Lie­ber bri­ti­sches Wet­ter als den Br­ex­it

Neue Zurcher Zeitung - - MEINUNG & DEBATTE -

Ein letz­ter som­mer­li­cher Hauch weht durch Gross­bri­tan­ni­en. Das Brut­to­in­land­pro­dukt (BIP) hat von Ju­li bis Sep­tem­ber re­al um 0,6 Pro­zent zum Vor­quar­tal zu­ge­legt, wie das na­tio­na­le Sta­tis­tik­bü­ro am Frei­tag schätz­te. Es ist das höchs­te Quar­tals­wachs­tum seit En­de 2006. Grund war der her­aus­ra­gend gu­te Som­mer – ei­ne fast ar­chai­sche Kau­sa­li­tät in Zei­ten abs­trak­ter Wirt­schafts­wel­ten und kom­pli­zier­ter Br­ex­it-The­ma­tik. Doch die Bri­ten re­den nicht nur ger­ne über das Wet­ter, sie rich­ten sich auch da­nach. In die­sem Jahr stärk­ten die war­men Tem­pe­ra­tu­ren und son­ni­gen Ta­ge des Som­mers den Kon­sum und die Bau­tä­tig­keit, nach­dem bei­des im ers­ten Quar­tal 2018 dar­nie­der­ge­le­gen hat­te. Für je­ne Schwä­che war, der Le­ser ahnt es be­reits, eben­falls das Wet­ter ver­ant­wort­lich. Die Käl­te des Win­ters war den sonst sel­ten von Schnee und Eis ge­prüf­ten Bri­ten in die Kno­chen ge­fah­ren. Auf die durch Schock­fros­ten ver­ur­sach­te Star­re der Kon­junk­tur folg­te ei­ne durch den Hit­zestoss um­so grös­se­re Er­wär­mung.

Eu­pho­rie will den­noch nicht auf­kom­men. Für das Ge­samt­jahr ist un­ter dem Strich nur ein BIPWachs­tum von rund 1,3 Pro­zent ge­gen­über 2017 zu er­war­ten, der nied­rigs­te Wert seit 2009. Für Ok­to­ber bis De­zem­ber wird ei­ne deut­li­che Ab­küh­lung der Kon­junk­tur pro­gnos­ti­ziert. Vor­aus­lau­fen­de In­di­ka­to­ren, zum Bei­spiel Ein­kaufs­ma­na­ger­indi­zes, wei­sen dar­auf hin. Im Au­gust und Sep­tem­ber sta­gnier­te die BIP-Zu­nah­me be­reits, und die In­ves­ti­tio­nen der Un­ter­neh­men sind im drit­ten Quar­tal um 1,2 Pro­zent zum Vor­quar­tal ge­sun­ken. Es ist der drit­te Quar­tals­rück­gang nach­ein­an­der, ins­ge­samt hält der Ab­wärts­trend der In­ves­ti­tio­nen seit dem zwei­ten Quar­tal 2017 an. Die bri­ti­sche Wirt­schaft lei­det un­ter der schlep­pen­den Pro­duk­ti­vi­täts­ent­wick­lung. Gleich­zei­tig liegt die Ar­beits­lo­sig­keit auf sehr tie­fem Ni­veau (der Be­schäf­ti­gungs­zu­wachs fand in re­la­tiv un­pro­duk­ti­ven Di­enst­leis­tungs­sek­to­ren statt). Das lässt stei­gen­de Löh­ne er­war­ten, was Ar­beit­neh­mer nach den im Jahr 2017 ge­fal­le­nen Re­al­ein­kom­men zwar freut, die Fir­men aber we­ni­ger wett­be­werbs­fä­hig macht.

Die In­ves­ti­ti­ons­zu­rück­hal­tung wird auf die Un­si­cher­heit durch den Br­ex­it zu­rück­ge­führt. Ge­lingt ein Ab­kom­men über den Aus­tritt des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs aus der EU, wür­de auf das Aus­schei­den En­de März 2019 ei­ne Über­gangs­pe­ri­ode bis En­de 2020 fol­gen, in der sich auf bei­den Sei­ten des Ka­nals fast nichts än­dert. Doch oh­ne Ab­kom­men droht der un­ge­re­gel­te, «har­te» Br­ex­it. Kommt es da­zu, wer­den in der Nacht auf den 30. März 2019 zwar nicht die Flug­zeu­ge vom Him­mel fal­len. Aber der «har­te» Br­ex­it wä­re Gift für die Kon­junk­tur. Er muss nicht in ei­ner Re­zes­si­on münden, aber Bar­rie­ren zum gröss­ten Han­dels­part­ner EU blei­ben nicht fol­gen­los.

Lei­der ist selbst bri­ti­sches Wet­ter ver­läss­li­cher zu pro­gnos­ti­zie­ren als der Ver­lauf des Br­ex­it. Die Ver­hand­lun­gen sind in der End­pha­se; ge­strit­ten wird nicht nur zwi­schen Lon­don und Brüs­sel, son­dern auch zwi­schen der Re­gie­rung und dem Par­la­ment. Die Hek­tik nimmt zu, weil die Zeit ab­läuft, um al­le po­li­ti­schen Hür­den für ei­nen Deal zu ab­sol­vie­ren. Der Ein­druck drängt sich auf, dass zu lan­ge igno­riert wur­de, was auf dem Spiel steht. Br­ex­it-Mi­nis­ter Do­mi­nic Ra­ab räum­te in die­ser Wo­che ein, er ha­be lan­ge nicht ver­stan­den, wie wich­tig die Han­dels­rou­te zwi­schen Do­ver und Ca­lais für die bri­ti­sche Wirt­schaft sei. Der­weil sind sich vie­le Öko­no­men ei­nig, dass al­lein die Aus­sicht auf den EU-Aus­tritt Gross­bri­tan­ni­en seit dem Vo­tum im Ju­ni 2016 be­reits ei­ni­ges Wirt­schafts­wachs­tum ge­kos­tet hat. Da­mit der Scha­den nicht grös­ser wird, muss jetzt ei­ne Ei­ni­gung her. Es wä­re schön, mehr über das Wet­ter re­den zu kön­nen.

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