Schweiz re­gu­liert mehr als der Mi­gra­ti­ons­pakt

Neue Zurcher Zeitung - - MEDIEN -

Rai­ner Stad­ler · Mi­gra­ti­ons­pakt? Vor kur­zem konn­te man bei der Nen­nung die­ses Stich­worts noch in rat­lo­se Ge­sich­ter bli­cken. Jetzt ist das omi­nö­se Pa­pier der Ver­ein­ten Na­tio­nen in den öf­fent­li­chen Fo­ren weit nach vor­ne ge­rückt. Ha­ben die auf al­ter­na­ti­ven Platt­for­men ak­ti­ven Kri­ti­ker die Me­di­en­kar­rie­re des Pakts ge­för­dert? Oder ha­ben in­ter­es­sier­te Ein­flüs­te­rer bei den Mas­sen­me­di­en nach­ge­hol­fen?

Zur rich­ti­gen Zeit souf­flier­te Reiz­wör­ter an die Adres­se halb in­for­mier­ter oder vor­ein­ge­nom­me­ner Jour­na­lis­ten sind zwei­fel­los nütz­lich, um ei­ne Dis­kus­si­on an­zu­schie­ben und sie in die ge­wünsch­te Rich­tung zu len­ken. Bei­spiels­wei­se mit dem Alarm­be­griff Zen­sur. Der Chef­re­dak­tor der «Welt­wo­che» warn­te am Don­ners­tag vor der In­stal­lie­rung ei­ner «Ge­sin­nungs­kon­troll­be­hör­de» zur Über­wa­chung des Jour­na­lis­mus, falls die Schweiz den Mi­gra­ti­ons­pakt un­ter­schrei­be. Und er be­klag­te sich dar­über, dass die Me­di­en­ver­bän­de kei­ne Pro­test­no­ten ver­schickt hät­ten.

Stein des An­stos­ses ist fol­gen­de, in­zwi­schen viel­zi­tier­te Pas­sa­ge: Da­nach sol­len sich die Staa­ten ver­pflich­ten, kei­ne Me­di­en fi­nan­zi­ell oder ma­te­ri­ell zu un­ter­stüt­zen, wel­che «sys­te­ma­tisch In­to­le­ranz, Frem­den­feind­lich­keit, Ras­sis­mus und an­de­re For­men der Dis­kri­mi­nie­rung ge­gen­über Mi­gran­ten för­dern». Der hier zum Aus­druck kom­men­den Grund­hal­tung wird man als Jour­na­list nicht ernst­haft wi­der­spre­chen wol­len. In die­sem Sinn ist denn auch der Schwei­zer Be­rufs­ko­dex for­mu­liert.

Die Fra­ge bleibt al­ler­dings, wer prüft, ob die­se Nor­men ein­ge­hal­ten wer­den. Das ist nicht die Auf­ga­be des Staats, wenn die Me­di­en­frei­heit ge­währ­leis­tet sein soll. Die­se Frei­heit ga­ran­tiert die Bun­des­ver­fas­sung. Eben­so tut dies der Uno-Mi­gra­ti­ons­pakt un­miss­ver­ständ­lich. Wenn je­doch ein Staat ei­nen Me­di­en­an­bie­ter un­ter­stützt oder pri­vi­le­giert, ist es le­gi­tim, dass er ge­wis­se Grund­re­geln der Un­par­tei­lich­keit fest­legt, wie sie auch die SRG zu er­fül­len hat. Das ist der Preis der Hil­fe.

Ab­ge­se­hen da­von geht die Schwei­zer Re­ge­lung jetzt schon wei­ter als der Mi­gra­ti­ons­pakt. Ge­mäss dem hie­si­gen Ge­setz sind näm­lich sämt­li­che Ra­diound Fern­seh­ver­an­stal­ter ver­pflich­tet, we­der zu dis­kri­mi­nie­ren noch zu Ras­sen­hass bei­zu­tra­gen oder die öf­fent­li­che Sitt­lich­keit zu ge­fähr­den. Bis jetzt hat sich noch nie die Fra­ge ge­stellt, ob ei­nem schwei­ze­ri­schen Sen­der we­gen Ver­let­zung die­ser Nor­men die Li­zenz ent­zo­gen wer­den soll. In­so­fern geht es hier um graue Theo­rie.

Den­noch ist es nö­tig, wach­sam zu sein. Die Uno-Mit­glie­der ver­pflich­ten sich ge­mäss dem Mi­gra­ti­ons­pakt, zu­sam­men «mit al­len Tei­len der Ge­sell­schaft» ei­nen of­fe­nen, auf Fak­ten ba­sie­ren­den Dis­kurs über Mi­gra­ti­on zu füh­ren. Die­se Auf­ga­be müss­ten ei­gent­lich freie, selbst­ver­ant­wort­lich han­deln­de Me­di­en er­fül­len – wenn sie denn da­zu auf­grund der staat­li­chen, wirt­schaft­li­chen und so­zia­len Be­din­gun­gen in der La­ge sind.

Fer­ner sieht das Pa­pier vor, ei­ne «hoch­wer­ti­ge» Be­richt­er­stat­tung zu för­dern, in­dem die Jour­na­lis­ten für mi­gra­ti­ons­spe­zi­fi­sche Fra­gen sen­si­bi­li­siert wer­den. Das klingt ziem­lich pa­ter­na­lis­tisch. Frag­wür­dig ist die Ab­sicht, durch «In­ves­ti­tio­nen in et­hi­sche Stan­dards der Be­richt­er­stat­tung» die öf­fent­li­che De­bat­te zu un­ter­stüt­zen. Auch das wä­re ei­ne Kern­auf­ga­be der Me­di­en. Hier­zu­lan­de funk­tio­niert die Selbst­re­gu­lie­rung in die­ser An­ge­le­gen­heit. Die um­ständ­li­chen und teil­wei­se wi­der­sprüch­li­chen Pas­sa­gen des Mi­gra­ti­ons­pakts stel­len aber für un­se­re Re­dak­tio­nen kei­ne Ge­fahr dar.

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