Svp-in­itia­ti­ve ist ein Steil­pass für Au­to­kra­ten

Die Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve zielt im Kern auf die Ga­ran­ti­en der Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on. Ein Ja zur In­itia­ti­ve wä­re ein ka­ta­stro­pha­les Si­gnal an die Welt, schreibt Beat Ger­ber

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Meinungen - Beat Ger­ber

Am 25. No­vem­ber steht in der Schweiz die gröss­te Er­run­gen­schaft des Men­schen­rechts­schut­zes in Eu­ro­pa zur Dis­po­si­ti­on. Stim­men Volk und Stän­de der Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve zu, droht der sys­te­ma­ti­sche Ver­trags­bruch, ja gar die Kün­di­gung der Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EMRK). Das wä­re ein Steil­pass an au­to­ri­tä­re Re­gimes, die sich nach Mög­lich­keit von in­ter­na­tio­na­len Ver­trä­gen lö­sen wol­len, die ih­re Macht ein­schrän­ken. Wes­halb soll­ten an­de­re Län­der die Men­schen­rech­te re­spek­tie­ren, wenn sich ein Kle­in­staat wie die Schweiz mit Genf als «Welt­haupt­stadt der Men­schen­rech­te» nur noch nach Be­lie­ben an Völ­ker­recht hält?

Die Initi­an­ten der SVP ver­su­chen den Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zern die Ab­stim­mung als Aus­druck der Frei­heit schmack­haft zu ma­chen, als ul­ti­ma­ti­ves Macht­wort des Vol­kes ge­gen die an­geb­lich wach­sen­de Au­to­ri­tät frem­der Rich­ter und Eli­ten. Es muss zu den­ken ge­ben, dass auch ein Au­to­krat wie der rus­si­sche Prä­si­dent Pu­tin sei­ner Be­völ­ke­rung die Kon­trol­le über die Jus­tiz als Wie­der­er­lan­gung von Sou­ve­rä­ni­tät und na­tio­na­ler Grös­se ver­kauft hat. Men­schen­rech­te wer­den heu­te in Russ­land als et­was Frem­des an­ge­schaut, als ein Pro­dukt west­li­cher Pro­pa­gan­da. Ur­tei­le des Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te EGMR wer­den nur um­ge­setzt, wenn das ei­ge­ne Ver­fas­sungs­ge­richt zu­stimmt. Auch die Tür­kei und Aser­bai­dschan wei­gern sich no­to­risch, Ur­tei­le aus Strassburg zu ak­zep­tie­ren.

Beim in­ter­na­tio­na­len Men­schen­rechts­schutz dro­hen die Dei­che zu bre­chen. Es stellt sich im­mer drän­gen­der die Fra­ge, wel­ches Eu­ro­pa wir kom­men­den Ge­ne­ra­tio­nen über­las­sen wol­len, ein Eu­ro­pa des Völ­ker­rechts oder des Faust­rechts? Un­garns Mi­nis­ter­prä­si­dent Or­ban lässt un­ter ekla­tan­ter Ver­let­zung der Uno-flücht­lings­kon­ven­ti­on Asyl­su­chen­de am Grenz­zaun ab­wei­sen oder in La­ger sper­ren. Die na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ve Pis-re­gie­rung in Po­len ver­sucht die Un­ab­hän­gig­keit der Jus­tiz zu zer­schla­gen, in­dem sie will­fäh­ri­ge Rich­te­rin­nen und Rich­ter ein­setzt.

Doch der Druck auf die Men­schen­rech­te kommt nicht mehr nur von Au­to­kra­ten und il­li­be­ra­len Re­gie­run­gen. Die Stim­mungs­ma­che ge­gen Asyl­su­chen­de und kri­mi­nel­le Aus­län­der hat mit der EMRK ei­ne be­lieb­te Pro­jek­ti­ons­flä­che ge­fun­den. Das ist kei­ne al­lei­ni­ge Er­fin­dung der SVP. Seit Jah­ren dif­fa­mie­ren Rechts­par­tei­en in Eu­ro­pa die EMRK als «Char­ta für Kri­mi­nel­le». 2014 for­der­ten die To­ries in Gross­bri­tan­ni­en, den EGMR zu ei­nem Be­ra­tungs­gre­mi­um zu de­gra­die­ren, des­sen Ent­schei­de un­ver­bind­lich sein sol­len. Die rech­te Re­gie­rung in Dä­ne­mark ver­such­te 2017 ei­ne Re­form an­zu­stos­sen, nach der die Kon­ven­ti­on nur noch für Staats­bür­ger gel­ten soll­te – ein Fron­tal­an­griff auf die Uni­ver­sa­li­tät der Men­schen­rech­te, die ih­re Stär­ke ge­ra­de dar­aus zie­hen, dass sie für al­le gel­ten, un­ab­hän­gig von Her­kunft, Re­li­gi­on oder Eth­nie. We­nig er­staun­lich, dass auch die Al­ter­na­ti­ve für Deutsch­land (AFD) auf den Trend auf­ge­sprun­gen ist. Die deut­schen Rechts­po­pu­lis­ten ver­lan­gen, dass aus­län­di­schen Straf­tä­tern oder so­ge­nann­ten Ge­fähr­dern der Men­schen­rechts­schutz ent­zo­gen wird. «Was hat die EMRK je für uns Deut­sche ge­tan?», dröhnt es in Mei­nungs­fo­ren und Blogs.

Leicht geht ver­ges­sen, wel­che im­men­se Be­deu­tung die Kon­ven­ti­on für Men­schen hat, die Un­recht er­fah­ren. Kein an­de­rer völ­ker­recht­li­cher Ver­trag schützt den Ein­zel­nen wir­kungs­vol­ler vor staat­li­cher Will­kür. «Der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te ist die letz­te Hoff­nung für vie­le Men­schen, die in der Tür­kei un­schul­dig ver­folgt wer­den, die letz­te Ga­ran­tie, dass Ge­rech­tig­keit doch ob­siegt» sag­te mir Idil Eser, die Di­rek­to­rin von Am­nes­ty Tür­kei, die selbst mo­na­te­lang we­gen fal­scher Ter­ror­an­schul­di­gun­gen in Haft sass.

Die Schweiz wird bei ei­ner An­nah­me der Svp-in­itia­ti­ve nicht zum Will­kürstaat. Doch auch hier­zu­lan­de gab es Un­recht, das erst un­ter dem Druck der EMRK be­en­det wur­de. So wur­den et­wa Tau­sen­de von Ju­gend­li­chen und Er­wach­se­nen bis 1981 oh­ne Ge­richts­ver­hand­lung we­gen «lie­der­li­chen Le­bens­wan­dels», «Va­gan­te­rei» oder «Ar­beits­scheue» ein­ge­sperrt. Erst nach­dem 1974 die EMRK in Kraft ge­tre­ten war, sa­hen sich die Be­hör­den ge­zwun­gen, die ad­mi­nis­tra­ti­ve Ver­sor­gung ab­zu­schaf­fen.

Die Men­schen­rech­te sind in der Bun­des­ver­fas­sung nicht in Stein ge­meis­selt, sie sind viel­mehr in der Schweiz be­son­ders ver­wund­bar, da sie je­der­zeit durch Volks­in­itia­ti­ven be­schnit­ten wer­den kön­nen. Auch das Par­la­ment kann Bun­des­ge­set­ze er­las­sen, die den Rech­ten in der Ver­fas­sung wi­der­spre­chen. Fällt der Schutz durch die Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on weg, wird es in der Schweiz ein­fa­cher, auf Kos­ten von Min­der­hei­ten so­wie den ver­letz­li­chen und schwa­chen Grup­pen der Ge­sell­schaft Po­li­tik zu ma­chen. Wir ste­hen vor ei­ner Schick­sals­ab­stim­mung für die Men­schen­rech­te.

Beat Ger­ber, 42, hat in Bern und Bu­e­nos Ai­res Ge­schich­te und Po­li­tik­wis­sen­schaf­ten stu­diert. Er ist seit 2016 Pres­se­spre­cher von Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal und mit­ver­ant­wort­lich für die Men­schen­rechts­po­li­tik/ Ad­vo­ca­cy von Am­nes­ty in der Schweiz. Zu­vor war er als Jour­na­list und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­ra­ter tä­tig.

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