Klang statt Bild

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Tipps - Ger­hard Mack

Ra­dio­pho­nic Spaces. Mu­se­um Tin­gue­ly, Ba­sel, bis 27. 1. 2019.

Fa­b­rik­di­rek­tor Ernst Krä­mer ist flüch­tig. Er hat bei ei­nem Te­le­fo­nat nach Hau­se Lie­bes­schwü­re aus dem Ne­ben­zim­mer ge­hört, ist miss­trau­isch heim­ge­eilt und hat sei­ne Frau in fla­gran­ti mit ih­rem Lieb­ha­ber er­wischt. Er ha­be bei­de er­schos­sen, mel­det die Po­li­zei und setzt 1000 Mark Be­loh­nung aus. Aus dem Kri­mi kom­po­nier­te Wal­ter Gro­no­stay 1929 ei­ne 12-mi­nü­ti­ge Hör­spie­l­oper, die Staats­oper Dres­den mach­te sie 2010 in neu­er Ein­rich­tung wie­der ver­füg­bar.

Das Mu­sik­dra­ma «Mord» ist ei­nes von 200 Wer­ken für Ra­dio, die im Mu­se­um Tin­gue­ly zu hö­ren sind. In ei­ner Ecke der gros­sen Hal­le hat das Mu­se­um ei­ne un­ge­wöhn­li­che Idee um­ge­setzt: 13 Au­dio­sen­der sind mit Draht­sei­len zwi­schen Bo­den und De­cke ge­spannt. An je­der Sta­ti­on lau­fen 14 Hör­schnip­sel. Sie sind ver­schie­de­nen The­men zu­ge­ord­net, die an je­der Sta­ti­on mit neu­en «Snip­pets» akus­tisch dar­ge­stellt wer­den.

Be­su­cher er­hal­ten Kopf­hö­rer und Smart­pho­ne und kön­nen sich auf die Rei­se ma­chen. Im Nu ver­fängt man sich in den vie­len Ge­schich­ten. Sie er­zäh­len von der knis­tern­den Stil­le der Stör­ge­räu­sche, von Mu­sik, von al­ten Ton­trä­gern wie der Schall­plat­te und von Klang­ex­pe­ri­men­ten. Aber auch von den Zu­mu­tun­gen des All­tags in Hör­spie­len. Und na­tür­lich vom Fuss­ball. Nicht von den Fuss­ball-leaks, son­dern von der Be­geis­te­rung, mit wel­cher der Schrift­stel­ler Ror Wolf vie­le Jah­re Ra­dio­über­tra­gun­gen auf­ge­nom­men hat. Als er sein Ar­chiv we­gen Platz­man­gel ent­sor­gen woll­te, gab es ei­nen Auf­schrei. Der Schatz wur­de ar­chi­viert und fin­det sich hier in ei­nem phan­tas­ti­schen Re­mix aufs Schöns­te ge­nutzt. Wer über die ein­zel­nen Schnipsel mehr er­fah­ren will, kann sich ei­ner der fünf Com­pu­ter­sta­tio­nen zu­wen­den und Hin­ter­grün­de re­cher­chie­ren.

Für ein­mal ist das Mu­se­um kein Ort zum Schau­en, son­dern spricht un­se­ren Hör­sinn an. Ku­ra­tor And­res Par­dey hat mit der Bau­haus-uni­ver­si­tät Wei­mar zu­sam­men­ge­ar­bei­tet. Dort hat Na­tha­lie Sin­ger 9000 Stü­cke aus der hun­dert­jäh­ri­gen Ge­schich­te des Ra­di­os ar­chi­viert. In Ba­sel wol­len die bei­den zei­gen, dass die akus­ti­sche Kunst sehr wohl auch ins Mu­se­um ge­hört. Künst­ler nut­zen sie oh­ne­hin schon, seit es das Ra­dio gibt. Zu se­hen gibt es in der nüch­ter­nen An­ord­nung nicht viel. Der Klang soll Raum er­hal­ten. Wer sich aber auf die Ton­rei­se be­gibt, kann sich spie­lend dar­in ver­lie­ren.

Kin­der auf Ton­rei­se im Tin­gue­ly-mu­se­um.

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