Wer hat, dem wird ge­ge­ben

Der Er­folg ei­nes Künst­lers hängt nicht von der Qua­li­tät sei­ner Wer­ke ab, son­dern da­von, ob er Zu­gang zu den pres­ti­ge­träch­ti­gen Mu­se­en und Ga­le­ri­en hat.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Wissen - Patrick Im­has­ly

Kunst ist Ge­schmacks­sa­che, ob aber ein Künst­ler mit sei­nen Wer­ken Er­folg hat, lässt sich er­staun­lich prä­zi­se vor­her­sa­gen. Wer es mit sei­nen ers­ten fünf Wer­ken in Top-kunst­in­sti­tu­tio­nen wie das Gug­gen­heim-mu­se­um in New York oder in die Ga­gosi­an Gal­le­ry schafft, der muss sich um sei­nen Ruf als Künst­ler kei­ne Sor­gen mehr ma­chen. Für den Rest sei­nes Le­bens wer­den sei­ne Wer­ke zwi­schen den re­nom­mier­tes­ten Kunst­in­sti­tu­tio­nen hin und her ge­scho­ben und er­zie­len da­bei kon­stant ho­he Prei­se. Künst­ler, die nicht von al­lem An­fang an zu solch aus­er­wähl­ten Zir­keln ge­hö­ren, ha­ben in­des­sen kaum Auf­stiegs­chan­cen. Zu die­sem Schluss kommt die Stu­die ei­nes in­ter­na­tio­na­len Teams im Wis­sen­schafts­ma­ga­zin «Sci­ence», das die Ver­bin­dun­gen im welt­wei­ten Kunst­markt ein­ge­hend un­ter­sucht hat.

«Für ei­nen Künst­ler gibt es er­schre­ckend we­nig We­ge zum Er­folg», sagt Co-au­tor Magnus Resch, Do­zent für Krea­ti­vi­tät an der Uni­ver­si­tät St. Gallen. Der In­ter­net-un­ter­neh­mer hat vor ein paar Jah­ren die App Magnus ge­grün­det – ei­ne Art Shazam für den Kunst­markt. Fo­to­gra­fiert man mit die­ser App ein aus­ge­stell­tes Kunst­werk, er­hält man Da­ten zu Künst­ler, Prei­sen, Auk­tio­nen oder Aus­stel­lun­gen. In der zu­ge­hö­ri­gen Da­ten­bank sind bis heu­te In­for­ma­tio­nen über die Ar­bei­ten von rund 500 000 Künst­lern aus mehr als 140 Län­dern und über ei­nen Zeit­raum von bald 40 Jah­ren hin­ter­legt. Die­se Da­ten bil­den die Grund­la­ge für die jetzt ver­öf­fent­lich­te Ana­ly­se des in­ter­na­tio­na­len Kunst­markts.

Das Er­geb­nis ist die Ent­hül­lung ei­nes mas­si­ven Netz­werks von Mu­se­en und Ga­le­ri­en, das ver­an­schau­licht, zwi­schen wel­chen In­sti­tu­tio­nen die Wer­ke bil­den­der Künst­ler aus­ge­tauscht wer­den – sei es über Aus­lei­hen oder Ver­käu­fe –, und das über Sein und Nicht­sein ent­schei­det. «In der Kunst ist es schwer, Qua­li­tät ob­jek­tiv zu mes­sen», er­klärt Magnus Resch. «Viel­mehr wird der Er­folg ei­nes Künst­lers durch kom­ple­xe so­zia­le In­ter­ak­tio­nen be­stimmt: Wen kennt man, wel­che Ga­le­rie ver­tritt dei­ne Wer­ke, wo wird dei­ne Kunst aus­ge­stellt?»

Das mäch­ti­ge Zen­trum die­ses Netz­werks wird fast aus­schliess­lich von den be­rühm­ten ame­ri­ka­ni­schen Kunst­in­sti­tu­tio­nen ge­bil­det, da­zu ge­hö­ren ne­ben dem MOMA, dem Gug­gen­heim-mu­se­um, der Ga­gosi­an und der Pace Gal­le­ry auch das Me­tro­po­li­tan Mu­se­um of Art, das Art In­sti­tu­te of Chi­ca­go so­wie die Na­tio­nal Gal­le­ry of Art in Wa­shing­ton DC. «Al­le an­de­ren In­sti­tu­tio­nen ha­ben im Ver­gleich da­zu ei­nen ge­rin­gen Ein­fluss», sagt Resch. Aus der Schweiz be­fin­den sich im­mer­hin vier Ein­rich­tun­gen un­ter den Top 30: Die Fon­da­ti­on Bey­e­ler in Rie­hen, das Kunst­haus Zü­rich, das Kunst­mu­se­um Ba­sel «Für ei­nen Künst­ler gibt es er­schre­ckend we­nig We­ge zum Er­folg», sagt Magnus Resch. so­wie die Zürcher Ga­le­rie Hau­ser & Wirth. Als Künst­ler in den be­son­ders pres­ti­ge­träch­ti­gen Häu­sern aus­ge­stellt zu wer­den, lohnt sich ge­mäss der Stu­die ganz kon­kret. Die­se Künst­ler wer­den dop­pelt so häu­fig aus­ge­stellt wie sol­che in tie­fer be­wer­te­ten In­sti­tu­tio­nen, ih­re Wer­ke wer­den fast fünf­mal so häu­fig auf Auk­tio­nen ge­han­delt und er­zie­len mehr als fünf­mal so ho­he Prei­se. Be­mer­kens­wert ist, dass von den 500 000 un­ter­such­ten Künst­lern le­dig­lich 240 den Auf­stieg von ei­ner tie­fe­ren «Li­ga» in die Top-kunst­in­sti­tu­tio­nen ge­schafft ha­ben.

Geht es nach Resch und sei­nen Kol­le­gen, sol­len Künst­ler in ih­ren jun­gen Jah­ren ei­nen fai­re­ren Zu­gang zum Kunst­markt er­hal­ten. Sie schla­gen des­halb vor, dass Kunst­wer­ke vor ei­nem An­kauf blind be­wer­tet wer­den. Das soll ver­hin­dern, dass sich al­le gros­sen In­sti­tu­tio­nen stets auf die­sel­ben Künst­ler stür­zen. Denk­bar sei auch ein Lot­te­rie­sys­tem, das Künst­lern das Recht auf ei­ne Aus­stel­lung in ei­ner Top-in­sti­tu­ti­on per Los­ent­scheid zu­spricht.

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