Ge­nia­ler Pech­vo­gel

Frie­do Lam­pe (1899–1945) war ei­ner der in­no­va­tivs­ten Au­to­ren der ver­lo­re­nen Ge­ne­ra­ti­on im «Tau­send­jäh­ri­gen Reich». In sei­nen Brie­fen ist er neu zu ent­de­cken.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Kultur - Von Man­fred Papst

Nur drei schma­le Bän­de um­fasst das Werk des Bre­mer Au­tors Frie­do Lam­pe: zwei klei­ne Ro­ma­ne, da­zu ei­ne Samm­lung mit Er­zäh­lun­gen und Be­trach­tun­gen. Sie be­sche­ren durch die In­ten­si­tät und Dif­fe­ren­ziert­heit der sinn­li­chen Wahr­neh­mung, die in ei­ne ge­nui­ne Sprach­mu­sik um­ge­setzt ist, ein Le­se­glück, wie wir es beim dä­ni­schen Im­pres­sio­nis­ten Her­man Bang und in den bal­ti­schen Ro­ma­nen Edu­ard von Key­ser­lings fin­den – und sie sind höchst mo­dern. Nun kommt zu die­sen bei Wall­stein von 1999 bis 2002 neu edier­ten Bü­chern ei­ne ge­wich­ti­ge zwei­bän­di­ge Aus­ga­be mit Brie­fen und Zeug­nis­sen hin­zu, die uns den Au­tor in neu­em Licht se­hen lässt.

Mo­ritz Chris­ti­an Fried­rich Lam­pes Le­ben dau­er­te nur 45 Jah­re und um­spannt doch drei Zeit­al­ter der deut­schen Ge­schich­te: Der Dich­ter wuchs wäh­rend des Kai­ser­reichs als Kauf­manns­sohn im al­ten Bre­mer Ha­fen­vier­tel auf, stu­dier­te wäh­rend der Wei­ma­rer Re­pu­blik in Hei­del­berg, Mün­chen und Frei­burg Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft, Kunst­ge­schich­te so­wie Phi­lo­so­phie und ar­bei­te­te im Sturm von Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und Welt­krieg als Bi­b­lio­the­kar und Lek­tor in Stet­tin, Ham­burg und Ber­lin. Er ver­mied al­le Be­zie­hun­gen zum Re­gime und blieb als Schrift­stel­ler den­noch in Deutsch­land, wo er sich in ei­nem pre­kä­ren Vor­be­halt ein­rich­te­te.

Lam­pe hat­te we­nig Glück mit sei­nen Bü­chern, die von Kol­le­gen wie Her­mann Hes­se, Wolf­gang Ko­ep­pen und Al­f­red An­dersch aus­ser­or­dent­lich ge­schätzt wur­den: Sein Erst­ling, der Ro­man «Am Ran­de der Nacht», er­schien 1933 und wur­de we­gen sei­ner Schil­de­rung ei­ner ho­mo­se­xu­el­len Af­fä­re im Schau­stel­ler­mi­lieu so­wie der Lie­be zwi­schen ei­ner Weis­sen und ei­nem Schwar­zen so­fort ver­bo­ten. Der 1937 er­schie­ne­ne Zweit­ling «Sep­tem­ber­ge­wit­ter» pas­sier­te zwar die Zen­sur, bliebt aber von Kri­tik und Le­ser­schaft so gut wie un­be­merkt, und der Er­zäh­lungs­band «Von Tür zu Tür» wur­de zwar En­de 1944 ge­druckt, aber gar nicht mehr aus­ge­lie­fert.

In den letz­ten Kriegs­ta­gen wur­de Lam­pe von Sol­da­ten der Ro­ten Ar­mee, die ihn für ei­nen Ss-mann hiel­ten, auf der Stras­se an­ge­hal­ten und er­schos­sen. Es wur­de ihm zum Ver­häng­nis, dass er, ab­ge­ma­gert, wie er war, sei­nem Pass­bild nicht mehr ähn­lich sah. Zu­vor war er ein ziem­lich schwe­rer Mann mit wei­chem Mund und me­lan­cho­li­schem Blick ge­we­sen. Von ei­ner Kno­chen­tu­ber­ku­lo­se in der Kind­heit war ihm et­was Un­ge­len­kes ge­blie­ben, das ihm in der Er­in­ne­rung des Schrift­stel­lers Joa­chim Maass das Aus­se­hen ei­nes wan­deln­den Schran­kes gab. Dass er hink­te, brach­te dem Bil­dungs­bür­ger, dä­mo­ni­schen Ge­nuss­men­schen und lei­den­schaft­li­chen Rau­cher im­mer­hin die Be­frei­ung vom Wehr­dienst in bei­den Welt­krie­gen ein.

«Am Ran­de der Nacht» spielt wäh­rend we­ni­ger Stun­den in der Bre­mer Ha­fen­ge­gend. Ei­ne Rei­he klei­ner Ge­schich­ten wird lo­cker ver­knüpft: Mäd­chen und Jun­gen spie­len am Wall­gra­ben, Paa­re tan­zen in ei­nem Va­rié­té­thea­ter, zwei Stu­den­ten be­stei­gen ein Schiff nach Rot­ter­dam. Dann ver­we­ben sich die Fä­den: Im Traum ei­nes Mäd­chens zer­flei­schen Rat­ten die Schwä­ne am Wall­gra­ben, auf der Büh­ne des Va­rié­té­thea­ters rächt sich ein al­tern­der Rin­ger grau­sam an ei­nem ju­gend­li­chen Geg­ner, der ihn als Lieb­ha­ber ver­schmäht hat, auf dem Damp­fer tref­fen die bei­den Stu­den­ten ei­nen Ste­ward, der vom Ka­pi­tän schi­ka­niert wird und im Ge­gen­zug des­sen Hund er­schlägt. Ein Pa­n­op­ti­kum von Ge­stal­ten und ab­grün­di­gen Lei­den­schaf­ten tut sich vor uns auf. Das ei­gent­li­che The­ma des pa­cken­den Ro­mans aber ist die Nacht, die all die­se Ge­schich­ten zu­sam­men­hält.

Das Mo­der­ne in Lam­pes Pro­sa zeigt sich in ei­ner dem Film ver­wand­ten Tech­nik, im ra­schen Per­spek­ti­ven­wech­sel, den der Ki­noF­reak be­wusst ein­setz­te: Wir se­hen Ge­gen­schnit­te und Über­blen­dun­gen, Zooms, Ka­me­ra­schwenks und -fahr­ten: Tech­ni­ken, mit de­nen Gleich­zei­tig­keit im Zeit­ver­ge­hen darstell­bar wird. Zugleich schöpft der Bü­cher­samm­ler, der für die «Deut­sche Rei­he» von Die­de­richs Tex­te von Kleist, Hauff, Grill­par­zer und Ei­chen­dorff mit Nach­wor­ten ver­sah, aus dem Reich­tum der Tra­di­ti­on und aus der Um­gangs­spra­che sei­ner nord­deut­schen Hei­mat. Tü­del­lü­del­lüt, schlam­pam­pen, grä­sig, Ban­ge­büx, Muff­pot: Sol­che Wör­ter be­geg­nen uns hier. Hoch wölbt sich der Him­mel, und oft gibt es Schwarz­brot mit di­cker Milch. Wir se­hen, hö­ren, rie­chen, schme­cken, spü­ren die­se Welt, in der al­les flim­mert und at­met. Zu Recht merkt Tho­mas Ehr­sam, Her­aus­ge­ber der «Brie­fe und Zeug­nis­se», an, dass Lam­pe in sei­nem Erst­ling von 1933 die Er­zähl­wei­se von Fel­li­nis Meis­ter­werk «Am­ar­cord» (1973) vor­weg­nimmt.

Die Zeit von Lam­pes li­te­ra­ri­scher Pro­duk­ti­on fällt mit je­ner des Drit­ten Rei­ches zu­sam­men. Über die frü­he­ren Jah­re des Au­tors wuss­ten wir bis­her so gut wie nichts. Hier schliesst die in je­der Hin­sicht vor­bild­li­che, akri­bisch an­no­tier­te Edi­ti­on der Brie­fe und Zeug­nis­se ei­ne Lü­cke. Sie um­fasst auch 130 Sei­ten mit höchst er­hel­len­den Zeug­nis­sen von Zeit­ge­nos­sen so­wie Tex­te Lam­pes zur Li­te­ra­tur­ge­schich­te. Die Brie­fe um­span­nen die Jah­re 1905 bis 1945. Wir be­geg­nen dem Kind, das we­gen sei­ner Kno­chen­tu­ber­ku­lo­se drei Jah­re lang von sei­ner Fa­mi­lie ge­trennt wird und in ei­ner Kin­der­kli­nik auf der In­sel Nor­der­ney in­ter­niert wird, die er nie ver­las­sen darf. Wir be­geg­nen dem jun­gen Mann, der sei­ne Ho­mo­se­xua­li­tät ent­deckt, und wir be­geg­nen dem Künst­ler als jun­gem Mann. Fas­zi­nie­rend ist sei­ne Ent­wick­lung von der Schwär­me­rei zur Sach­lich­keit und Sprachskep­sis. Lam­pe war ei­ner­seits ein Mensch, der als lei­den­schaft­li­cher Le­ser die Ab­ge­schie­den­heit such­te, an­de­rer­seits ein We­sen, das sich mit­tei­len woll­te und konn­te.

Be­son­ders be­we­gend sind sei­ne spä­ten Brie­fe, die schon auf die Kahl­schla­gli­te­ra­tur nach der Stun­de null vor­aus­wei­sen. Im Ju­li 1944 wird er zum Ar­beits­dienst ein­ge­zo­gen. Im «See­haus Wann­see» des Aus­wär­ti­gen Am­tes muss er Ab­hör­pro­to­kol­le von Feind­sen­dern re­di­gie­ren. «In gros­ser Zeit ist es am bes­ten, ganz klein zu sein und fast zu ver­schwin­den», schreibt der Be­wun­de­rer Ro­bert Walsers und Franz Kaf­kas.

Frie­do Lam­pe: Brie­fe und Zeug­nis­se.

Hg. von Tho­mas Ehr­sam. Wall­stein, Göt­tin­gen 2018. 2 Bän­de, 1100 S., um Fr. 85.–.

Frie­do Lam­pe (l.), ab­ge­ma­gert, ge­gen Kriegs­en­de, mit Pe­ter Voss, dem Ma­ler und Freund.

Ro­ger Köp­pel

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