Wie­der ein Dia­log der Ver­nunft

Neue Zurcher Zeitung - - INTERNATIONAL -

Auf den ers­ten Blick scheint es, als wüss­te in der aus­tra­li­schen Po­li­tik die ei­ne Hand nicht, was die an­de­re tut. Da kün­digt Pre­mier­mi­nis­ter Scott Mor­ri­son ein mil­li­ar­den­schwe­res In­fra­struk­tur­pro­gramm für den Süd­pa­zi­fik an, das – selbst wenn dies der Re­gie­rungs­chef nicht of­fen sagt – klar als Ge­gen­ge­wicht zum wach­sen­den Ein­fluss Chi­nas in der Region kon­zi­piert ist. Und zur glei­chen Zeit weilt sei­ne Aus­sen­mi­nis­te­rin Ma­ri­se Pay­ne in Pe­king. Es ist no­ta­be­ne das ers­te Mal seit drei Jah­ren, dass die höchs­te Di­plo­ma­tin des Lan­des dort emp­fan­gen wird. Ih­re Auf­ga­be: das in letz­ter Zeit arg ram­po­nier­te Ver­hält­nis wie­der auf ei­ne pro­duk­ti­ve­re Ebe­ne zu he­ben.

Statt zum Eklat kommt es zur de­mons­tra­ti­ven Be­zeu­gung ge­mein­sa­mer In­ter­es­sen und des Wil­lens zur Zu­sam­men­ar­beit. So­gar das äus­serst de­li­ka­te The­ma der Er­zie­hungs­la­ger in Xin­jiang spricht Pay­ne an. Ihr Ge­gen­über Wang Yi zeigt sich an der an­schlies­sen­den Me­di­en­kon­fe­renz dar­über nicht ent­rüs­tet, son­dern wie­der­holt ein­zig die of­fi­zi­el­le Po­si­ti­on, dass Chi­na sich in ei­nem Kampf ge­gen is­la­mi­schen Ex­tre­mis­mus be­fin­de.

Um zu ver­ste­hen, wie gross die Ver­än­de­rung ist, muss man et­was zu­rück­blen­den. Um den Jah­res­wech­sel deck­ten die Me­di­en in Down Un­der auf, dass aus­tra­li­sche Po­li­ti­ker und Par­tei­en Spen­den von Per­so­nen mit Ver­bin­dun­gen zur Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Chi­nas er­hal­ten hat­ten. Statt das ei­gent­li­che Pro­blem an­zu­ge­hen – näm­lich, dass aus­län­di­sche Par­tei­spen­den le­gal sind –, be­gann man ei­ne Schlamm­schlacht mit ge­gen­sei­ti­gen An­schul­di­gun­gen, wie sie für die po­la­ri­sier­te Po­li­tik des Lan­des ty­pisch ist. Ech­te und bloss ver­mu­te­te Ein­fluss­nah­me Pe­kings auf die Po­li­tik, die Wirt­schaft oder die Wis­sen­schaft wur­den in ei­nen Topf ge­wor­fen und skan­da­li­siert. Ein Ge­setz ge­gen aus­län­di­sche Ein­fluss­nah­me emp­fand Pe­king als ge­gen sich ge­rich­tet und ver­senk­te die bi­la­te­ra­len Be­zie­hun­gen im Tief­küh­ler.

Mitt­ler­wei­le hat sich die Ent­rüs­tung in Aus­tra­li­en ge­legt. In der Chi­na­po­li­tik schei­nen wirt­schaft­li­che Kräf­te, die vor al­lem die Markt­chan­cen se­hen, wie­der die Ober­hand über die Si­cher­heits­krei­se ge­won­nen zu ha­ben. Die­se ste­hen dem ame­ri­ka­ni­schen Den­ken na­he und be­trach­ten Pe­king in ers­ter Li­nie als geo­stra­te­gi­sche Her­aus­for­de­rung oder gar als Ge­fahr. Dass mit Mor­ri­son und Pay­ne zwei neue Ge­sich­ter Aus­tra­li­en re­prä­sen­tie­ren, hat den Neu­start si­cher ver­ein­facht.

Grund­sätz­lich ha­ben aber bei­de Sei­ten ge­merkt, dass sie ein­an­der brau­chen. Chi­na be­nö­tigt Aus­tra­li­ens Roh­wa­ren eben­so wie Aus­tra­li­en den chi­ne­si­schen Ab­satz­markt. Die Zehn­tau­sen­de von chi­ne­si­schen Stu­den­ten in Aus­tra­li­en sind für die Uni­ver­si­tä­ten ei­ne wich­ti­ge Ein­kom­mens­quel­le, und sie er­wer­ben Wissen, das spä­ter zu Hau­se ge­fragt ist. Nach­dem Do­nald Trump sei­nen Han­dels­krieg an­ge­zet­telt hat­te, ha­ben Canberra und Pe­king zu­dem ge­merkt, dass sie sel­ber mehr für den frei­en Han­del tun müs­sen.

Es ist zu be­grüs­sen, dass die Ver­nunft in die aus­tra­lisch-chi­ne­si­schen Be­zie­hun­gen zu­rück­ge­kehrt ist. Zwar wird es be­stimmt wie­der Rück­schlä­ge ge­ben, et­wa wenn chi­ne­si­sche Un­ter­neh­men In­ves­ti­tio­nen tä­ti­gen wol­len und Aus­tra­li­en die­se aus Über­le­gun­gen der na­tio­na­len Si­cher­heit zu­rück­weist. Doch wenn küh­le Köp­fe das Sa­gen ha­ben, kön­nen auch kon­tro­ver­se The­men an­ge­spro­chen wer­den. Und an die Stel­le von Kon­kur­renz kann Ko­ope­ra­ti­on tre­ten. So et­wa sag­te Wang Yi in Be­zug auf den aus­tra­li­schen Pa­zi­fik-Plan, dass die bei­den Län­der in der Region zu­sam­men­ar­bei­ten könn­ten.

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