Er hat Mi­cro­soft wie­der gross ge­macht

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Wirtschaft Microsoft - (stä.)

NZZ am Sonn­tag: Mi­cro­soft grün­det in Zü­rich ein Lab für ma­schi­nel­les Se­hen. Das ist ein we­sent­li­cher Fak­tor für künst­li­che In­tel­li­genz oder KI. Wie­so Zü­rich?

Sa­tya Na­del­la: Wir ha­ben ei­ne lan­ge Ge­schich­te an For­schungs­part­ner­schaf­ten mit den bei­den ETH. Na­tür­lich hat es auch ge­hol­fen, dass der Lei­ter des Labs, Eth-pro­fes­sor Marc Polle­feys, meh­re­re Jah­re am Mi­cro­soft-haupt­sitz ver­bracht und dort an un­se­rer Com­pu­ter­bril­le Ho­lo­lens ge­forscht hat. Dass er nun an die ETH Zü­rich zu­rück­ge­kehrt ist, war der ei­gent­li­che Ka­ta­ly­sa­tor für uns, ein La­bo­ra­to­ri­um zu grün­den, das auf die Welt­klas­se-for­schung zu­rück­grei­fen kann, die hier statt­fin­det.

Wie kön­nen Schwei­zer Un­ter­neh­men von den Fort­schrit­ten in der KI pro­fi­tie­ren?

KI wird künf­tig ein na­tür­li­cher Be­stand­teil ei­nes je­den Pro­dukts sein. Heu­te fragt ja auch nie­mand mehr, was ei­ne gra­fi­sche Be­nut­zer­ober­flä­che ist oder wie­so es Apps für Mo­bil­ge­rä­te gibt. Wenn Sie et­wa in der Phar­ma­for­schung tä­tig sind, wer­den Sie in na­tür­li­cher Spra­che mit Ih­ren Ma­schi­nen spre­chen kön­nen und so die wis­sen­schaft­li­che Ar­beit be­schleu­ni­gen. Wenn Sie im Fi­nanz­sek­tor ar­bei­ten, wer­den Sie die­se Tech­no­lo­gi­en ein­set­zen, um mit Kun­den zu kom­mu­ni­zie­ren oder um Ri­si­ken zu be­rech­nen. Die Fä­hig­kei­ten der KI sind Baustein­tech­no­lo­gi­en der Zu­kunft.

Sie sa­gen oft, Mi­cro­soft wol­le die KI de­mo­kra­ti­sie­ren. Heisst das, dass Sie Ent­wick­lern und Fir­men al­le Ih­re Tech­no­lo­gi­en und die Re­chen­leis­tung Ih­rer Cloud­com­pu­ter zu­gäng­lich ma­chen?

Ja, es soll nicht KI für die we­ni­gen sein. Die­se Tech­no­lo­gi­en wer­den je­dem Ent­wick­ler, je­dem Star­t­up, je­der In­sti­tu­ti­on zur Ver­fü­gung ste­hen, um die Er­geb­nis­se für Kun­den und Mit­ar­bei­ter zu ver­bes­sern. Ich tre­te et­wa lei­den­schaft­lich da­für ein, dass KI ge­nutzt wird, um Chan­cen zu schaf­fen für die welt­weit mehr als 1 Mrd. Men­schen mit Be­hin­de­run­gen.

Wie das?

Die von uns ge­schaf­fe­nen Werk­zeu­ge ver­än­dern die Fä­hig­kei­ten die­ser Leu­te und er­mög­li­chen es ih­nen, voll an Ge­sell­schaft und Wirt­schaft teil­zu­ha­ben. Das ist al­so ein gu­tes Bei­spiel da­für, wie man KI de­mo­kra­ti­siert. Es be­deu­tet auch, dass Star­tups die in Zü­rich ent­wi­ckel­te Com­pu­ter-vi­si­on-tech­no­lo­gie nut­zen kön­nen, um ih­re ei­ge­ne Art von Spit­zen­tech­no­lo­gie zu ent­wi­ckeln.

Wer­den Sie Ki-werk­zeu­ge auch Win­dows­ oder Of­fice­nut­zern zur Ver­fü­gung stel­len?

Ja, wir bau­en Ki-fä­hig­kei­ten in je­des un­se­rer Pro­duk­te ein. In Win­dows ha­ben wir et­wa «Eye Ga­ze» – Sie kön­nen da­mit buch­stäb­lich mit den Au­gen tip­pen. Wir ha­ben un­se­re Sprach­steue­rung Corta­na ein­ge­baut. Die­se be­nach­rich­tigt oder er­in­nert mich pro­ak­tiv an Ver­pflich­tun­gen, selbst wenn ich die­se in ei­nem E-mail-ver­kehr ein­ge­gan­gen bin. Wir bau­en Ki-fä­hig­kei­ten in die Bü­ro­soft­ware Of­fice ein: Wenn Sie in der Schweiz ei­ne Sit­zung durch­füh­ren, kön­nen sie das dort Ge­sag­te durch «Sky­pe for Busi­ness» in Echt­zeit tran­skri­bie­ren und in al­le Spra­chen über­set­zen las­sen, die in der Schweiz ge­spro­chen wer­den. Gleich­zei­tig stel­len wir die­se Funk­tio­nen auch Ent­wick­lern zur Ver­fü­gung. Das ist ei­ne ein­zig­ar­ti­ge Ei­gen­schaft von Mi­cro­soft: Die Baustei­ne von Sprach­er­ken­nung oder Com­pu­ter Vi­si­on, die wir in Xbox, Of­fice, Win­dows oder Corta­na ein­bau­en, sind die­sel­ben, die auch je­des Star­t­up nut­zen kann.

Wo liegt Ih­re Ver­ant­wor­tung, si­cher­zu­stel­len, dass KI nur für gu­te Zwe­cke ge­nutzt wird – et­wa bei der Ge­sichts­er­ken­nung?

Es be­ginnt mit ei­ner Rei­he von De­sign­prin­zi­pi­en. Das wich­tigs­te ist, ei­ne KI zu schaf­fen, die die mensch­li­chen Fä­hig­kei­ten er­wei­tert und nicht den Men­schen er­setzt. Dar­über hin­aus ha­ben wir bei Mi­cro­soft ei­ne Rei­he von Grund­sät­zen ge­schaf­fen, um ei­ne gu­te KI zu bau­en. Es darf et­wa nicht vor­kom­men, dass KI dis­kri­mi­niert.

Was mei­nen Sie da­mit?

Sprach­mo­del­le zum Bei­spiel wer­den trai­niert, in­dem man sie buch­stäb­lich mit Text­samm­lun­gen füt­tert. Da wir aber wis­sen, dass Men­schen zum Teil ei­ne dis­kri­mi­nie­ren­de Spra­che ver­wen­den, in der ih­re Vor­ein­ge­nom­men­heit zum Aus­druck kommt, ha­ben wir ei­ne Art au­to­ma­ti­sches Feh­ler­kor­rek­tur-pro­gramm für KI ge­schaf­fen. Un­se­re Ver­ant­wor­tung hört aber nicht da­mit auf, ei­ne gu­te KI zu bau­en. Wir müs­sen ei­ne Ethik für die kon­kre­ten An­wen­dungs­fäl­le ha­ben. Uns fra­gen: Von wem wird KI be­nutzt? Was ist des­sen Bi­lanz be­züg­lich Men­schen­rech­te? Ist un­ser Mo­dell für die­sen kon­kre­ten An­wen­dungs­fall ro­bust ge­nug?

Wür­den Sie ei­nem au­to­ri­tä­ren Re­gime, das ge­gen die Men­schen­rech­te ver­stösst, Ih­re Ki-diens­te ver­wei­gern?

Ab­so­lut, und das be­schränkt sich nicht auf KI. Wenn wir zum Bei­spiel er­wä­gen, in ei­nem Land ein Da­ten­cen­ter zu er­öff­nen, ge­hen wir vor­her über die Bü­cher und über­prü­fen die Men­schen­rechts­la­ge.

Mi­cro­soft nimmt trotz Pro­tes­ten der ei­ge­nen Mit­ar­bei­ter an ei­ner 10-Mrd.­$­aus­schrei­bung des Us-ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums teil. Wie­so?

Die La­ge ist für uns sehr klar: Wir ar­bei­ten schon seit über 40 Jah­ren mit dem Us-ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um zu­sam­men und wer­den das auch wei­ter­hin tun. Die­ses un­ter­steht ei­ner zi­vi­len Auf­sicht durch de­mo­kra­ti­sche In­sti­tu­tio­nen mit ei­ge­nen ethi­schen Mass­stä­ben, et­wa, was ato­ma­re oder che­mi­sche Waf­fen an­geht.

Es ist nicht das­sel­be, ob ein Mi­nis­te­ri­um Word ver­wen­det oder KI, die er­mög­licht, ein­zel­ne Per­so­nen zu iden­ti­fi­zie­ren, um sie dann ge­zielt zu tö­ten.

Wir wer­den si­cher­stel­len, dass die Us-re­gie­rung und an­de­re star­ke De­mo­kra­ti­en un­se­re Tech­no­lo­gie ver­wen­den kön­nen, um ih­re Bür­ger zu be­schüt­zen. Es wä­re falsch, als Fir­ma zu sa­gen: «Wir ar­bei­ten nicht mit sol­chen Län­dern zu­sam­men.»

Soll­te KI re­gu­liert wer­den?

Es gibt drei gros­se Her­aus­for­de­run­gen bei di­gi­ta­len Tech­no­lo­gi­en: Pri­vat­sphä­re, Cy­ber­se­cu­ri­ty und der Um­gang mit KI. Be­vor die eu­ro­päi­sche Da­ten­schutz-grund­ver­ord­nung ein­ge­führt wur­de, muss­ten wir uns im Be­reich Da­ten-pri­vat­sphä­re Bis 2014 war Mi­cro­soft ei­ne Art Sek­te, die ein ein­fa­ches Evan­ge­li­um ver­kün­de­te: Se­lig mach­ten al­lein Win­dows und Of­fice. Al­le an­de­re Soft­ware war des Teu­fels. Doch dann über­nahm Sa­tya Na­del­la als CEO von Ste­ve Ball­mer und trimm­te die Or­ga­ni­sa­ti­on auf Of­fen­heit. Er pro­kla­mier­te et­wa: «Mi­cro­soft liebt Li­nux» – die vor­her als Hä­re­sie ver­folg­te Open-sour­ce-soft­ware. Der 1967 in Hy­derabad ge­bo­re­ne Na­del­la war schon 1992 in die Diens­te von Mi­cro­soft ge­tre­ten und wirk­te zu­letzt als Lei­ter des Cloud-ge­schäfts. Mi­cro­soft ist (der­zeit) nach App­le die wert­volls­te Fir­ma mit ei­ner Bör­sen­ka­pi­ta­li­sie­rung von rund 860 Mrd. $.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.