Di­gi­ta­ler Gu­ten­berg

Word­press ist zur füh­ren­den Soft­ware für den Bau von Web­sites ge­wor­den. Jetzt kommt es zu ei­nem ra­di­ka­len Um­bau – mit Fol­gen für Mil­lio­nen von An­wen­dern.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Computer & Technik - Von Clau­de Set­te­le

Was ha­ben das Weis­se Haus, die Rol­ling Sto­nes, Mer­ce­des Benz und die Kin­der­krip­pe Mur­mel ge­mein­sam? Ih­re Web­site läuft mit dem Con­tent Ma­nage­ment Sys­tem (CMS) Word­press. Dut­zen­de Mil­lio­nen von Web­sites ba­sie­ren auf die­ser Soft­ware, die es er­laubt, In­hal­te ein­fach zu ver­wal­ten.

Der Pro­gram­mie­rer Matt Mul­len­weg hat Word­press 2003 als Soft­ware für die ei­ge­ne Web­site ge­schrie­ben. Dann hat er sich mit an­de­ren Ent­wick­lern auch aus Eu­ro­pa zu­sam­men­ge­tan und die Stif­tung Word­press in San Fran­cis­co ge­grün­det, die das CMS zum heim­li­chen Rie­sen des Webs vor­an­ge­trie­ben hat. Heu­te lau­fen ge­mäss meh­re­ren Quel­len über 30 Pro­zent al­ler Web­sites mit Word­press. Zwar gibt es vie­le Cms-al­ter­na­ti­ven, und Word­press ist auch nicht für je­de Auf­ga­be gleich ge­eig­net. Doch der markt­füh­ren­de All­roun­der hat sich dank ei­ner glo­ba­len Ent­wick­ler­ge­mein­de eta­bliert.

Je­den Mo­nat tref­fen sich Tau­sen­de von Ent­wick­lern in über 430 Städ­ten rund um den Erd­ball. Zum Er­folg trägt bei, dass Word­press ei­ne of­fe­ne, kos­ten­lo­se Soft­ware (Open Sour­ce) ist, für die Drit­te De­si­gn­vor­la­gen (The­mes), funk­tio­na­le Er­wei­te­run­gen (Plug­ins) und Ser­vices wie Hos­ting und Si­che­rung an­bie­ten. Vie­le sind kos­ten­los, man­che bie­ten ei­ne be­zahl­te Pre­mi­um-ver­si­on. Rund um Word­press ist ein kom­mer­zi­el­les Öko­sys­tem ent­stan­den, das sich zum Mil­li­ar­den­busi­ness ent­wi­ckelt hat. Es gibt Aber­tau­sen­de von The­mes und ge­gen 60 000 Plug­ins. Al­lein die von Matt Mul­len­weg ge­grün­de­te Fir­ma Au­to­mat­tic be­schäf­tigt über 800 Mit­ar­bei­ter in 69 Län­dern und bie­tet Plug­ins, Ser­vices und Hos­ting für Mil­lio­nen von Web­sites an, dar­un­ter vie­le Un­ter­neh­men.

Der Na­me ist Pro­gramm

Der Er­folg treibt den un­er­müd­li­chen Grün­der an, der ein­mal ge­sagt hat, Word­press ha­be in je­dem Be­reich Op­ti­mie­rungs­po­ten­zi­al. Nun steht ei­ne gros­se Um­wäl­zung be­vor, die vom Pro­gram­mie­rer bis zum Blog­ger al­le be­trifft: Für den 19. No­vem­ber ist die Lan­cie­rung von Word­press 5.0 ge­plant, wel­che die wohl gröss­te Än­de­rung seit der ers­ten Stun­de bringt. Der klas­si­sche Edi­tor, mit dem man In­hal­te wie in ei­nem Text­pro­gramm er­fasst, wird aus­ge­mus­tert: Sein Nach­fol­ger heisst Gu­ten­berg, und der Na­me ist Pro­gramm. Mul­len­weg hat den Edi­tor in An­leh­nung an Jo­han­nes Gu­ten­berg ge­tauft, der im 15. Jahr­hun­dert den mo­der­nen Buch­druck be­grün­de­te. Der neue Edi­tor wird zwar kei­ne Re­vo­lu­ti­on in der Di­men­si­on des Buch­drucks aus­lö­sen, will aber für das Web der Zu­kunft neue Per­spek­ti­ven er­öff­nen.

Vor­ge­stellt hat Mul­len­weg den neu­en Edi­tor letz­tes Jahr am Word­camp Eu­ro­pe in Bel­grad. Die Zeit ist reif für die­se Wei­ter­ent­wick­lung, denn so po­pu­lär Word­press ist, manch an­de­res CMS er­laubt kom­ple­xe Web­sei­ten ein­fa­cher zu bau­en und zu ver­wal­ten. Bei der Gestal­tung von Sei­ten mit mehr­spal- ti­gem De­sign und ei­ner Viel­zahl von Ele­men­ten wie Bild­gale­ri­en, Vi­de­os, For­mu­la­ren oder Pop-ups für News­let­ter ist er de­fi­ni­tiv ver­al­tet. Da­zu braucht es heu­te Tricks und Um­we­ge, am ein­fachs­ten nutzt man für die Gestal­tung an­spruchs­vol­ler Si­tes ei­nen zu­sätz­li­chen vi­su­el­len Si­te­buil­der, der Word­press «über­ge­stülpt» wird. Der bläht aber den Co­de auf und ist kos­ten­pflich­tig.

Hier setzt Gu­ten­berg an und führt für die bes­se­re Struk­tu­rie­rung und Steue­rung so­ge­nann­te Blocks ein. Ein Block kann ein Text sein, ein Vi­deo, ei­ne Ta­bel­le oder ein Co­de­schnip­sel in rei­nem HTML. Blocks kann man wie­der­ver­wen­den, im­por­tie­ren und ex­por­tie­ren und ih­nen ei­nen Se­lek­tor zu­ord­nen, um die­sem Block se­pa­ra­te De­si­gn­vor­ga­ben zu ge­ben. Es gibt un­ter­schied­li­che Block­ty­pen für di­ver­se Auf­ga­ben, und sie las­sen sich per Drag & Drop ein­fach ver­schie­ben. Im In­ter­view an­läss­lich der Prä­sen­ta­ti­on von Gu­ten­berg sag­te Matt Mul­len­weg: «Zu­künf­tig wird die ge­sam­te Web­site aus Le­go-ähn­li­chen Blö­cken be­ste­hen, die man neu an­ord­nen, mo­di­fi­zie­ren und an­pas­sen kann. Die ein­zi­ge Gren­ze der Mög­lich­kei­ten ist die Krea­ti­vi­tät.»

Das klingt ver­heis­sungs­voll und den­noch ist die Word­press-ge­mein­de in Auf­ruhr. Web­de­si­gner, Ent­wick­ler und vor al­lem die Mil­lio­nen von in­halt­li­chen Be­treu­ern von Web­sites müs­sen hef­tig um­ler­nen. Der neue Edi­tor ist kom­plex und wie bei ei­ner frü­hen Soft­ware­ver­si­on üb­lich noch nicht ganz aus­ge­reift. Word­press hat den Edi­tor Gu­ten­berg be­reits seit län­ge­rem vor­ge­stellt, tes­ten kann man ihn als ein- und aus­schalt­ba­re Er­wei­te­rung. An­fäng­lich wa­ren die Ur­tei­le sehr ge­mischt bis ne­ga­tiv, mitt­ler­wei­le ist das Ra­ting bes­ser.

Die Stun­de der Wahr­heit naht

Ei­ne neue Web­site mit Gu­ten­berg zu bau­en, ist we­ni­ger pro­ble­ma­tisch. Viel mehr be­schäf­tigt die An­wen­der die gros­se Fra­ge, wie sich be­ste­hen­de Web­sites mit ih­rem ver­zahn­ten Mo­sa­ik aus Bau­tei­len ver­schie­de­ner Her­stel­ler mit dem neu­en Edi­tor ver­tra­gen wer­den. Die Stun­de der Wahr­heit von Word­press 5.0 kommt, wenn Gu­ten­berg im Kern der Soft­ware in­te­griert ist. Da­mit wer­den auf vie­len Web­sites An­pas­sun­gen und Re­pa­ra­tu­ren fäl­lig. Vie­le klei­ne­re Fir­men und Blog­ger, die sich sel­ber um ih­re Web­site küm­mern, wer­den vor­erst ein­mal das Up­date auf­schie­ben. Da Word­press als füh­ren­des CMS ei­ne be­lieb­te Ziel­schei­be von Ha­ckern ist, stop­fen die re­gel­mäs­si­gen Up­dates von Word­press im­mer auch Si­cher­heits­lü­cken. All­zu lan­ge wird die Stra­te­gie des Auf­schubs al­so kei­ne Lö­sung sein.

Ei­ne mög­li­che Stra­te­gie bie­tet ein Ent­wick­ler, der auf ei­ne für Word­press ty­pi­sche Wei­se ein Pro­blem mit ei­nem neu­en Plu­gin löst. Die­ses heisst «Disa­ble Gu­ten­berg» und er­laubt den neu­en Edi­tor ganz oder se­lek­tiv je nach In­halt­s­typ und Sei­te aus­zu­schal­ten und den klas­si­schen Edi­tor zu re­ak­ti­vie­ren.

Die Er­wei­te­rung po­si­tio­niert sich nicht ge­gen Gu­ten­berg, will aber ver­hin­dern, dass Web­sites nach dem Up­date auf Word­press 5.0 von Feh­lern ver­un­stal­tet wer­den. Disa­ble Gu­ten­berg wird aber wohl nur in ei­ner Über­gangs­pha­se ei­ne Rol­le spie­len. Das Rad lässt sich nicht zu­rück­dre­hen, da­von sind auch vie­le Kri­ti­ker über­zeugt. Doch ih­nen ist das Tem­po zu schnell, mit dem Matt Mul­len­weg sein er­wach­se­nes Ba­by in ei­nen neu­en Le­bens­ab­schnitt füh­ren will. Sie hät­ten den di­gi­ta­len Gu­ten­berg ger­ne noch um ein paar Mo­na­te ver­scho­ben.

«Zu­künf­tig wird die ge­sam­te Web­site aus Le­go-ähn­li­chen Blö­cken be­ste­hen, die man neu an­ord­nen, mo­di­fi­zie­ren und an­pas­sen kann.»

Ne­ga­ti­ves Ra­ting: Mit Word­press 5.0 brau­chen vie­le Web­sites Re­pa­ra­tu­ren.

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