit in­ter­na­tio­na­len Ab­kom­men lie­fern sich Staa­ten frem­den Be­hör­den aus

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Schweiz - Schreibt Chris­ti­ne Stef­fen

Die Ent­hül­lun­gen der Re­cher­che­platt­form Foot­ball Leaks soll­ten die Fuss­ball­welt er­schüt­tern. Sie zei­gen den Fi­fa-prä­si­den­ten Gi­an­ni In­fan­ti­no als in­tri­gan­ten Macht­men­schen, der weit da­von ent­fernt ist, den Welt­fuss­ball­ver­band zu re­for­mie­ren. Sie zei­gen die Plä­ne von sie­ben eu­ro­päi­schen Spit­zen­klubs, die mit ei­ner Su­per­li­ga noch mehr Geld schef­feln wol­len. Sie ak­zen­tu­ie­ren das Bild von macht- und raff­gie­ri­gen Or­ga­ni­sa­tio­nen und Funk­tio­nä­ren, die den Fussball bis auf den letz­ten Rap­pen aus­pres­sen. Vor ei­ner Wo­che gin­gen die Ent­hül­lun­gen um die Welt. Pas­siert ist: nichts. Nach ei­nem klei­nen un­an­ge­neh­men Schau­der hat man sich den Spie­len in der Cham­pi­ons Le­ague zu­ge­wandt.

Die Gleich­gül­tig­keit hat Sys­tem: We­der lös­te die um­strit­te­ne Ver­ga­be der WM nach Russ­land ei­ne Ab­kehr vom Tur­nier aus, noch ha­ben Be­rich­te von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen auf den Bau­stel­len des Wm-aus­rich­ters Ka­tar ernst­haf­te Kon­se­quen­zen. Mö­gen noch so vie­le un­ap­pe­tit­li­che De­tails über die Ver­wal­ter, Ver­käu­fer und Prot­ago­nis­ten des Sports an die Öf­fent­lich­keit kom­men – ih­ren Pro­duk­ten scha­den sie nicht. An­de­re in­ter­na­tio­na­le Un­ter­neh­men oder das Film­busi­ness in Hol­ly­wood büs­sen für Ver­feh­lun­gen. Nicht das Ge­schäft mit dem Fussball. Der Ver­kauf der Fern­seh­rech­te ge­ne­riert Mil­li­ar­den, die Sta­di­en sind voll. War­um ist das so?

Die Ent­wick­lung des Fuss­balls ist ei­ne un­glaub­li­che Er­folgs­ge­schich­te: In den neun­zi­ger Jah­ren ent­deck­ten die In­tel­lek­tu­el­len den Ar­bei­ter­sport als phi­lo­so­phi­sche Spiel­wie­se, im Zu­ge der Glo­ba­li­sie­rung wur­de er zur po­ten­ten Geld­ma­schi­ne, heu­te ist er Teil der Un­ter­hal­tungs­in­dus­trie, wo cle­an und fa­mi­li­en­taug­lich Emo­tio­nen kon­su­miert wer­den kön­nen. Er durch­dringt die Ge­sell­schaft auf fast un­heim­li­che Art, ist kleins­ter ge­mein­sa­mer Nen­ner, Ge­sprächs­stoff, Kitt: im Bü­ro, in der Ba­di, da­heim.

Fussball ist so er­folg­reich, weil er mit sim­pels­ten Mit­teln ei­ne enor­me Wir­kung er­zielt: Die stän­di­ge Un­ab­wäg­bar­keit des Spiels er­zeugt Dra­men. Im­mer kann al­les pas­sie­ren: Das macht das Spiel zu ei­ner Emo­ti­ons­schleu­der, und wir al­le wol­len un­se­ren Teil von den Ge­füh­len, wir wol­len Hoff­nung, Ent­täu­schung, Ek­s­ta­se. Wir wol­len die Flucht aus dem All­tag, und wir ge­nies­sen es, uns im ge­schütz­ten Rah­men ge­hen zu las­sen. Der Fussball er­laubt Er­wach­se­nen, wie­der zu Kin­dern zu wer­den, sie rei­sen mit den Pa­ni­ni-bild­chen ih­rer Söh­ne und Töch­ter in die ei­ge­ne Kind­heit zu­rück. Der Fussball schafft Iden­ti­tät, wo das Le­ben un­über­sicht­lich ge­wor­den ist: mein Klub, wir ge­gen die an­de­ren. Es ist so ein­fach. Er er­laubt, was an­dern­orts ver­pönt ist: das Ze­le­brie­ren von Na­tio­na­lis­mus, ei­nen spon­ta­nen Pa­trio­tis­mus, aus dem rea­len Le­ben längst ver­bannt. Wer möch­te dar­auf ver­zich­ten?

Die Dis­tan­zie­rung von den Ma­chen­schaf­ten der Fuss­ball­bos­se ge­lingt so gut, weil das Spiel als et­was Au­to­no­mes wahr­ge­nom­men wer­den will, als et­was Ge­nui­nes, das nie­man­dem ge­hört, ab­ge­kop­pelt vom Ap­pa­rat da­hin­ter. So wie die Spie­ler auf ih­re Rol­le als wich­tigs­te Ak­teu­re der Ins­ze­nie­rung re­du­ziert wer­den: Sie ha­ben ja kei­nen Be­ruf, der ver­ant­wor­tungs­be­wuss­tes Han­deln vor­aus­setzt; sie spie­len nur. Das be­freit sie auf ir­ri­tie­ren­de Art von den mo­ra­li­schen Mass­stä­ben, die in an­de­ren Bran­chen an­ge­setzt wer­den. Die drei Spie­ler, die in den letz­ten Jah­ren Welt­fuss­bal­ler wur­den, Lio­nel Mes­si, Cris­tia­no Ro­nal­do und Lu­ka Mod­ric, stan­den al­le we­gen Steu­er­hin­ter­zie­hung vor Ge­richt. Ge­gen Ro­nal­do läuft in den USA ei­ne Zi­vil­kla­ge we­gen Ver­ge­wal­ti­gung. In ei­ner an­de­ren Bran­che, et­wa dem Film­busi­ness, wä­re

Die Ge­fahr, dass Frau­en das Sys­tem von in­nen spren­gen wür­den wie in Hol­ly­wood, be­steht nicht: Es ist prak­tisch frau­en­frei.

Ro­nal­dos Image zer­stört ge­we­sen, hier gab es nicht ein­mal Pfif­fe von den Rän­gen.

Dass dies so ist, ba­siert auch auf ei­nem Pakt. Als das Nach­rich­ten­ma­ga­zin «Der Spie­gel» de­tail­lier­te Vor­wür­fe der Klä­ge­rin ge­gen Ro­nal­do ver­öf­fent­lich­te, re­agier­ten die Zei­tun­gen in Ita­li­en zu­erst gar nicht, dann nur zö­ger­lich. Ro­nal­do, Star von Ju­ven­tus, ist das Zug­pferd der ita­lie­ni­schen Li­ga, er lässt sie strah­len. Da­von pro­fi­tie­ren auch die Me­di­en. Nie­mand hat ein In­ter­es­se, den Fuss­ball­gott stür­zen zu se­hen. Ein Fall von Ro­nal­do wä­re aber nicht nur schlecht fürs Ge­schäft, auch wir wol­len un­se­ren Hel­den mit den Zau­ber­füs­sen nicht her­ge­ben. Da schlu­cken wir lie­ber leer und kau­fen un­se­ren Kin­dern das Tri­kot mit der Num­mer 7. Die Ge­fahr, dass Frau­en das Sys­tem von in­nen spren­gen wür­den wie in Hol­ly­wood, be­steht nicht: Es ist prak­tisch frau­en­frei.

Hin­zu kommt, dass Ver­ei­ne und Stars die Kon­trol­le über ihr Bild längst über­nom­men ha­ben. Sie kom­mu­ni­zie­ren über ih­re ei­ge­nen So­ci­al-me­dia-ka­nä­le, die Me­di­en als kri­ti­sche In­stanz sind aus­ge­schal­tet. So wird ei­ne Par­al­lel­welt mit ei­ge­nen Re­geln ge­schaf­fen.

Die Be­sit­zer des Fuss­balls fol­gen der­weil ent­schlos­sen der Spur des Gel­des. 2019 wird der ita­lie­ni­sche Su­per­cup in Sau­dia­ra­bi­en ge­spielt, die spa­ni­schen Klubs aus Gi­ro­na und Bar­ce­lo­na wol­len ihr Der­by im Ja­nu­ar nach Mia­mi ver­le­gen. Auf der Stre­cke bleibt der Fan im Sta­di­on – der mit der un­ver­brüch­li­chen Treue zu sei­nem Ver­ein. Er wird ab­ge­löst durch den Event-tou­ris­ten. Und ir­gend­wann braucht es auch die­sen nicht mehr, weil die Tv-über­tra­gung in Schanghai so­wie­so ein­träg­li­cher ist.

Bleibt ein Trost: Fussball gibt es nicht nur als Pre­mi­um-pro­dukt, son­dern auch gleich um die Ecke, im Quar­tier­klub, bei den Ju­nio­ren, den Mäd­chen und Frau­en. Mit Wurst, Bier und Ge­fühl.

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