Er spielt Er­neue­rer

Gaf­ur Ra­chi­mow wer­den Ver­bin­dun­gen zur or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät nach­ge­sagt. Trotz­dem ist er nun Prä­si­dent der olym­pi­schen Bo­xer. Selbst IOK-CHEF Tho­mas Bach ist be­sorgt.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Im Fokus - Von Ber­tram Job

Die An­sa­ge war ein­deu­tig. «Ei­ne brand­neue Ära» wer­de der Box­sport er­le­ben, ver­sprach Gaf­ur Ra­chi­mow am ver­gan­ge­nen Sams­tag im Ban­kett­saal ei­nes Mos­kau­er Lu­xus­ho­tels, nach­dem ihn 84 der 137 De­le­gier­ten zum neu­en Prä­si­den­ten der «As­so­cia­ti­on In­ter­na­tio­na­le de Bo­xe» (Ai­ba) ge­wählt hat­ten. Mit Un­ter­stüt­zung des Exe­ku­tiv­ko­mi­tees so­wie der na­tio­na­len Ver­bän­de wer­de er den Fort­schritt vor­an­trei­ben, der im Welt­ver­band der olym­pi­schen Bo­xer be­reits ein­ge­lei­tet wor­den sei. Wo­mit nur die Zeit seit letz­tem Ja­nu­ar ge­meint sein kann, als der 66-jäh­ri­ge Us­be­ke bei ei­ner Dring­lich­keits­sit­zung in Du­bai ei­lig vom Vi­ze- zum In­te­rims-prä­si­den­ten be­för­dert wur­de – qua­si in der Mit­tags­pau­se, wie In­si­der kol­por­tier­ten.

Es ist ei­ne gän­gi­ge Po­se, sich mit fri­scher Un­ter­stüt­zung im Rü­cken als Er­neue­rer der ge­mein­sa­men Sa­che zu in­sze­nie­ren. Ge­ra­de in die­sem Fall aber tür­men sich Be­den­ken nicht erst seit dem Wah­l­er­geb­nis auf. Dem re­de­ge­wand­ten Mann, der die hoch­ver­schul­de­te Da­ch­or­ga­ni­sa­ti­on durch ei­nen Pro­zess der in­ne­ren Rei­ni­gung füh­ren möch­te, sa­gen kri­ti­sche Be­ob­ach­ter schmut­zi­ge Ge­schäf­te nach.

Das ame­ri­ka­ni­sche Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um will in ihm so­gar «ei­nen der füh­ren­den Kri­mi­nel­len Us­be­kis­tans» aus­ge­macht ha­ben, wes­halb sei­ne Kon­ten in der neu­en Welt ein­ge­fro­ren sind. Nicht erst seit ges­tern rech­net man den ehe­ma­li­gen Box-coach dem He­ro­in­han­del zu. Aus­ser­dem soll er Mit­glied bei den «Thie­ves in Law» sein – ei­ner be­rüch­tig­ten eu­ra­si­schen Un­ter­grund­or­ga­ni­sa­ti­on mit dem Ge­schäfts­zweck der or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät.

Wenn nur ein Bruch­teil die­ser An­schul­di­gun­gen zu­trifft, wä­re das in der Tat so, «als lies­se man ei­nen Fuchs die Hüh­ner im Stall be­wa­chen», wie der Sen­der Ra­dio Free Eu­ro­pe zur Cau­sa Ra­chi­mow for­mu­lier­te. Doch für den neu­en obers­ten Funk­tio­när ist das al­les nur üb­le Nach­re­de, wie er seit Jahr und Tag ver­si­chert: ei­ne per­fi­de Kam­pa­gne, die in den nächs­ten Mo­na­ten vom Tisch sein wer­de.

Im­mer­hin ist er noch für kein De­likt rechts­kräf­tig ver­ur­teilt wor­den; meh­re­re Ver­leum­dungs­kla­gen gin­gen zu sei­nen Guns­ten aus. Das ist das Pfund, mit dem der ge­wief­te Netz­wer­ker auch bei den Wah­len in Mos­kau wu­cher­te, als mit dem 59-jäh­ri­gen Ka­sa­chen Se­rik Konak­bay­ew in letz­ter Se­kun­de ein un­be­las­te­ter Ge­gen­kan­di­dat an­trat.

Ra­chi­mow hat an­ge­kün­digt, sich um mehr Trans­pa­renz bei den Fi­nan­zen zu küm­mern. Ge­mäss Schät­zun­gen steht der Ver­band der­zeit mit 30 Mil­lio­nen Dol­lar in der Krei­de; al­lein 10 da­von sol­len auf den omi­nö­sen Kre­dit ei­nes Bau­kon­zerns aus Aser­bai­dschan Der 67-Jäh­ri­ge war als Ju­ni­or selbst Bo­xer, wur­de je­doch schon früh Trai­ner, Spon­sor und Funk­tio­när. Seit 2002 fun­gier­te Gaf­ur Ra­chi­mow als Vi­ze­prä­si­dent der Ai­ba, be­vor er ver­gan­ge­nes Wo­chen­en­de ihr neu­er Prä­si­dent wur­de. Aus­ser­dem war Ra­chi­mow Vi­ze­prä­si­dent des Na­tio­na­len Olym­pi­schen Ko­mi­tees von Us­be­kis­tan. Er hat Wohn­sit­ze in Mos­kau und Du­bai. Der Us­be­ke hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zahl­rei­che Ver­leum­dungs­kla­gen ge­won­nen. ent­fal­len. Aus­ser­dem möch­te er die «In­te­gri­tät» der Ai­ba aus­bau­en, die zu­letzt ge­lit­ten hat, und nicht zu­letzt die «Glaub­wür­dig­keit» beim In­ter­na­tio­na­len Olym­pi­schen Ko­mi­tee (IOK). Ge­ra­de dort aber sit­zen die gröss­ten Skep­ti­ker, was sei­nen per­sön­li­chen Ruf be­trifft. Na­ment­lich Iok-prä­si­dent Tho­mas Bach, der sich be­reits bei der Er­nen­nung Ra­chi­mows zum In­te­rims-prä­si­den­ten «äus­serst be­sorgt» gab – und um­ge­hend ei­ne in­ter­ne Un­ter­su­chung der Vor­gän­ge in der Ai­ba in­iti­ier­te.

Schon zu Olym­pia 2000 wur­de Ra­chi­mow zur un­er­wünsch­ten Per­son er­klärt und von den Spie­len fern­ge­hal­ten. Nun geht im IOK die Angst um, dass die Personalie das Image des ge­sam­ten Sports be­schä­di­gen könn­te. Mit dem Ver­such, den Ge­gen­kan­di­da­ten we­gen spä­ter Mel­dung in Mos­kau nicht zu­zu­las­sen, ha­ben der Ver­band und sein bis da­to ein­zi­ger Kan­di­dat auch kei­nen Be­weis für ei­nen Wech­sel im Füh­rungs­stil ab­ge­lie­fert. Nun blei­ben vor­ge­se­he­ne Zu­schüs­se einst­wei­len ge­sperrt; här­te­re Mass­nah­men bis zum Aus­schluss aus dem IOK sind aus­drück­lich vor­be­hal­ten. Dann wür­de das nächs­te olym­pi­sche Box­t­ur­nier vi­el­leicht statt­fin­den, aber si­cher nicht un­ter Lei­tung der Ai­ba.

Der da auf­räu­men will, ist tat­säch­lich in vie­len Wel­ten zu Hau­se. Mit der Un­ab­hän­gig­keit Us­be­kis­tans (1991) stieg Ra­chi­mow zum in­ter­na­tio­na­len Händ­ler von Kon­sum­gü­tern und Roh­stof­fen auf. Er ge­noss den Schutz des da­ma­li­gen Prä­si­den­ten Is­lam Ka­ri­mow und pfleg­te so lan­ge Kon­tak­te zu zwie­lich­ti­gen Olig­ar­chen, bis er selbst so et­was war: mil­lio­nen­schwe­rer Ma­gnat, Spon­sor von Kampf- und Kraft­sport­ar­ten so­wie ein­fluss­rei­cher Funk­tio­när. Auch am us­be­ki­schen Han­dels­kon­sor­ti­um Ze­ro­max soll er zu­nächst be­tei­ligt ge­we­sen sein, be­vor Ka­ri­mows Toch­ter Gul­ja­na des­sen Haupt­sitz ins schwei­ze­ri­sche Zug ver­leg­te. Fünf Jah­re dar­auf ging das Un­ter­neh­men plei­te, es soll Mil­li­ar­den Fran­ken Schul­den ge­habt ha­ben.

Es ist al­so nicht schwer, Ra­chi­mows Kar­rie­re un­durch­sich­tig zu fin­den. Doch er ist als Funk­tio­när und Stra­te­ge ge­schickt ge­nug ge­we­sen, zu­nächst ein­mal al­le Zweif­ler in der Ai­ba zu be­ru­hi­gen. Soll­te er wei­ter un­ter Ver­dacht blei­ben, so ver­sprach er in Mos­kau, kön­ne er sein Amt bis zur Klä­rung bei Be­darf ru­hen las­sen. Die Bot­schaft da­hin­ter ist klar: Nur noch ein Weil­chen, dann ha­ben sich al­le Un­ter­stel­lun­gen in nichts auf­ge­löst.

Das Us-fi­nanz­mi­nis­te­ri­um sieht in Gaf­ur Ra­chi­mow «ei­nen der füh­ren­den Kri­mi­nel­len Us­be­kis­tans». (Mos­kau, 3. No­vem­ber 2018)Für den neu­en obers­ten Funk­tio­när ist das al­les nur üb­le Nach­re­de, wie er seit Jahr und Tag ver­si­chert: ei­ne per­fi­de Kam­pa­gne.

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