«Dank­bar, im si­che­ren Chi­na zu le­ben»

Und was ist mit der Zen­sur? Blog­ge­rin Manya Ko­e­t­se über Trends auf Wei­bo, dem gröss­ten Netz­werk Chi­nas

Neue Zurcher Zeitung - - MEDIEN - Wor­über wird denn bei­spiels­wei­se dis­ku­tiert? In­ter­view: Ron­nie Grob

Frau Ko­e­t­se, be­gin­nen wir fun­da­men­tal, weil wir die­ses In­ter­view nicht in Chi­na, son­dern in Zü­rich füh­ren. Was ist Wei­bo?

Si­na Wei­bo exis­tiert seit 2009, es ist das gröss­te so­zia­le Netz­werk Chi­nas. Wei­bo ist ver­gleich­bar mit Twit­ter, hat aber rund 100 Mil­lio­nen ak­ti­ve mo­nat­li­che Nut­zer mehr. Über­haupt kann Wei­bo sehr viel mehr: Es ist ei­ne mul­ti­funk­tio­na­le Su­per­App, ein wil­der Mix mit Funk­tio­na­li­tä­ten, wie wir sie von Twit­ter, Face­book, Ins­ta­gram, Snap­chat, Goodreads, IMDB, Youtube und Whats­app ken­nen.

Ih­re Web­site «What’s on Wei­bo» be­schreibt die Trends auf Wei­bo. Was hat das chi­ne­si­sche In­ter­net die­ses Jahr be­wegt?

Ge­ne­rell viel dis­ku­tiert wer­den die auf 30 bis 60 Fol­gen be­schränk­ten TV-Dra­men, die ähn­lich wie süd­ame­ri­ka­ni­sche Te­le­no­ve­las funk­tio­nie­ren. Die meis­ten Trends auf Wei­bo sind von der Ta­ges­ak­tua­li­tät ge­trie­ben und kurz­le­big.

Et­wa über ei­nen süss aus­se­hen­den Ro­bo­ter, der Be­su­cher ei­ner Mes­se at­ta­ckier­te und Ver­let­zun­gen ver­ur­sach­te. Oder über die­se ei­ne Zug­fah­re­rin, die als «train ty­rant» in die Ge­schich­te der Wei­bo-Trends ein­ging: Sie sass oh­ne Re­ser­va­ti­on auf ei­nem re­ser­vier­ten Sitz­platz und woll­te sich auch auf ein­dring­li­che Auf­for­de­rung des Zug­füh­rers nicht da­von weg­be­we­gen. Ihr Streit mit ihm wur­de ge­filmt und auf Wei­bo ge­stellt. In der Fol­ge er­hielt sie ei­ne Bus­se von 200 Yuan (30 Fran­ken) und wur­de für 180 Ta­ge für al­le Zü­ge der chi­ne­si­schen Staats­bah­nen ge­sperrt.

Und mit wem ha­ben sich die Nut­zer so­li­da­ri­siert?

Mit dem Zug­füh­rer. Vie­le Wei­bo-Nut­zer fan­den die­se Stra­fe viel zu mil­de. Es ka­men auch For­de­run­gen auf, dass ein sol­ches Ver­hal­ten in ei­nem So­ci­al-Cre­dit-Sys­tem ver­merkt wer­den müs­se. Ein an­de­res Vi­deo zeig­te ei­nen «Zug­ty­ran­nen», der be­haup­te­te, sich nicht von sei­nem Sitz­platz er­he­ben zu kön­nen, weil er ge­lähmt sei – er for­der­te ei­nen Roll­stuhl an. In der Fol­ge gab es zahl­lo­se wit­zi­ge Me­mes, die die bei­den re­ni­ten­ten Zug­fah­rer mit­ein­an­der ver­knüpf­ten. Für Bür­ger, die sich auf ei­ne sol­che Wei­se de­struk­tiv ge­gen­über der öf­fent­li­chen Ord­nung ver­hal­ten, gibt es nur we­nig Rück­halt. Über­wa­chung se­hen vie­le als ei­nen Weg, die öf­fent­li­che Ord­nung zu ver­bes­sern.

Ist ein So­ci­al-Cre­dit-Sys­tem aus frei­heit­li­cher Sicht nicht höchst pro­ble­ma­tisch?

Die west­li­che Be­richt­er­stat­tung zum chi­ne­si­schen So­ci­al-Cre­dit-Sys­tem ist viel­fach ein­sei­tig und reis­se­risch. Die Qu­el­len, die auf­zei­gen, wor­um es tat­säch­lich geht, sind zwar drö­ge zu le­sen, aber öf­fent­lich ver­füg­bar, vie­le auch auf Eng­lisch.

Was könn­ten denn die west­li­chen Jour­na­lis­ten bes­ser ma­chen?

Im Ok­to­ber wur­de auf dem Staats­sen­der Hun­an TV ein TV-Quiz mit jun­gen Men­schen un­ter dem Ti­tel «So­zia­lis­mus ist ein biss­chen cool» aus­ge­strahlt, das sich um die Ge­dan­ken von Xi Jin­ping und So­zia­lis­mus nach chi­ne­si­scher Art dreh­te. West­li­che Jour­na­lis­ten ha­ben das vor al­lem im Sin­ne von «Schaut mal, wie selt­sam die Chi­ne­sen sind» be­trach­tet. Es ist ei­ne Be­ob­ach­tung, die ich häu­fig ma­che: Ent­we­der wird an­kla­gend be­rich­tet, oder man will sich lus­tig ma­chen. Wer aber stets nur mit west­li­chem Bi­as und Fra­ming an Sto­rys her­an­geht, ver­passt wich­ti­ge Ent­wick­lun­gen: zum Bei­spiel, wie sehr die in­ner­chi­ne­si­sche Pro­pa­gan­da ih­re Form än­dert, wie sie spie­le­ri­scher wird, wit­zi­ger, ge­schick­ter. Pro­pa­gan­da fin­det längst nicht mehr auf dump­fen Pro­pa­gan­d­a­pos­tern statt, son­dern in Apps, im In­ter­net, in TV-Shows.

Wie kri­tisch ist die chi­ne­si­sche Be­völ­ke­rung selbst ge­gen­über Pro­pa­gan­da? Vie­le Chi­ne­sen, auch klu­ge, ge­bil­de­te, küm­mern sich we­nig um Po­li­tik. Es geht ih­nen in ers­ter Li­nie dar­um, ihr ei­ge­nes Le­ben zu ver­bes­sern, al­so mehr Geld zu ver­die­nen. Den west­li­chen Me­di­en ge­gen­über sind sie nicht we­ni­ger kri­tisch als ge­gen­über den ei­ge­nen Staats­me­di­en.

Und die jun­gen Men­schen?

Die Men­schen un­ter 30, die in ei­nem di­gi­ta­li­sier­ten Chi­na auf­ge­wach­sen sind, sind ei­ner­seits kri­tisch, weil sie in­ter­na­tio­na­le Ein­flüs­se durch­aus wahr­neh­men. An­de­rer­seits aber lie­ben sie Chi­na und sind sehr pa­trio­tisch. Sie hin­ter­fra­gen die Sto­rys der Staats­me­di­en und zö­gern auch nicht, die­se als Quatsch zu be­nen­nen. Im Sep­tem­ber et­wa wur­de der Raus­schmiss ei­ner chi­ne­si­schen Fa­mi­lie aus ei­ner Ho­tel­lob­by in Stock­holm viel be­spro­chen auf Wei­bo: Es kam zu dra­ma­ti­schen Sze­nen auf der Stras­se, die Po­li­zei wur­de ge­ru­fen. Zu­fäl­li­ger­wei­se brach die Dis­kus­si­on zum Vor­fall just zu der Zeit aus, als der Da­lai La­ma ei­ne Kon­fe­renz in Mal­mö be­such­te. Auf Wei­bo wa­ren vie­le der Mei­nung, die Fa­mi­lie über­trei­be und sei selbst schuld, weil sie vie­le St­un­den vor der Check-in­Zeit an­ge­kom­men war und le­dig­lich be­reit war, ei­ne Ge­bühr zu zah­len, um in der Lob­by zu blei­ben. Es wur­de auch ver­mu­tet, die Sto­ry kom­me auf, um Schwe­den da­für zu be­stra­fen, den Da­lai La­ma emp­fan­gen zu ha­ben.

Wer­den die­se kri­ti­schen Kom­men­ta­re ge­löscht?

Nein. Es wird ein Un­ter­schied ge­macht, ob je­mand den Wahr­heits­ge­halt von Be­rich­ten der Staats­me­di­en oder die Au­to­ri­tät des Staa­tes ge­ne­rell in­fra­ge stellt.

Was auf «What’s on Wei­bo» be­spro­chen wird, hat al­les die Zen­sur durch­lau­fen, rich­tig?

Rich­tig. Manch­mal wird ein The­ma auf Twit­ter so gross, dass ich mich ge­zwun­gen se­he, nach­zu­schau­en, was es auf Wei­bo da­zu gibt. Und oft ist da ein­fach nichts. Zur viel­leicht meist­dis­ku­tier­ten Nach­richt über Chi­na in west­li­chen

«Pro­pa­gan­da fin­det längst nicht mehr auf dump­fen Pos­tern statt, son­dern in Apps, im In­ter­net, in TV-Shows.»

«Die Re­gie­rung, die Staats­me­di­en, auch die Po­li­zei ha­ben un­zäh­li­ge Wei­bo-Kon­ten, sie sind sehr ak­tiv.»

Me­di­en 2018, der Auf­he­bung der Amts­zeit­be­schrän­kung von Xi Jin­ping, war auf Wei­bo nichts zu le­sen. Es lässt sich auch nichts fin­den, wenn et­wa Xi Jin­ping Kim Jong Un trifft. In sol­chen Fäl­len wer­den ein­fach die Kom­men­ta­re ge­sperrt und Pos­tings, die das The­ma be­han­deln, ge­löscht. Gleich­zei­tig wird die An­zahl der Be­rich­te staat­li­cher Me­di­en er­höht. Ich be­ob­ach­te zu­dem oft, dass klei­ne Sto­rys auf Wei­bo sehr gross wer­den kön­nen und gros­se Sto­rys ganz klein.

Wie ak­tiv sind denn staat­li­che Me­di­en auf Wei­bo?

Die Re­gie­rung, die Staats­me­di­en, auch die Po­li­zei ha­ben un­zäh­li­ge Wei­bo-Kon­ten, sie sind sehr ak­tiv. Hin­zu kom­men die Mei­nungs­füh­rer, Be­rühmt­hei­ten, Fir­men. Wel­chen An­teil des An­ge­bots die je­wei­li­gen Grup­pen ein­neh­men, ist un­klar, denn Da­ten wie zum Bei­spiel Goog­le Trends oder Goog­le Ana­ly­tics sind nicht öf­fent­lich.

Aber Sie wissen, wer «What’s on Wei­bo» liest?

Ja. Al­ler­dings wur­de mei­ne Web­site die­ses Jahr in Chi­na ge­blockt, im Zu­ge des Blo­ckie­rens vie­ler wei­te­rer west­li­cher Web­sites, so auch der BBC. Kon­kre­ter Aus­lö­ser bei mir war aber wohl le­dig­lich, dass ich mei­ne Web­site mit HTTPS ge­si­chert ha­be. Ein Stan­dard, den Goog­le for­dert, für den man in Chi­na hin­ge­gen ge­blockt wird.

Wel­che west­li­chen Web­sites sind denn noch zu­gäng­lich in Chi­na?

Zum Bei­spiel Lin­ke­din. Klei­ne­re Blogs sind auch noch of­fen.

Gibt es auch Schwei­zer, die auf Wei­bo sind?

Die Schwei­zer Bot­schaft ist auf Wei­bo, sie hat über 100 000 Fol­lo­wer. 2016 ha­be ich ein­mal ei­ne Aus­wer­tung ge­macht zu den be­lieb­tes­ten Bot­schafts­kon­ten, da war die Schweiz auf Platz 16. Die Top 3 be­leg­ten Is­ra­el, Ka­na­da und die USA. Es gibt so­gar ei­nen Hash­tag zum The­ma: Weiblo­ma­cy.

Pau­schal ge­fragt: Wie neh­men die Chi­ne­sen ei­gent­lich Eu­ro­pa aus der Fer­ne wahr?

Als Cha­os. Das hat aber na­tür­lich da­mit zu tun, wie Eu­ro­pa in den Nach­rich­ten dar­ge­stellt wird. Ver­brei­tet ist die Hal­tung, dass sich Eu­ro­pa mit der Flücht­lings­kri­se, den Ter­ror­an­schlä­gen, der Po­la­ri­sie­rung und den Pro­tes­ten auf dem Weg in den Ru­in be­fin­det. Man ist dank­bar, im si­che­ren Chi­na zu le­ben und nicht im un­si­che­ren Eu­ro­pa. Ge­ne­rell kann man fest­stel­len, dass Eu­ro­pa sehr lang­sam in der di­gi­ta­len Trans­for­ma­ti­on und sehr in­ter­na­tio­nal aus­ge­rich­tet ist. Chi­na da­ge­gen ist sehr schnell in der Trans­for­ma­ti­on und sehr auf Chi­na aus­ge­rich­tet.

PD

Manya Ko­e­t­se grün­de­te 2014 das Blog «What’s on Wei­bo».

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