Kein Ein­len­ken der Kriegs­par­tei­en in Je­men

Die Mi­li­tär­ko­ali­ti­on der Sau­di ver­stärkt die An­grif­fe – und schreckt auch vor Spi­tä­lern nicht zu­rück

Neue Zurcher Zeitung - - INTERNATIONAL - INGA ROGG, ISTANBUL

Noch vor kur­zem sah es da­nach aus, als gä­be es ei­nen Durch­bruch in dem seit mehr als drei Jah­ren dau­ern­den Krieg in Je­men. Die Ame­ri­ka­ner schie­nen die Ge­duld mit dem von Sau­dia­ra­bi­en an­ge­führ­ten Mi­li­tär­bünd­nis zu ver­lie­ren, das sie im gros­sen Stil mit Mi­li­tär­hil­fe un­ter­stütz­ten. Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ja­mes Mat­tis und Aus­sen­mi­nis­ter Mi­ke Pom­peo for­der­ten die Kriegs­par­tei­en zu Ver­hand­lun­gen «in­ner­halb von 30 Ta­gen» auf. Gleich­zei­tig un­ter­nahm der UnoSon­der­ge­sand­te für Je­men, Mar­tin Grif­fiths, ei­nen neu­en An­lauf, um die Kon­flikt­par­tei­en an ei­nen Tisch zu brin­gen. Doch die Ap­pel­le ver­hall­ten un­ge­hört.

Un­ter­stützt von sau­di­ara­bi­schen Luft­an­grif­fen und Sol­da­ten der Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te ha­ben die Trup­pen der in­ter­na­tio­nal an­er­kann­ten je­me­ni­ti­schen Re­gie­rung ih­re An­grif­fe auf die von den Huthi kon­trol­lier­ten Ge­bie­te im Land in den letz­ten Ta­gen in­ten­si­viert. Vor al­lem in der stra­te­gisch wich­ti­gen Ha­fen­stadt Hu­d­ei­da sind die Kämp­fe es­ka­liert. Nach An­ga­ben von Ärz­ten ha­ben die Luft­an­grif­fe und Ge­fech­te be­reits mehr als 200 To­te ge­for­dert. Fast Tag und Nacht ge­be es Luft­an­grif­fe, von al­len Sei­ten wür­den Ar­til­le­rie­ge­schos­se in die um­kämpf­ten Quar­tie­re einschlagen. Da­bei schre­cken bei­de Sei­ten auch vor An­grif­fen auf Spi­tä­ler nicht zu­rück.

Der Ge­walt aus­ge­lie­fert

Min­des­tens ein Spi­tal wur­de in den Kämp­fen ge­trof­fen. Auf dem Dach ei­nes an­de­ren, des 22.-Mai-Spi­tals, be­zo­gen Huthi-Kämp­fer Stel­lung, wie die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal be­stä­tig­te. Das ist ein ein­deu­ti­ger Ver­stoss ge­gen das hu­ma­ni­tä­re Völ­ker­recht, trotz­dem sei es kein le­gi­ti­mes Ziel für Luft­an­grif­fe der Sau­di, er­klär­te die Or­ga­ni­sa­ti­on. Das Spi­tal sei voll von ver­letz­ten Zi­vi­lis­ten, die sonst nir­gend­wo ärzt­li­che Hil­fe er­hal­ten könn­ten.

Das gröss­te Spi­tal der Stadt liegt nur we­ni­ge Me­ter von der Front­li­nie ent­fernt. Das In­ter­na­tio­na­le Ko­mi­tee vom Ro­ten Kreuz (IKRK) warn­te an­ge­sichts des­sen vor ei­nem me­di­zi­ni­schen Not­stand. Soll­ten wei­te­re me­di­zi­ni­sche Ein­rich­tun­gen be­schä­digt wer­den, reich­ten die Ka­pa­zi­tä­ten der ver­blie­be­nen Ein­rich­tun­gen nicht, um die vie­len Ver­letz­ten zu be­han­deln, teil­te die Or­ga­ni­sa­ti­on mit. Tau- sen­de sind vor den Kämp­fen ge­flo­hen, doch Zehn­tau­sen­de sind fak­tisch ein­ge­schlos­sen. Vie­le blie­ben, weil es sonst kei­nen Ort ge­be, um sich vor den Gra­na­ten, Bom­ben und Ku­geln zu ver­ste­cken.

Hu­d­ei­da ist die Le­bens­ader des kriegs­ver­sehr­ten Lan­des, ein Gross­teil der hu­ma­ni­tä­ren Hil­fe und 85 Pro­zent der Le­bens­mit­tel kom­men nach An­ga­ben der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on über den Ha­fen ins Land. Schon jetzt ist rund ein Drit­tel der Be­völ­ke­rung von Le­bens­mit­tel­hil­fe ab­hän­gig, laut der Uno sind in­zwi­schen je­doch 14 Mil­li­on Je­me­ni­ten, rund die Hälf­te der Be­völ­ke­rung, von ei­ner Hun­gers­not be­droht.

An­ge­sichts der Es­ka­la­ti­on der Kämp­fe um Hu­d­ei­da ha­ben 34 Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen ei­nen so­for­ti­gen Waf­fen­still­stand ge­for­dert. Aber das sau­disch ge­führ­te Mi­li­tär­bünd­nis will jetzt er­rei­chen, wor­an man seit Be­ginn der Of­fen­si­ve auf die Ha­fen­stadt im Ju­ni ge­schei­tert ist: die von Iran un­ter­stütz­ten Huthi mi­li­tä­risch zu be­zwin­gen. Das Ziel sei, die Ha­fen­stadt in­nert 30 Ta­gen ein­zu­neh­men, um die Huthi an den Ver­hand­lungs­tisch zu zwin­gen, sag­te ein Re­gie­rungs­ver­tre­ter. In ei­ner Fern­seh­an­spra­che rief der Chef der Huthi-Re­bel­len, Ab­dul­ma­lik alHuthi, am Mitt­woch die Kämp­fer auf, die «Ag­gres­si­on an al­len Fron­ten» zu­rück­zu­schla­gen, «egal, um wel­chen Preis».

Ei­ne mi­li­tä­ri­sche und po­li­ti­sche Lö­sung des Kon­flikts zu er­rei­chen, sei in na­her Zu­kunft kaum mög­lich, sagt Achim Vogt, Lei­ter des Pro­jekts für Re­gio­na­le Si­cher­heit der Fried­richEbert-Stif­tung in Bei­rut. Da­zu ge­be es ne­ben dem Kon­flikt zwi­schen den Huthi, der Re­gie­rung und ih­ren je­wei­li­gen Un­ter­stüt­zern zu vie­le lo­ka­le Kon­flik­te. Der Krieg sei je­doch auch ein öko­no­mi­scher Kon­flikt. «Die hu­ma­ni­tä­re Kri­se ist men­schen­ge­macht. Le­bens­mit­tel sind vor­han­den», sagt Vogt im Ge­spräch.

Frie­dens­ge­sprä­che ver­tagt

Im Zen­trum ste­he die Zen­tral­bank, die seit Jah­ren zwei­ge­teilt ist und des­halb die Ge­häl­ter von Be­am­ten und Pen­sio­nä­ren nicht mehr aus­zahlt. Zu­dem ist sie nicht in der La­ge, den Wäh­rungs­zer­fall zu stop­pen. Die Uno und der In­ter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds po­chen des­halb auf die Wie­der­ver­ei­ni­gung und Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Zen­tral­bank. Da­bei ha­be es ei­ni­ge Fort­schrit­te ge­ge­ben, sagt Vogt. Über wei­te­re Schrit­te soll­te an den für En­de des Mo­nats ge­plan­ten Ge­sprä­chen be­ra­ten wer­den. Nach den ge­schei­ter­ten Ge­sprä­chen in Genf im Sep­tem­ber hat­te sich Schwe­den be­reit er­klärt, ei­ne neue Run­de ab­zu­hal­ten. Doch am Don­ners­tag gab der Uno-Son­der­ge­sand­te be­kannt, dass die Ge­sprä­che auf En­de des Jah­res ver­scho­ben wor­den sei­en. Ob sie dann statt­fin­den, ist bei der har­ten Hal­tung der Kriegs­par­tei­en frag­lich. Den Preis zahlt die Zi­vil­be­völ­ke­rung, de­ren Not im­mer grös­ser wird.

HANI MO­HAM­MED / AP

Fi­scher in Hu­d­ei­da auf ei­ner Fo­to von En­de Sep­tem­ber. Mitt­ler­wei­le sind die Kämp­fe in der Ha­fen­stadt es­ka­liert.

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