Der Staats­grün­der eint Po­len erst heu­te

Jo­zef Pil­sud­ski war So­zia­list, Kriegs­held und Dik­ta­tor – heu­te dient er Kac­zyn­ski als Vor­bild

Neue Zurcher Zeitung - - INTERNATIONAL - ME­RET BAU­MANN, SULEJOWEK

Das eins­ti­ge An­we­sen des pol­ni­schen Staats­grün­ders Jo­zef Pil­sud­ski ist der­zeit ei­ne Bau­stel­le. Schwe­res Ge­rät steht zwi­schen den Bäu­men des Wäld­chens, das die zwei­stö­cki­ge Vil­la um­gibt, Ka­bel zie­hen sich durch das Ge­äst, und auf der Veran­da liegt ein was­ser­durch­tränk­ter, auf­ge­roll­ter Tep­pich. Mit ei­nem Hoch­druck­rei­ni­ger bringt ein Ar­bei­ter das Weiss der Fas­sa­de wie­der zum Vor­schein. Ei­gent­lich hät­te das herr­schaft­li­che Haus in Sulejowek, ei­nem Vo­r­ort von War­schau, in mög­lichst ori­gi­nal­ge­treu­em Zu­stand zum 100. Jah­res­tag der pol­ni­schen Un­ab­hän­gig­keit er­öff­net wer­den sol­len – zu­sam­men mit ei­nem Mu­se­ums­bau. Doch Bü­ro­kra­tie und aus­ser­ge­wöhn­lich viel Re­gen im Som­mer letz­ten Jah­res hät­ten die Plä­ne durch­kreuzt, er­klärt der Di­rek­tor Ro­bert Su­pel ent­schul­di­gend. Im­mer­hin soll nun am 10. No­vem­ber statt der Er­öff­nung die Auf­rich­te ge­fei­ert wer­den.

Land oh­ne kla­re Gren­zen

Sym­bo­lisch passt die Ver­spä­tung al­ler­dings nicht schlecht. Denn als Pil­sud­ski bei Kriegs­en­de und nach an­dert­halb Jah­ren in deut­scher Fe­s­tungs­haft am 10. No­vem­ber 1918 mit ei­nem Son­der­zug nach War­schau zu­rück­kehr­te und ei­nen Tag spä­ter den Ober­be­fehl über die pol­ni­schen Trup­pen so­wie kurz dar­auf die Exe­ku­tiv­ge­walt über­tra­gen er­hielt, be­stand der so her­bei­ge­sehn­te Staat erst in der Theo­rie. Nach 120 Jah­ren Fremd­be­stim­mung durch die drit­te Teilung und den Ver­hee­run­gen des Kriegs herrsch­ten Cha­os und Hun­ger in wei­ten Tei­len der neu­en Re­pu­blik. Die In­sti­tu­tio­nen fehl­ten, und die Grenz­ver­läu­fe wa­ren um­strit­ten. Die pol­ni­sche Kultur und ein na­tio­na­les Be­wusst­sein hat­ten die Tei­lungs­zeit zwar über­lebt, doch die Ent­wick­lung war in den preus­si­schen, rus­si­schen und habs­bur­gi­schen Ge­bie­ten un­ter­schied­lich ver­lau­fen. Zu­dem stan­den sich zwei Staats­kon­zep­tio­nen ge­gen­über. Der So­zia­list und ehe­ma­li­ge Frei­schär­ler Pil­sud­ski, dem li­taui­schen Lan­da­del ent­stam­mend, streb­te ei­ne Wie­der­her­stel­lung der Gren­zen vor der Teilung weit über die pol­ni­schen Sied­lungs­ge­bie­te hin­aus und da­mit ei­ne mul­ti­na­tio­na­le Fö­de­ra­ti­on in der Tra­di­ti­on der 1795 un­ter­ge­gan­ge­nen Adels­re­pu­blik an. Die Na­tio­nal­de­mo­kra­ten sei­nes gros­sen Ge­gen­spie­lers Ro­man Dmow­ski de­fi­nier­ten den pol­ni­schen Staat eth­nisch ho­mo­gen und ka­tho­lisch. Ent­spre­chend weit gin­gen die For­de­run­gen Po­lens bei den Frie­dens­ver­hand­lun­gen in Ver­sailles, die nur teil­wei­se be­frie­digt wur­den. Vor al­lem Gross­bri­tan­ni­en sah ei­ne Ver­schie­bung der pol­ni­schen Gren­ze nach Wes­ten skep­tisch; Lon­don woll­te Deutsch­land als Boll­werk ge­gen die Bol­sche­wi­ki nicht zu ge­schwächt se­hen. Dies ent­sprach den Vor­stel­lun­gen Pil­suds­kis, der das Ter­ri­to­ri­um nach Os­ten aus­deh­nen woll­te. Die mass­geb­lich von ihm ge­schaf­fe­ne Ar­mee rück­te nach dem Ab­zug deut­scher Ein­hei­ten im Lau­fe des Jah­res 1919 ge­gen Li­tau­er und Ukrai­ner vor, wo­bei sie das Macht­va­ku­um auf­grund des rus­si­schen Bür­ger­kriegs nutz­te. Doch die Ro­te Ar­mee star­te­te ei­ne Ge­gen­of­fen­si­ve und stiess bis an die Weich­sel vor. Di­plo­ma­ti­sche Be­mü­hun­gen um ei­nen Waf­fen­still­stand schei­ter­ten, denn die So­wjets sa­hen in der Ero­be­rung War­schaus den Durch­bruch zur Welt­re­vo­lu­ti­on. «Über den Leich­nam Po­lens führt der Weg zum all­ge­mei­nen Welt­brand», hiess es im Ta­ges­be­fehl vom 2. Ju­li an die Ro­te Ar­mee.

In die­ser Not wag­te Pil­sud­ski ein über­aus ris­kan­tes Ma­nö­ver. Zu­nächst liess er die Rus­sen in lee­re Räu­me vor­stos­sen, um dann persönlich die 4. Ar­mee vom Sü­den War­schaus her in die Flan­ke der Geg­ner zu füh­ren. So ge­lang ein über­ra­schen­der Zan­gen­an­griff. Die Ro­te Ar­mee zog sich flucht­ar­tig zu­rück. Die Schlacht von War­schau war der Wen­de­punkt des Krie­ges. Im Frie­den von Ri­ga im März 1921 ei­nig­ten sich Po­len und die So­wjet­uni­on auf ei­ne Grenz­zie­hung ent­spre­chend dem Front­ver­lauf – deut­lich wei­ter im Os­ten, als wenn auf Ge­bie­te mit ei­ner pol­ni­schen Be­völ­ke­rungs­mehr­heit ab­ge­stellt wor­den wä­re.

Die Ret­tung Eu­ro­pas?

Der Krieg von 1920 wur­de zum Grün­dungs­my­thos der Re­pu­blik, wie Wlod­zi­mierz Bo­rod­ziej, Pro­fes­sor für Zeit­ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät War­schau, er­klärt. Dies zum ei­nen, weil der jun­ge Staat in ei­nem Mo­ment gröss­ter Be­dro­hung über­lebt hat­te. Zum an­de­ren sah man im Sieg über die Ro­te Ar­mee aber auch die Ret­tung Eu­ro­pas vor dem Kom­mu­nis­mus – nicht nur in Po­len. Lord DA’ ber­non, der Lei­ter der Mis­si­on der En­tente in Po­len, schätz­te den Kampf um War­schau als ei­ne der be­deu­tends­ten Schlach­ten der Welt­ge­schich­te ein. Wä­re es Po­len nicht ge­lun­gen, den Vor­marsch der Ro­ten Ar­mee zu stop­pen, wä­re die west­li­che Zi­vi­li­sa­ti­on fun­da­men­tal be­droht ge­we­sen, schrieb er kurz nach dem Er­eig­nis. Das sei ei­ne schö­ne Le­gen­de, an wel­che die Po­len ger­ne glaub­ten, sagt Bo­rod­ziej. Er hält sie für Un­sinn. Auch west­lich von War­schau wä­ren die So­wjets auf Wi­der­stand ge­stos­sen, er­klärt er.

Die Schlacht ver­lieh Pil­sud­ski ei­nen Nim­bus, der bis heu­te nach­wirkt. Al­ler­dings war der So­zia­list, der sich wäh­rend der Tei­lungs­zeit an Ter­ror­ak­ten be­tei­ligt hat­te, da­mals viel um­strit­te­ner als im heu­ti­gen Po­len. Auf­grund sei­nes über­na­tio­na­len Ver­ständ­nis­ses von Po­lo­ni­tät ha­be Pil­sud­ski die Ge­sell­schaft ge­spal­ten, er­klärt Bo­rod­ziej. Die Rech­ten um Dmow­ski hät­ten nicht ak­zep­tie­ren kön­nen, dass der Ri­va­le die­se ent­schei­den­de Schlacht ge­won­nen ha­be. Sie präg­ten für sie die Be­zeich­nung des «Wun­ders an der Weich­sel», die zum ge­flü­gel­ten Wort wur­de. Ur­sprüng­lich soll­te sie sug­ge­rie­ren, dass nicht Pil­suds­kis stra­te­gi­sches Ge­schick, son­dern der Ein­fluss über­ir­di­scher Kräf­te zum Sieg ver­half.

Als Lan­des­va­ter für den zu­sam­men­wach­sen­den Staat taug­te Pil­sud­ski vor die­sem Hin­ter­grund nicht – trotz der Au­to­ri­tät, die er für die Lin­ke dar­stell­te. Nach­dem die neue Ver­fas­sung von 1921 die Macht des Staats­prä­si­den­ten be­schnit­ten hat­te, zog sich Pil­sud­ski aus der Po­li­tik und spä­ter auch von der Spit­ze des Mi­li­tärs zu­rück. Aus Sulejowek be­ob­ach­te­te er nun, was er als «Se­j­mo­kra­tie» geis­sel­te: In­sta­bi­li­tät und wech­seln­de Re­gie­run­gen, be­glei­tet von Hy­per­in­fla­ti­on und Kor­rup­ti­on. Im Zei­chen die­ser Kri­se putsch­te sich Pil­sud­ski im Mai 1926 zu­rück an die Macht. Nun er­rich­te­te er ein Re­gime, das er als mo­ra­li­sche Dik­ta­tur zur Ge­sun­dung (Sa­na­c­ja) des Staa­tes be­zeich­ne­te. De­mo­kra­ti­sche Struk­tu­ren wur­den sys­te­ma­tisch aus­ge­höhlt.

Den Un­ter­gang der Zwei­ten Re­pu­blik – als Ers­te gilt die früh­neu­zeit­li­che Adels­re­pu­blik – er­leb­te ihr Grün­der nicht mehr. Er starb vier Jah­re vor dem dop­pel­ten Über­fall der Na­zis und der So­wjet­uni­on 1939. Sei­ne Be­wer­tung muss wi­der­sprüch­lich aus­fal­len. In der Zwei­ten Re­pu­blik ha­be sich ei­ni­ges zum Bes­se­ren ent­wi­ckelt, aber die Struk­tur­pro­ble­me sei­en un­ge­löst ge­blie­ben, er­klärt Bo­rod­ziej. Al­ler­dings ha­be sie an­ge­sichts der ers­ten Kriegs­jah­re und spä­ter der Welt­wirt­schafts­kri­se auch schlicht zu we­nig Zeit ge­habt. Das dik­ta­to­ri­sche Re­gime Pil­suds­kis muss zu­dem im his­to­ri­schen Kon­text ge­se­hen wer­den: In der Region exis­tier­ten zu je­ner Zeit mit Aus­nah­me der Tsche­cho­slo­wa­kei kei­ne funk­tio­nie­ren­den De­mo­kra­ti­en.

Ein wie­der­auf­er­stan­de­ner Kult

Den­noch er­staunt, wie wohl­wol­lend je­ne Jah­re heu­te ge­se­hen wer­den. Es ent­stand schon zu sei­nen Leb­zei­ten ein wah­rer Kult um Pil­sud­ski, der wäh­rend des kom­mu­nis­ti­schen Re­gimes im Ge­hei­men wei­ter ge­pflegt wur­de. Der Kämp­fer ge­gen die Bol­sche­wi­ki war die­sem nicht ge­nehm. Sta­tu­en und Ge­denk­ta­feln wur­den zer­stört, und die Vil­la in Sulejowek wur­de für ei­nen Kin­der­gar­ten ge­nutzt, wie de­ren Di­rek­tor Ro­bert Su­pel er­zählt. Nach der Wen­de leb­te der Kult je­doch wie­der auf, heu­te gibt es un­zäh­li­ge Pil­sud­ski-Plät­ze und Denk­mä­ler. Nie­mand kön­ne sei­ne Rol­le bei der Er­lan­gung der Un­ab­hän­gig­keit und im Kampf ge­gen die So­wjets an­zwei­feln, fin­det Su­pel. Er­staun­li­cher­wei­se gilt Pil­sud­ski heu­te in ei­nem tief ge­spal­te­nen Land über die Par­tei­gren­zen hin­weg als Held. So­wohl die Kac­zyns­kis als auch ihr «ewi­ger» li­be­ra­ler Ge­gen­spie­ler Do­nald Tusk be­zeich­ne­ten ihn schon als Vor­bild. Ja­roslaw Kac­zyn­ski ver­glich den von ihm vor­an­ge­trie­be­nen Staats­um­bau so­gar mit der Sa­na­c­ja – ob­wohl sei­ne Par­tei eher in der Tra­di­ti­on der mit Pil­sud­ski ver­fein­de­ten Na­tio­nal­de­mo­kra­ten steht. Als Sym­bol der Un­ab­hän­gig­keit ver­samm­le Pil­sud­ski die gan­ze Ge­sell­schaft um sich, sagt der Mu­se­ums­di­rek­tor. Zu Leb­zei­ten war ihm das nicht ge­lun­gen.

NARCYZ WITCZAK-WITACZYNSKI

Jo­zef Pil­sud­ski präg­te die ers­ten zwei Jahr­zehn­te nach Po­lens Un­ab­hän­gig­keit 1918.

UNI­TED AR­CHI­VES / IMA­GO

Ei­ne rie­si­ge Men­ge wohnt der Ver­kün­dung der Re­pu­blik in Wi­en bei. Die­se en­det im Cha­os.

PD

«Heim­kehr der Habs­bur­ger in ihr Stamm­haus» ist der Ti­tel die­ser bis­si­gen Ka­ri­ka­tur aus dem Jahr 1919.

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