Sich beim Sport an Wer­ten ori­en­tie­ren

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Freizeitsport - Ro­ma­na Feld­mann

Im­mer wie­der fra­gen mich Sport­ler, wie sie den per­sön­li­chen Druck vor ei­nem Wett­kampf re­du­zie­ren kön­nen. Sie be­we­gen sich ger­ne und ha­ben Freu­de am Trai­ning, sie or­ga­ni­sie­ren sich die da­für not­wen­di­ge Zeit – doch so­bald sie sich für ei­nen Wett­kampf an­mel­den und die Früch­te des Trai­nings ern­ten wol­len, schlägt die Freu­de in Ver­bis­sen­heit um, vom Wol­len ins Müs­sen.

Ich fra­ge je­weils nach, wes­halb sie Sport trei­ben: um ge­sund zu blei­ben? Als Aus­gleich zum Ar­beits­all­tag? Um Gleich­ge­sinn­te zu tref­fen? Aus pu­rer Freu­de an der Be­we­gung? Oder weil sie sich ger­ne mit an­de­ren mes­sen? Ei­ne Stu­die der Uni­ver­si­tät Bern konn­te ver­schie­de­ne «Sport­ty­pen» und da­hin­ter lie­gen­de Mo­ti­ve eru­ie­ren. Es zeig­te sich, dass nur für we­ni­ge Sport­trei­ben­de das Wett­ei­fern im Vor­der­grund steht. Al­so soll­ten Sie sich fra­gen: Will ich mich über­haupt mit an­de­ren mes­sen? Wer oder was drängt mich al­len­falls da­zu? Vi­el­leicht kön­nen Sie näm­lich oh­ne Wett­kampf ge­nau­so viel Freu­de am Trai­ning ha­ben, dran­blei­ben und Fort­schrit­te ma­chen.

Vie­len Sport­lern hel­fen Wett­kämp­fe je­doch da­bei, sich ei­ne Trai­nings­struk­tur zu schaf­fen und sich für re­gel­mäs­si­ges Trai­ning zu mo­ti­vie­ren. Wer ein Ziel vor Au­gen hat, er­kennt den Weg dort­hin kla­rer und die Um­set­zung fällt leich­ter, auch wenn sich Hin­der­nis­se wie Re­gen­wet­ter oder Mü­dig­keit in den Weg stel­len.

Um sich nicht vom Er­folgs­druck die Freu­de neh­men zu las­sen, kann es hilf­reich sein, sich des Un­ter­schieds zwi­schen Wer­ten und Zie­len be­wusst zu wer­den. Wer­te sind wie Leucht­tür­me: Sie ge­ben ei­ne Rich­tung an, an wel­cher wir uns ori­en­tie­ren kön­nen. Wer­te – et­wa «ei­nen ge­sun­den Le­bens­stil pfle­gen» – kön­nen wir aber nicht wirk­lich er­rei­chen. An­ders bei Zie­len: Zie­le sind wie Mei­len­stei­ne auf dem Weg zu den Wer­ten. Zie­le kön­nen wir er­rei­chen, wie et­wa ei­nen Halb­ma­ra­thon un­ter zwei Stun­den zu lau­fen. Wir kön­nen da­bei aber auch ein­mal schei­tern, oh­ne je­doch den Leucht­turm aus den Au­gen zu ver­lie­ren. Das re­du­ziert den Druck.

Falls Sie sich jetzt da­zu ent­schei­den, sich dem Wett­kampf zu stel­len, dann gilt es, «SMAR­TE» Zie­le und Zwi­schen­zie­le zu de­fi­nie­ren (spe­zi­fisch, mess­bar, an­pass­bar, ter­mi­niert) und sich auf die Auf­ga­ben und den Pro­zess zu kon­zen­trie­ren, statt nur das Er­geb­nis im Fo­kus zu ha­ben. Men­ta­le Stra­te­gi­en wie Ge­dan­ken­kon­trol­le, Vi­sua­li­sie­rung oder Auf­merk­sam­keits­len­kung hel­fen da­bei, den Kurs zu hal­ten.

Ro­ma­na Feld­mann ist selb­stän­di­ge Sport­psy­cho­lo­gin und bie­tet Coa­chings und Re­fe­ra­te für Sport­ler und Per­so­nen aus der Pri­vat­wirt­schaft an.

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