Der Trum­pis­mus lebt wei­ter

Bei­de ame­ri­ka­ni­schen Par­tei­en ste­hen nun an ei­ner Weg­schei­de. Doch für ei­ne pas­sen­de Ent­schei­dung müs­sen sie zu­erst die rich­ti­gen Schlüs­se aus dem Wahl­re­sul­tat vom Di­ens­tag zie­hen.

Neue Zurcher Zeitung - - VORDERSEITE - Von Andre­as Rüesch

Das ame­ri­ka­ni­sche Volk hat ge­spro­chen, nun bleibt nur noch zu klä­ren, was es ge­meint hat. Das von Bill Cl­in­ton im Wahl­cha­os des Jah­res 20 0 0 be­nutz­te Bon­mot passt auch auf die Si­tua­ti­on nach den Zwi­schen­wah­len vom Di­ens­tag. Zwar bleibt Ame­ri­ka an­ders als da­mals von grös­se­ren Strei­te­rei­en über die Aus­zäh­lung ver­schont. Aber ei­ne Kon­tro­ver­se herrscht um die Deu­tung des Re­sul­tats, und dies ist kei­ne Ne­ben­säch­lich­keit. Denn von der Deu­tung hängt ab, wel­che Schlüs­se für die Zu­kunft zu zie­hen sind. Mit dem Ur­nen­gang ist nur die vor­der­grün­digs­te Fra­ge be­ant­wor­tet: Die Re­pu­bli­ka­ner, Prä­si­dent Trumps Par­tei, ver­lie­ren die Kon­trol­le über das Re­prä­sen­tan­ten­haus an die De­mo­kra­ten, wäh­rend ih­re Po­si­ti­on im Se­nat leicht ge­stärkt wird. Doch die­se Er­geb­nis­se lie­fern noch kei­ne Ant­wort auf grund­le­gen­de­re Fra­gen: Wer hat denn nun ei­gent­lich ge­won­nen? War es ein gros­ser Tag für die De­mo­kra­tie, wie die «Washington Post» schrieb? Lässt sich dar­aus ein Ver­dikt über Trump ab­le­sen, und was be­deu­tet es für sei­ne wei­te­re Amts­zeit?

Noch hält der Teu­fels­pakt

Trump, der be­gna­de­te Pro­pa­gan­dist in ei­ge­ner Sa­che, hat am Tag nach der Ent­schei­dung kühn von ei­nem gross­ar­ti­gen, «na­he­zu voll­stän­di­gen» Sieg ge­spro­chen und sich als des­sen Va­ter hin­ge­stellt. In die­sem Fahr­was­ser hat so man­cher Kom­men­ta­tor den Er­folg der De­mo­kra­ten klein­zu­re­den ver­sucht; der frü­he­re Spea­ker Newt Ging­rich et­wa stell­te den Prä­si­den­ten als Sie­ger über lin­ke Mil­li­ar­dä­re und hass­er­füll­te Jour­na­lis­ten dar. Na­tür­lich ist dies Un­sinn. Der Ver­lust der Mehr­heit im Re­prä­sen­tan­ten­haus be­deu­tet ei­nen schwe­ren Rück­schlag für Trumps Par­tei. Die De­mo­kra­ten, bis­her weit­ge­hend zu Ohn­macht ver­dammt, ha­ben es künf­tig in der Hand, re­pu­bli­ka­ni­sche Ge­set­zes­vor­la­gen zu blo­ckie­ren und Un­ter­su­chun­gen zu Miss­bräu­chen in der Ad­mi­nis­tra­ti­on Trump zu lan­cie­ren. Was der Prä­si­dent als «na­he­zu voll­stän­di­gen Sieg» fei­ert, ent­hält das klit­ze­klei­ne De­tail, dass die Re­pu­bli­ka­ner so­eben ih­re stärks­ten Ver­lus­te im Re­prä­sen­tan­ten­haus seit dem Wa­ter­ga­te-Skan­dal vor 44 Jah­ren ein­ge­fah­ren ha­ben. Dass die­se Meis­ter­leis­tung oben­drein mit­ten in ei­ner wirt­schaft­li­chen Boom­pha­se ge­lang, soll­te bei den Re­pu­bli­ka­nern zu­min­dest die lei­se Fra­ge we­cken, ob ihr Prä­si­dent wo­mög­lich ei­ne Mit­ver­ant­wor­tung da­für trägt.

Dass die De­mo­kra­ten im Se­nat Sit­ze ein­büss­ten, ist ein Dämp­fer, dreht aber ih­ren Sieg nicht ins Ge­gen­teil. Ei­ne Ero­be­rung der Se­nats­mehr­heit hat­te stets als un­rea­lis­tisch ge­gol­ten. Trotz­dem geht von der Se­nats­wahl ei­ne wich­ti­ge Bot­schaft aus: Trump mag am Di­ens­tag ei­ne schal­len­de Ohr­fei­ge er­hal­ten ha­ben, aber er ist po­li­tisch nicht er­le­digt. Der Trum­pis­mus – so drück­te es ein re­pu­bli­ka­ni­scher In­tel­lek­tu­el­ler aus – hat ei­nen Ta­del er­hal­ten, aber kei­ne Zu­rück­wei­sung. Hät­ten die Ame­ri­ka­ner ih­ren Prä­si­den­ten als Ka­ta­stro­phe emp­fun­den, so hät­ten sie die Par­tei­po­li­tik hint­an­ge­stellt und selbst in kon­ser­va­ti­ven Teil­staa­ten De­mo­kra­ten in den Se­nat ge­schickt. Das blieb aus. Of­fen­sicht­lich sind ge­nü­gend re­pu­bli­ka­ni­sche Wäh­ler der Über­zeu­gung, dass Trump noch lan­ge ein Rü­pel, Igno­rant und Lüg­ner sein kann, so­lan­ge er kon­ser­va­ti­ve An­lie­gen zu ver­wirk­li­chen hilft. Das ist der Kern des faus­ti­schen Pakts der Grand Old Par­ty mit ih­rem un­heim­li­chen Füh­rer, und so­lan­ge die­ser Bund hält, bleibt Trumps Macht in­takt.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist leicht nach­voll­zieh­bar, wes­halb Trump sich stets als ge­nia­len Par­tei­stra­te­gen an­preist. Doch wer im re­pu­bli­ka­ni­schen La­ger die Au­gen of­fen hält, sieht ei­ne we­ni­ger ro­si­ge Wirk­lich­keit und ei­ne Fül­le von Alarm­zei­chen. Im «Rost­gür­tel», der mehr­heit­lich von Weis­sen be­völ­ker­ten und von in­dus­tri­el­lem Nie­der­gang ge­zeich­ne­ten Zo­ne zwi­schen New York und der Region der Gros­sen Se­en, ha­ben die Re­pu­bli­ka­ner ei­nen Schwä­che­an­fall er­lit­ten. Das ist des­halb be­deut­sam, weil Trumps Wahl zum Prä­si­den­ten auf über­ra­schen­den Sie­gen in die­ser Region grün­de­te. Nun ha­ben sechs von sie­ben «Rost­gür­tel»-Staa­ten De­mo­kra­ten in den Se­nat ge­wählt. Of­fen­kun­dig folgt der viel­be­schwo­re­ne klei­ne Mann in die­ser kri­seln­den Zo­ne Trumps po­pu­lis­ti­schen Schal­mei­en­klän­gen nicht mehr so be­geis­tert wie auch schon.

Doch da­mit nicht ge­nug. In den wohl­ha­ben­den Su­burbs an der Ost­küs­te, ei­nem Re­ser­voir re­pu­bli­ka­ni­scher An­hän­ger, hat ein Teil die­ser Stamm­wäh­ler re­vol­tiert. Die meis­ten der gut 30 Sitz­ver­lus­te im Re­prä­sen­tan­ten­haus ent­fal­len auf sol­che vor­städ­tisch ge­präg­ten Di­strik­te. Bes­ser ge­bil­de­te, oft weib­li­che Wäh­ler wand­ten sich, an­ge­wi­dert vom Stil des Prä­si­den­ten, von den Re­pu­bli­ka­nern ab. Be­fra­gun­gen zei­gen, dass die Par­tei ein wach­sen­des Pro­blem mit Frau­en hat. Stimm­ten bei den Zwi­schen­wah­len 2014 erst 52 Pro­zent der Frau­en de­mo­kra­tisch, so wa­ren es dies­mal 59 Pro­zent. Im Wahl­kampf ging Trump so weit, das Mi­li­tär ge­gen ei­ne er­fun­de­ne In­va­si­on la­tein­ame­ri­ka­ni­scher Mi­gran­ten auf­zu­bie­ten und ei­ne ver­fas­sungs­wid­ri­ge Än­de­rung des Staats­bür­ger­rechts für Kin­der il­le­gal Ein­ge­wan­der­ter an­zu­kün­di­gen. Man­che Be­ob­ach­ter glau­ben, dass das Schü­ren von Mi­gra­ti­ons­ängs­ten ein zwar zy­ni­scher, aber bril­lan­ter Schach­zug war. Die Re­sul­ta­te spre­chen ei­ne an­de­re Spra­che. Nicht nur die Ver­lus­te in den Vor­städ­ten deu­ten dar­auf hin, dass der Schuss nach hin­ten los­ging. Auch die Tat­sa­che, dass meh­re­re hy­perna­tio­na­lis­ti­sche Kan­di­da­ten Schiff­bruch er­lit­ten, soll­te den re­pu­bli­ka­ni­schen Stra­te­gen als War­nung die­nen.

Ein nö­ti­ges Ge­gen­ge­wicht

Trump sel­ber geht es vor­erst um et­was an­de­res: Nur ei­nen hal­ben Tag nach dem Schlies­sen der Wahl­lo­ka­le hat er ei­nen lang ge­plan­ten Coup voll­zo­gen und sei­nen Jus­tiz­mi­nis­ter Ses­si­ons ab­ge­setzt. Der Fall il­lus­triert er­neut, wel­che Ge­fahr die­ser Prä­si­dent für Ame­ri­kas In­sti­tu­tio­nen dar­stellt. Ses­si­ons hat­te sich kei­ner­lei Ver­feh­lun­gen im Amt zu­schul­den kom­men las­sen; ge­hen muss­te er ein­zig des­halb, weil er sich ge­wei­gert hat­te, Trump vor den Er­mitt­lun­gen in der Russ­land-Af­fä­re zu schüt­zen. Als pro­vi­so­ri­scher Nach­fol­ger wur­de ein loya­ler Ge­folgs­mann Trumps in­stal­liert, der nun die Voll­macht hat, die Russ­lan­dUn­ter­su­chung ab­zu­wür­gen. Dass die un­ter Um­ge­hung des Se­nats er­folg­te Er­nen­nung den Geist der Ver­fas­sung ver­letzt, macht die Sa­che noch schlim­mer.

Wer kann den Son­der­er­mitt­ler Ro­bert Mu­el­ler jetzt noch schüt­zen? Trumps Fron­tal­an­griff auf die Rechts­staat­lich­keit macht klar, dass der Sieg der De­mo­kra­ten ge­ra­de zur rech­ten Zeit kommt. Sie sind zwar am kür­ze­ren He­bel, aber von ih­rer neu­en Macht­po­si­ti­on im Re­prä­sen­tan­ten­haus aus kön­nen sie par­al­le­le Russ­land-Un­ter­su­chun­gen vor­an­trei­ben oder si­cher­stel­len, dass Mu­el­lers Er­mitt­lungs­er­geb­nis­se nicht ein­fach in ei­ner Schub­la­de des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums ver­schwin­den. Der Mehr­heits­wech­sel im Re­prä­sen­tan­ten­haus schafft ein will­kom­me­nes Ge­gen­ge­wicht.

Doch wä­re es ver­mes­sen, sich des­we­gen be­ru­higt zu­rück­zu­leh­nen. Die De­mo­kra­ti­sche Par­tei ist kei­ne Heils­brin­ge­rin. Sie krankt an ähn­li­chen Übeln wie die Re­pu­bli­ka­ner. Kom­pro­mis­s­un­fä­hig­keit, Ra­di­ka­lis­mus und die Ver­teu­fe­lung des po­li­ti­schen Geg­ners sind ihr eben­so ver­traut wie der Par­tei des Prä­si­den­ten. Da­zu kom­men ihr Hang zu links­po­pu­lis­ti­schen Re­zep­ten in der Wirt­schafts­po­li­tik und ihr Glau­be an den Se­gen im­mer neu­er staat­li­cher Pro­gram­me. Was der­zeit in den USA fehlt, ist ei­ne kon­se­quen­te li­be­ra­le Kraft. Die De­mo­kra­ten sind dies bes­ten­falls in ge­sell­schafts­po­li­ti­scher Hin­sicht, wäh­rend die Re­pu­bli­ka­ner un­ter Trump ihr tra­di­tio­nel­les Frei­han­dels-Cre­do über Bord ge­wor­fen ha­ben, mit ih­rer De­fi­zit­wirt­schaft die wirt­schafts­po­li­ti­sche Ver­nunft ver­mis­sen las­sen und sich als na­tio­na­lis­ti­sche Ab­schot­tungs­par­tei ge­bär­den.

Bei­de Par­tei­en ste­hen nun an ei­ner Weg­schei­de. Die de­mo­kra­ti­sche Füh­rung kann im Re­prä­sen­tan­ten­haus ei­nen Kon­fron­ta­ti­ons­kurs ge­gen­über Trump einschlagen, bis hin zu ei­nem sinn­lo­sen Im­peach­men­tVer­fah­ren, oder sich der Be­völ­ke­rung mit be­son­ne­ner Sach­po­li­tik als re­gie­rungs­taug­li­che Al­ter­na­ti­ve emp­feh­len. Den Re­pu­bli­ka­nern hin­ge­gen stellt sich die Schick­sals­fra­ge, ob sie ih­re Zu­kunft end­gül­tig mit Trump ver­bin­den oder ih­ren eins­ti­gen Prin­zi­pi­en wie­der treu­er wer­den wol­len. Ta­len­te gibt es in der Par­tei ge­nug, aber es fehlt an Mut zur Re­bel­li­on. Wer Trump in den in­ter­nen Pri­mär­wah­len für die Prä­si­dent­schaft her­aus­for­dern will, muss bis spä­tes­tens im Früh­ling aus der De­ckung tre­ten. Der Par­tei tä­te ein sol­cher Rich­tungs­kampf gut. Dass es da­zu kommt, ist mit den Zwi­schen­wah­len je­doch we­ni­ger wahr­schein­lich ge­wor­den. Ein De­ba­kel am Di­ens­tag hät­te der in­ter­nen Op­po­si­ti­on Auf­wind ver­lie­hen, aber nun kann Trump die Nie­der­la­ge schön­re­den.

Da­mit ist auch klar, wer die wah­ren Ver­lie­rer sind – nicht der Prä­si­dent, son­dern die­je­ni­gen Re­pu­bli­ka­ner, die ins­ge­heim dar­auf ge­war­tet hat­ten, dass die Zwi­schen­wah­len für Trump zu ei­nem Wa­ter­loo wür­den. Doch der Trum­pis­mus lebt. Gibt es da­ge­gen wirk­lich ein Er­folgs­re­zept? Vor­erst bleibt dies nur ei­ne Hoff­nung.

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