May er­zürnt die Unio­nis­ten

Ein mög­li­cher Br­ex­it-Kom­pro­miss an der künf­ti­gen EU-Aus­sen­gren­ze stösst in Nord­ir­land auf Wi­der­stand

Neue Zurcher Zeitung - - INTERNATIONAL - MAR­KUS M. HAEFLIGER, LON­DON

Die nord­iri­schen Unio­nis­ten sind auf­ge­bracht. In ei­nem Brief, des­sen In­halt die Lon­do­ner «Ti­mes» am Frei­tag ver­öf­fent­lich­te, soll The­re­sa May der Che­fin der De­mo­cra­tic Unio­nist Par­ty (DUP) in Nord­ir­land, Ar­le­ne Fos­ter, die Um­ris­se ei­nes mög­li­chen Br­ex­it-Kom­pro­mis­ses mit Brüs­sel mit­ge­teilt ha­ben. Dar­in ent­hal­ten ist das Ein­ge­ständ­nis der Pre­mier­mi­nis­te­rin, die EU be­ste­he bei den Ver­hand­lun­gen auf ei­ner «Not­lö­sung für die Not­lö­sung». Es geht da­bei um die um­strit­te­ne Fra­ge, wie die in­ner­i­ri­sche Gren­ze nach dem Br­ex­it so durch­läs­sig und un­sicht­bar wie jetzt blei­ben kann. Das Grenz­pro­blem ist die letz­te Hür­de, die ei­ner Ei­ni­gung im Weg steht.

An­ein­an­der vor­bei­ge­re­det

Die bri­ti­sche Sei­te glaubt, der im Frie­dens­ab­kom­men für Nord­ir­land von 1998 fest­ge­leg­te Grund­satz, ge­mäss dem die Gren­ze zwi­schen der Re­pu­blik Ir­land und Nord­ir­land ei­gent­lich nicht mehr exis­tiert, kön­ne in ei­nem zu­künf­ti­gen Han­dels­ab­kom­men mit der EU auf­recht­er­hal­ten wer­den. Wäh­rend Nord­ir­land die EU mit dem Br­ex­it ver­lässt, bleibt Ir­land Mit­glied des Staa­ten­bunds, die Gren­ze wird zur EU-Aus­sen­gren­ze. Du­blin und die EU miss­trau­en den Ver­spre­chen Lon­dons. Sie be­ste­hen als Ver­si­che­rung auf ei­ner Not­lö­sung, dem so­ge­nann­ten Back­stop. Die bri­ti­schen Un­ter­händ­ler, das Ka­bi­nett und die Br­ex­it-Hard­li­ner in der To­ry-Par­tei hät­ten sich viel Zeit und Mü­he spa­ren kön­nen, wenn sie früh be­grif­fen hät­ten, dass es Du­blin ab­so­lut ernst ist mit der For­de­rung und dass sich die EU eben­so ent­schlos­sen für die In­ter­es­sen­wah­rung ih­rer Mit­glie­der – auch von klei­nen Staa­ten wie Ir­land – ein­setzt. Im Som­mer ist der Gro­schen ge­fal­len; May wil­lig­te in das Prin­zip ei­ner Not­lö­sung ein.

Die Fra­ge ist: wel­cher Back­stop, auch Rück­fall­po­si­ti­on ge­nannt? Mi­chel Bar­nier, der Chef­un­ter­händ­ler Brüs­sels, hat­te im Früh­ling ei­ne Son­der­lö­sung für Nord­ir­land vor­ge­schla­gen, nach der die Pro­vinz im ge­mein­sa­men Markt und in der Zoll­uni­on der EU ver­blei­ben wür­de, bis ei­ne an­de­re Lö­sung ge­fun­den wür­de. Die DUP, von der Mays Par­la­ments­mehr­heit ab­hängt, lehn­te den Vor­schlag ve­he­ment ab. Er er­öff­net die Aus­sicht auf re­gu­la­to­ri­sche Kon­trol­len, mög­li­cher­wei­se auch Zoll­kon­trol­len, zwi­schen Nord­ir­land und der bri­ti­schen In­sel. Die Zu­rück­wei­sung un­ter den Unio­nis­ten ist ideo­lo­gisch be­grün­det und auch nach­voll­zieh­bar: Bri­ti­sche Un­ter­neh­men wür­den im Ver­kehr mit Nord­ir­land Han­dels­bar­rie­ren ge­wär­ti­gen, und nord­iri­sche Fir­men müss­ten für ih­re In­ter­es­sen in Du­blin und Brüs­sel lob­by­ie­ren statt in Lon­don.

In den ver­gan­ge­nen Wo­chen zeich­ne­te sich laut dem, was bri­ti­sche Zei­tun­gen über den Gang der Ver­hand­lun­gen in Er­fah­rung ge­bracht ha­ben wol­len, ein Kom­pro­miss ab: Für ei­ne un­be­stimm­te Über­gangs­frist – bis die von Lon­don ge­wünsch­te Zu­kunfts­lö­sung gang­bar ist – wür­de das gan­ze Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich in ei­ner Zoll­uni­on mit der EU blei­ben und es wä­re wei­ter­hin an die Han­delsund In­dus­tri­e­nor­men des Blocks ge­bun­den. Wie ein sol­ches Kon­strukt über­wacht und ge­hand­habt wür­de, ist un­klar. Für Br­ex­it-Hard­li­ner ist es in je­dem Fall ein ro­tes Tuch; sie arg­wöh­nen wohl nicht zu Un­recht, dass die Not­lö­sung für die Ewig­keit gäl­te, und ver­lan­gen, dass min­des­tens ein Weg auf­ge­zeigt wird, wie sich Lon­don aus den Ver­pflich­tun­gen win­den kann. Laut Anand Me­non vom Br­ex­itThink-Tank UK in a Chan­ging Eu­ro­pe of­fen­bart die Hal­tung, dass hart­ge­sot­te­ne Br­ex­it-Po­li­ti­ker das We­sen der EU als Rechts­raum noch im­mer nicht be­grif­fen ha­ben.

Die St­un­de der Wahr­heit naht

Die Ver­hand­lun­gen in Brüs­sel fin­den der­zeit hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren statt. Aus Mays Brief an die DUP-Par­tei­che­fin Fos­ter lässt sich je­doch fol­gern, dass die EU den Bri­ten ent­ge­gen­kom­men will und nach ei­ner Wort­wahl ringt, die ei­nen Aus­weg aus der ge­nann­ten Not­lö­sung – Zoll­uni­on und re­gu­la­to­ri­sche An­glei­chung von EU und Gross­bri­tan­ni­en – auf­zeigt. Das Zu­ge­ständ­nis hat ei­nen Preis: Wenn al­le Stri­cke reis­sen, soll für Nord­ir­land ei­ne se­pa­ra­te Lö­sung gel­ten, al­so der al­te Vor­schlag Bar­niers. Die­sen «Back­stop für den Back­stop» will May nun of­fen­bar ak­zep­tie­ren, wie sie Fos­ter mit­teil­te. Sie be­eil­te sich laut der «Ti­mes», in dem Brief an­zu­fü­gen, sie wer­de die Not-Not­lö­sung nicht an­wen­den. Als ob das noch ei­ne Rol­le spiel­te: Im Even­tu­al­fall wä­re May kaum mehr Re­gie­rungs­che­fin.

Un­ter­schrie­ben ist nichts, und an­ge­nom­men hat das Un­ter­haus den Vor­schlag erst recht nicht. Die DUP und die Br­ex­it-Hard­li­ner un­ter den To­ries droh­ten am Frei­tag da­mit, ei­nen Deal mit dem dop­pel­ten Back­stop im Par­la­ment ab­zu­leh­nen. May wä­re dann auf Ab­ge­ord­ne­te der La­bour-Par­tei an­ge­wie­sen, um ei­ne Mehr­heit für den Aus­tritts­ver­trag hin­ter sich zu wissen – ein frag­li­ches Sze­na­rio. Bald weiss man mehr: Die Pre­mier­mi­nis­te­rin will dem Ka­bi­nett An­fang nächs­ter Wo­che den Kom­pro­miss vor­stel­len.

C. KIL­COY­NE / GET­TY

Zum La­chen zu­mu­te dürf­te der Che­fin der nord­iri­schen Unio­nis­ten, Ar­le­ne Fos­ter (links), der­zeit nicht sein.

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