Der Mann gab der Hoff­nung ein Ge­sicht

Je­an Mohr, Gen­fer Fo­to­graf und welt­weit un­ter­wegs für in­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­tio­nen auf der Su­che nach Men­sch­lich­keit in­mit­ten von Elend, ist 93-jäh­rig ge­stor­ben.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Hintergrund - Von Urs Tremp

Dass ei­ner, der 1925 als Deut­scher in Genf ge­bo­ren wird, nach der Ter­ror­herr­schaft der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in Deutsch­land nicht mehr den Tauf­na­men Hans Adolf tra­gen will, kön­nen auch die Schwei­zer Be­hör­den nach­voll­zie­hen. Al­so wird aus Hans Adolf Mohr of­fi­zi­ell Je­an Mohr.

Ein Gen­fer ist Je­an Mohr oh­ne­hin von Ge­burt an. Sei­ne El­tern sind 1919 aus Deutsch­land ein­ge­wan­dert. Mit fünf Ge­schwis­tern wächst er in der Rho­ne­stadt auf. Und ein Gen­fer wird er sein Le­ben lang blei­ben – ein weit­ge­reis­ter al­ler­dings. Im­mer wie­der ist Mohr als Fo­to­graf in den Kri­sen­ge­bie­ten der Welt un­ter­wegs. «Ich bin kein Kriegs­fo­to­graf», sagt er al­ler­dings. «Ich war im­mer vor­her oder da­nach in den Kri­sen­ge­bie­ten.» Das ist er auch den Auf­trag­ge­bern schul­dig. Oft sind es in­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­tio­nen, die ihn schi­cken, um zu do­ku­men­tie­ren, dass es auch Hoff­nung gibt, al­lem Elend und al­ler Ge­walt zum Trotz. Tat­säch­lich ge­lingt es Mohr, nicht schön­fär­be­risch das Elend zu ka­schie­ren, son­dern im All­tag ei­ner ver­sehr­ten Welt Men­sch­lich­keit und Zu­ver­sicht zu ent­de­cken und fest­zu­hal­ten.

In den sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jah­ren ist Je­an Mohr in der gan­zen Welt un­ter­wegs: Er fo­to­gra­fiert Men­schen in Mo­çam­bi­que, Al­ge­ri­en, Viet­nam oder Ko­rea – ei­ner «hu­ma­nis­ti­schen Fo­to­gra­fie» ver­pflich­tet: hin­schau­en, um et­was zu be­wir­ken.

Dass er Fo­to­graf wer­den wür­de, ist nicht in der Ju­gend an­ge­legt. Je­an Mohr ab­sol­viert ein Wirt­schafts­stu­di­um. Er ar­bei­tet da­nach für das In­ter­na­tio­na­le Ko­mi­tee vom Ro­ten Kreuz (IKRK) im Na­hen Os­ten. Zur Fo­to­gra­fie kommt er über die Ma­le­rei. In Pa­ris be­sucht er An­fang der fünf­zi­ger Jah­re ei­ne Kunst­schu­le, wird dort aber mehr und mehr von der Fo­to­gra­fie an­ge­zo­gen. Tat­säch­lich kann er sei­ne Bil­der bald an Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten ver­kau­fen. Das macht ihn so selbst­be­wusst, dass er die Fo­to­gra­fi­en dem gros­sen Hen­ri Car­tier-bres­son von der Agen­tur Ma­gnum vor­legt. Zwar rät ihm die­ser, als Öko­nom das Geld doch lie­ber in der Wirt­schaft zu ver­die­nen und nur am Sonn­tag zu fo­to­gra­fie­ren. Aber Mohr hat sich ent­schie­den, und Car­tier-bres­sons we­nig schmei­chel­haf­ter Rat hält ihn nicht da­von ab. Ab 30 ist er haupt­be­ruf­lich Fo­to­graf.

Dass der eng­li­sche Kunst­kri­ti­ker, Es­say­ist und Ro­man­au­tor John Ber­ger in den sech­zi­ger Jah­ren zeit­wei­se in der West­schweiz und spä­ter fest in der fran­zö­si­schen Nach­bar­schaft lebt, ist für Mohr ein glück­li­cher und weg­wei­sen­der Zu­fall. Ber­ger, der An­fang der sieb­zi­ger Jah­re mit sei­nem Film­es­say «Ways of Se­eing» (spä­ter auch als Buch ver­öf­fent­licht) das Ver­ständ­nis von Kunst und Kul­tur in brei­ten Krei­sen nach­hal­tig prä­gen wird und das Schau­en als po­li­ti­schen Akt ver­ständ­lich macht, wird zu ei­nem Freund und Mit­strei­ter. 1967 il­lus­triert Mohr Ber­gers «Ge­schich­te ei­nes Lan­d­arz­tes» («A Fort­u­na­te Man»), ei­nen ein­drück­li­chen Es­say über den eng­li­schen Pro­vinz­arzt John Sas­sall, der in der süd­west­eng­li­schen Graf­schaft Glouces­tershire wie in ei­ner längst ver­gan­ge­nen Zeit für sei­ne Pa­ti­en­ten un­ter­wegs ist. Mohrs (20. Ju­ni 2013) Fo­to­gra­fi­en von Arzt, Pa­ti­en­ten und der eng­li­schen Land­schaft sol­len Ber­ger der­art be­ein­druckt ha­ben, dass er sei­nen Text mehr­fach um­ge­schrie­ben ha­be, «um den Bil­dern et­was an­nä­hernd Ad­äqua­tes bei­zu­fü­gen». Am En­de wer­den John Ber­ger und Je­an Mohr ge­mein­sam fünf Bü­cher ver­öf­fent­licht ha­ben – un­ter an­de­rem «A Seventh Man», ei­ne Re­por­ta­ge über tür­ki­sche Wan­der­ar­bei­ter in Deutsch­land.

Als Mohr 1971 als längst ar­ri­vier­ter Fo­to­graf in der So­wjet­uni­on un­ter an­de­rem den Künst­ler Ernst Neis­west­ny und sein Werk fo­to­gra­fiert, neh­men ihm die so­wje­ti­schen Be­hör­den vor der Rück­rei­se das Fo­to­ma­te­ri­al weg. Neis­west­nys Bil­der sei­en «por­no­gra­fisch». Zwan­zig Jah­re spä­ter, im post­so­wje­ti­schen Russ­land, macht Mohr sich noch ein­mal auf nach Mos­kau. Er sucht nach den be­schlag­nahm­ten Ne­ga­ti­ven, vor al­lem aber be­sucht er noch ein­mal die einst dis­si­den­ten Künst­ler. Vil­li Her­mann dreht dar­über ei­nen Film: «En voya­ge avec Je­an Mohr».

Je­an Mohr ist zwar ein Rei­sen­der, aber er ist auch Ehe­mann und Fa­mi­li­en­va­ter. Mit sei­ner Frau, ei­ner Ita­lie­ne­rin, ist er schliess­lich mehr als 60 Jah­re lang ver­hei­ra­tet.

Es dau­ert sehr lan­ge, bis Mohr von der ana­lo­gen zur di­gi­ta­len Fo­to­gra­fie wech­selt. An­ders als vie­le der Kol­le­gen aus sei­ner Ge­ne­ra­ti­on ver­fällt er al­ler­dings nicht ei­nem Kul­tur­pes­si­mis­mus. Dass das Smart­pho­ne in der Fo­to­gra­fie die Gren­ze zwi­schen Ama­teu­ren und Pro­fis ver­wischt, dar­in sieht er auch ein Po­ten­zi­al für gu­te Fo­to­gra­fie. Mit dem ei­ge­nen Alt­wer­den ha­dert er eben­so we­nig wie mit den tech­ni­schen Um­brü­chen. Im Ge­gen­teil: «Das Al­ter ist oft ei­ne Zeit der ge­seg­ne­ten Krea­ti­vi­tät, weil es ru­hig ist.»

Be­reits hoch­be­tagt, er­lebt Mohr noch die Aus­stel­lung «Krieg aus Sicht der Op­fer». Sie wird von der Eid­ge­nos­sen­schaft in­iti­iert und in über 50 Län­dern ge­zeigt. We­ni­ge Mo­na­te vor sei­nem Tod er­öff­net Je­an Mohr zu­sam­men mit sei­ner Frau ei­ne gros­se Fo­to­aus­stel­lung in Genf. Er ist ei­ner der ganz we­ni­gen Künst­ler, die zu Leb­zei­ten in al­len gros­sen Mu­se­en der Stadt Genf ih­re Wer­ke zei­gen konn­ten. Je­an Mohr stirbt in ei­nem Spi­tal in Genf. Sein Nach­lass be­fin­det sich im Mu­sée de l’ely­sée in Lau­sanne.

Fo­to­graf Je­an Mohr mit ei­nem sei­ner Wer­ke beim 150-Jahr-ju­bi­lä­um der Rot­kreuz­be­we­gung in Genf.

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