Wir dür­fen nicht nach­las­sen

Neue Zurcher Zeitung - - MEINUNG & DEBATTE -

Al­le Jah­re, ja ei­gent­lich al­le Mo­na­te wie­der hö­ren und le­sen wir es: Re­sis­ten­zen ge­gen An­ti­bio­ti­ka sind auf dem Vor­marsch. Un­will­kür­lich fürch­tet man, bei der nächs­ten bak­te­ri­el­len Lun­gen­ent­zün­dung oder Harn­weg­sin­fek­ti­on nicht mehr mit wirk­sa­men Ge­gen­mit­teln be­han­delt wer­den zu kön­nen. Aber ehr­lich ge­sagt tritt auch ein Ge­wöh­nungs­ef­fekt ein. Ah ja, Tau­sen­de von In­fek­tio­nen und To­ten in Eu­ro­pa we­gen an­ti­bio­tika­re­sis­ten­ter Kei­me. Weiss man doch! Doch es lohnt sich, ei­nen ge­naue­ren Blick auf die Zah­len zu wer­fen, die die­se Wo­che für die Schweiz so­wie für Eu­ro­pa ver­öf­fent­licht wor­den sind.

Erst­mals wur­den für die Schweiz be­last­ba­re Zah­len und nicht nur Schät­zun­gen prä­sen­tiert. Laut dem Schwei­ze­ri­schen Zen­trum für An­ti­bio­tika­re­sis­ten­zen star­ben 2015 an In­fek­tio­nen durch an­ti­bio­tika­re­sis­ten­te Bak­te­ri­en 276 Men­schen. Die Zahl der da­durch ver­ur­sach­ten In­fek­tio­nen be­lief sich auf 7156. Durch die lan­des­wei­te Er­fas­sung von Kei­men bei In­fek­tio­nen und die Be­stim­mung des Re­sis­tenz­pro­fils sind die­se Zah­len we­sent­lich ver­läss­li­cher als zu­vor. Das eu­ro­päi­sche Netz­werk zur Be­ob­ach­tung an­ti­mi­kro­bi­el­ler Re­sis­ten­zen hat­te er­mit­telt, dass im ver­gan­ge­nen Jahr 33 000 Per­so­nen in 30 eu­ro­päi­schen Län­dern an an­ti­bio­tika­re­sis­ten­ten Kei­men ge­stor­ben sind. Zu­dem gab es je­weils ge­naue An­ga­ben, wel­che Re­sis­ten­zen wo auf dem Vor­marsch sind.

Durch sol­che eu­ro­pa­weit nach ein­heit­li­chen Stan­dards er­ho­be­nen Zah­len kön­nen nun Ent­wick­lun­gen viel zu­ver­läs­si­ger vor­her­ge­sagt und Miss­stän­de wie über­mäs­si­ger An­ti­bio­ti­ka­ver­brauch oder man­geln­de Hy­gie­ne­mass­nah­men ge­zielt be­kämpft wer­den.

Die Be­rich­te zei­gen auch, dass der An­ti­bio­ti­ka­ver­brauch in der Schweiz in den letz­ten Jah­ren teil­wei­se ab­ge­nom­men hat. Das ist längst nicht in al­len eu­ro­päi­schen Län­dern der Fall. Des­sen un­ge­ach­tet nimmt das Auf­tre­ten von re­sis­ten­ten Kei­men auch hier­zu­lan­de zu, al­ler­dings nicht so dra­ma­tisch wie an­dern­orts. Noch grei­fen die im Rah­men der na­tio­na­len Stra­te­gie ge­gen An­ti­bio­tika­re­sis­ten­zen seit 2015 ein­ge­lei­te­ten Mass­nah­men al­so nur sehr be­dingt.

Das heisst, wir al­le dür­fen mit un­se­ren An­stren­gun­gen nicht nach­las­sen. Da­zu zählt, dass wir als Pa­ti­en­ten nicht im­mer gleich ein An­ti­bio­ti­kum vom Arzt for­dern oder ak­zep­tie­ren dür­fen. Ärz­te müs­sen noch viel mehr als bis­her ein Pro­fil der Kei­me ih­rer Pa­ti­en­ten er­stel­len, um dann ein pass­ge­nau­es An­ti­bio­ti­kum oder eben et­was an­de­res zu ver­schrei­ben. Bau­ern und Tier­ärz­te müs­sen noch viel mehr als bis­her den An­ti­bio­ti­ka­ver­brauch bei Nutz­tie­ren ein­däm­men. Es müs­sen die­je­ni­gen be­lohnt wer­den, die we­nig An­ti­bio­ti­ka ver­schrei­ben – oder die Un­ein­sich­ti­gen ge­büsst. Spi­tä­ler und al­le dort ver­keh­ren­den Per­so­nen müs­sen auf ei­ne gna­den­lo­se Hy­gie­ne ach­ten. Ja, es ist im­mer die­sel­be Lei­er, aber al­les an­de­re hilft nichts.

Auf neue Su­per-Me­di­ka­men­te zu war­ten, ist töd­li­cher Leicht­sinn und noch we­ni­ger aus­sichts­reich als zu­vor. Denn in den letz­ten Jah­ren ha­ben sich im­mer mehr Phar­ma­fir­men von der Ent­wick­lung neu­er An­ti­bio­ti­ka zu­rück­ge­zo­gen. Sie gel­ten als we­nig lu­kra­tiv, weil die Su­che nach wirk­sa­men Mit­teln zeit­auf­wen­dig ist, die Me­di­ka­men­te aber bil­lig sein sol­len. Zu­dem ist das Ge­bot der St­un­de, we­ni­ger sol­cher Mit­tel ein­zu­set­zen. Be­reits heu­te tre­ten auch in der Schweiz Ver­sor­gungs­eng­päs­se bei An­ti­bio­ti­ka auf. Sie nur ge­zielt ein­zu­set­zen, hilft al­so nicht nur im Kampf ge­gen Re­sis­ten­zen, son­dern auch je­nen Er­krank­ten, die wirk­lich auf An­ti­bio­ti­ka an­ge­wie­sen sind.

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