Un­schul­di­ge Schul­den?

Neue Zurcher Zeitung - - MEINUNG & DEBATTE - Von GER­HARD SCHWARZ Ger­hard Schwarz ist un­ter an­de­rem Prä­si­dent der Pro­gress Foun­da­ti­on.

In der Schweiz ist die An­sicht, der Staat soll­te sich nicht wei­ter ver­schul­den, son­dern eher Schul­den ab­bau­en, stark ver­an­kert. Man ist stolz dar­auf, dass das Volk die «Er­fin­dung» der Schul­den­brem­se 2001 mit 85 Pro­zent Zu­stim­mung gut­ge­heis­sen hat. Ob­wohl es stets Be­stre­bun­gen gibt, sie zu lo­ckern, ge­hört «Nicht mehr aus­ge­ben, als man ein­nimmt» zur ale­man­ni­schen DNA. Auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne fin­det die Kri­tik an ho­hen Staats­schul­den da­ge­gen nur we­nig Sup­port, und in der öko­no­mi­schen Zunft ist sie um­strit­ten.

In den USA ist die Brut­to­ver­schul­dung des Zen­tral­staa­tes seit 1981 (dem Amts­an­tritt Ro­nald Rea­gans) von 31 Pro­zent des Brut­to­in­land­pro­dukts (BIP) auf heu­te über 100 Pro­zent ge­stie­gen. Aus­ser un­ter Bill Cl­in­ton stie­gen die Schul­den un­ter al­len Prä­si­den­ten, am stärks­ten un­ter Ba­rack Oba­ma. In Frank­reich liegt die Schul­den­quo­te der­zeit bei knapp 98 Pro­zent des BIP. Je­de Se­kun­de er­höht sich die Schuld um gut 2000 Eu­ro. Be­zieht man die künf­ti­gen Ren­ten­an­sprü­che mit ein, kommt man je nach Schät­zung so­gar auf ei­ne Staats­schuld von 400 bis 550 Pro­zent des BIP. Frank­reich hat seit 1975 in kei­nem ein­zi­gen Jahr ei­nen Über­schuss er­zielt. In an­de­ren Staa­ten ist es kaum bes­ser. Von den 28 EU-Staa­ten ha­ben seit 1995 nur 4 in min­des­tens der Hälf­te der Zeit ei­nen Über­schuss er­zielt, 8 EU-Staa­ten ha­ben in den 24 Jah­ren kein ein­zi­ges Mal po­si­tiv ab­ge­schlos­sen, dar­un­ter ne­ben Frank­reich auch Ita­li­en und Ös­ter­reich. Deutsch­land hat es im­mer­hin in 7 Jah­ren ge­schafft, ei­nen Über­schuss zu er­zie­len, und ist dar­an, Schul­den ab­zu­bau­en, was von Kri­ti­kern als schäd­li­che Aus­te­ri­täts­po­li­tik ge­geis­selt wird.

Das klas­si­sche Ar­gu­ment für das Schul­den­ma­chen ist das keyne­sia­ni­sche, al­so der Ver­such, im Kon­junk­tur­ein­bruch die Wirt­schaft mit zu­sätz­li­chen Staats­aus­ga­ben zu be­le­ben. Es ist aber auch das über­zeu­gends­te Ar­gu­ment für ge­le­gent­li­che Haus­halt­über­schüs­se, um im Auf­schwung die Aus­ga­ben zu dämp­fen und für die an­ti­zy­kli­sche Po­li­tik vor­zu­sor­gen. Nicht wirk­lich über­zeu­gen kön­nen da­ge­gen Ar­gu­men­te, die im Staat den bes­se­ren In­ves­tor se­hen als im pri­va­ten Sek­tor. Die ei­nen wol­len, dass sich der Staat ver­schul­det, um den glo­ba­len Über­hang des pri­va­ten Ka­pi­tal­an­ge­bots über die pri­va­te Ka­pi­tal­nach­fra­ge zu kom­pen­sie­ren, an­de­re be­strei­ten un­ter Ver­weis auf zu­kunfts­träch­ti­ge In­ves­ti­tio­nen die The­se, Ver­schul­dung be­las­te künf­ti­ge Ge­ne­ra­tio­nen. Da­bei schwingt un­aus­ge­spro­chen im­mer mit, der Staat ver­schul­de sich für In­ves­ti­tio­nen und nicht zum Zwe­cke des Kon­sums, er tue es für gu­te, volks­wirt­schaft­lich ren­ta­ble In­ves­ti­tio­nen, und er in­ves­tie­re ef­fi­zi­ent. Doch die Rea­li­tät ist an­ders. Staa­ten ge­ben viel mehr Geld für den Kon­sum als für In­ves­ti­tio­nen aus. Sie ir­ren sich nicht we­ni­ger als Pri­va­te, so dass we­gen der Grös­se des Staa­tes das Scha­den­s­po­ten­zi­al grös­ser ist. Und weil Kas­se sinn­lich macht, führt die Aus­wei­tung des Haus­halts mit Kre­di­ten schnell zu ei­ner ge­wis­sen Leicht­sin­nig­keit.

Ge­wiss sind Schul­den nicht per se et­was Schlech­tes. Und ei­ne wis­sen­schaft­lich be­frie­di­gen­de Ant­wort auf die Fra­ge nach der «rich­ti­gen» Hö­he von Staats­schul­den gibt es nicht. Doch ei­ni­ge zwar ba­na­le, aber nicht min­der sinn­vol­le Leit­plan­ken sind hilf­reich. Ers­tens soll­te der Schul­den­dienst nicht ein zen­tra­ler Pos­ten des Staats­haus­hal­tes wer­den. Wenn er, wie in den USA, bald 10 Pro­zent er­reicht, tut er das. Zwei­tens soll­ten die Schul­den ei­ne ge­wis­se Grös­se, sa­gen wir das Dop­pel­te ei­nes Staats­haus­hal­tes, nicht über­schrei­ten. Bei Staats­quo­ten von 40 und Schul­den­quo­ten von 100 Pro­zent des BIP tun sie das. Drit­tens soll­ten die Schul­den nicht un­be­grenzt stei­gen. Bei jahr­zehn­te­lan­gen De­fi­zi­ten tun sie das. Wenn die­se drei Gren­zen über­schrit­ten wer­den, ver­lie­ren Schul­den ih­re Un­schuld.

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