An­schlag auf die deut­sche Ge­schichts­kul­tur

Das Ge­den­ken an die Po­grom­nacht vom 9. No­vem­ber 1938 ge­rät in Deutsch­land auch zum Warn­ruf ge­gen die AfD

Neue Zurcher Zeitung - - INTERNATIONAL - BE­NE­DICT NEFF, BER­LIN

Am 9. No­vem­ber ver­dich­tet sich die deut­sche Ge­schich­te des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts. An je­nem Tag, vor hun­dert Jah­ren, wur­de im Ber­li­ner Reichs­tags­ge­bäu­de die ers­te deut­sche Re­pu­blik aus­ge­ru­fen. Ex­akt zwan­zig Jah­re spä­ter er­eig­ne­te sich die Po­grom­nacht: Na­zis zer­stör­ten und plün­der­ten lan­des­weit tau­send­fach Sy­nago­gen, jü­di­sche Ein­rich­tun­gen und Ge­schäf­te. An ei­nem 9. No­vem­ber öff­ne­te die DDR schliess­lich die in­ner­deut­sche Gren­ze. Es sei ein Schick­sals­tag der Deut­schen, sag­te Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le bei ei­ner Ge­denk­stun­de im Par­la­ment. Das Tra­gi­sche und das Glück, der ver­geb­li­che Ver­such und das Ge­lin­gen, Freu­de und Schuld – all die­se Din­ge wür­den un­trenn­bar zu­sam­men­ge­hö­ren.

Der deut­sche Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er for­der­te ein ent­schie­de­nes Ein­tre­ten ge­gen ei­nen «neu­en, ag­gres­si­ven Na­tio­na­lis­mus» in Deutsch­land. Es dür­fe nicht zu­ge­las­sen wer­den, dass ei­ni­ge wie­der von sich be­haup­te­ten, al­lein für das «wah­re Volk» zu spre­chen und an­de­re aus­zu­gren­zen. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel re­de­te bei der Ge­denk­fei­er zur Po­grom­nacht in der Ber­li­ner Sy­nago­ge. Sie äus­ser­te ih­re Sor­ge über ei­nen An­ti­se­mi­tis­mus, der sich im In­ter­net und im öf­fent­li­chen Raum zu­neh­mend of­fen ent­la­de. Mer­kel wies auf Rechts­ra­di­ka­le, aber auch auf an­ti­se­mi­ti­sche Ten­den­zen bei Mus­li­men hin. Sie warn­te vor ein­fa­chen Ant­wor­ten und ei­ner Ver­ro­hung der Spra­che: «Das ist der An­fang, dem wir ganz ent­schie­den ent­ge­gen­tre­ten müs­sen.»

Die Pro­vo­ka­ti­on der AfD

Die Be­zü­ge von Mer­kels und St­ein­mei­ers Re­den zur Ge­gen­wart wa­ren un­ver­kenn­bar, und oh­ne dass sie na­ment­lich er­wähnt wur­de, schien die AfD doch an vie­len Stel­len ge­meint zu sein. Die Par­tei hat sich auf Aus­län­der­po­li­tik spe­zia­li­siert und ist durch die Flücht­lings­kri­se gross ge­wor­den. Da­ne­ben pro­fi­liert sie sich mit Is­lam-Kri­tik. In Stil und Vor­trag ist ih­re Po­li­tik oft auch ei­ne Ne­ga­ti­on der po­li­ti­schen Kor­rekt­heit, dem der deut­sche Dis­kurs in vie­ler­lei Hin­sicht ver­pflich­tet ist. Al­lein mit die­sem Fo­kus ist die AfD ein Ta­bu­bruch in der deut­schen Po­li­tik.

Aber die Pro­vo­ka­ti­on geht noch wei­ter, denn die AfD zielt di­rekt auf den Um­gang mit der deut­schen Ge­schich­te, auf den sich die an­de­ren Par­tei­en in der Er­in­ne­rungs­kul­tur still­schwei­gend ver­stän­digt ha­ben. In den letz­ten Jah­ren gab es ei­ni­ge Be­mer­kun­gen von AfD-Po­li­ti­kern, die Aus­brü­chen aus die­ser Ge­denk­kul­tur gleich­ka­men. Der AfD-Chef Alex­an­der Gau­land nann­te Hit­ler und die Na­zis ei­nen «Vo­gel­schiss in über 1000 Jah­ren er­folg­rei­cher deut­scher Ge­schich­te». Als er bei ei­ner an­de­ren Ge­le­gen­heit über die NS-Zeit sprach, sag­te er: «Man muss uns die­se zwölf Jah­re nicht mehr vor­hal­ten. Sie be­tref­fen un­se­re Iden­ti­tät heu­te nicht mehr.» Gau­land for­der­te aus­ser­dem das Recht ein, auf die «Leis­tun­gen deut­scher Sol­da­ten in zwei Welt­krie­gen» stolz zu sein. In Er­in­ne­rung bleibt auch die Dresd­ner Re­de des AfD-Po­li­ti­kers Björn Hö­cke, in der er von ei­ner «däm­li­chen Be­wäl­ti­gungs­po­li­tik» sprach und «ei­ne er­in­ne­rungs­po­li­ti­sche Wen­de um 180 Grad» for­der­te.

Bei all die­sen Be­mer­kun­gen geht es schein­bar nicht um ei­ne Ne­ga­ti­on der deut­schen Ver­bre­chen, auch wenn da­mit be­wusst und in ge­schmack­lo­ser Wei­se ge­spielt wird. Vie­le AfD-Po­li­ti­ker schei­nen sich aber zu wün­schen, dass die Na­zi-Zeit in der deut­schen Ge­schich­te ei­nen viel klei­ne­ren Stel­len­wert ein­nimmt. Bei all die­sen Be­stre­bun­gen bleibt ir­ri­tie­rend, dass die AfD oft nicht wil­lens ist, sich von Rechts­ex­tre­mis­ten ab­zu­gren­zen. Die Er­in­ne­rungs­kul­tur, so die Lo­gik der AfD, stört die Ent­fal­tung des Pa­trio­tis­mus und ei­nes kol­lek­ti­ven Selbst­be­wusst­seins. Ei­ne Neu­ge­wich­tung der Ge­schich­te wä­re dem­ge­mäss der Schlüs­sel, um auch in an­de­ren po­li­ti­schen Fel­dern Ve­rän­de­run­gen er­wir­ken zu kön­nen. Die deut­sche Er­in­ne­rungs­kul­tur (und das deut­sche Schuld­be­wusst­sein) ist ein so fun­da­men­ta­les Phä­no­men, dass es Ein­fluss hat auf al­le Aspek­te der deut­schen Po­li­tik, ganz be­son­ders aber auf die Asyl- und Eu­ro­pa­po­li­tik.

Der Gr­a­ben im Par­la­ment

Man muss nichts her­auf­be­schwö­ren, um zum Schluss zu kom­men, dass die­se Aus­ein­an­der­set­zung um die Ge­schich­te in Zu­kunft noch ei­ne grös­se­re Rol­le spie­len dürf­te. Al­lein auf die­sen Dis­kurs­vor­stoss der AfD re­agie­ren Tei­le der deut­schen Po­li­tik und der Me­di­en pa­nisch. Dies wi­der­spie­gelt sich oft in Kom­men­ta­ren, in de­nen AfD-Po­li­ti­ker selbst als Na­zis be­zeich­net wer­den, ob­schon de­ren Aus­sa­gen ei­nen sol­chen Be­fund nicht stüt­zen. Der Gr­a­ben, der zwi­schen der AfD und al­len an­de­ren Par­tei­en steht, wur­de bei St­ein­mei­ers Re­de am deut­lichs­ten. Die AfD-Frak­ti­on rühr­te sich haupt­säch­lich an ei­ner Stel­le. St­ein­mei­er sag­te: «Wer im­mer nur vor der Wie­der­kehr des Glei­chen warnt, droht eher neue Her­aus­for­de­run­gen aus den Au­gen zu ver­lie­ren.» Da klatsch­te die Par­tei, al­ler­dings al­lein.

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